Zuercher Theaterspektakel 1996 -- Kritiken
und andere gemeine Bemerkungen
(PAGE 7 of Zurich's Cynical Theatre Guide)




Die ersten anderthalb Wochen

Die letzte Woche

Das letzte Wochenende

im übrigen und überhaupt


.....





This pages pages informs you a posteriori about the performances at Zurich's theater festival 'Zuercher Theaterspektakel '96'. Its construction will take some time.

Alle Texte sind Originaltexte. Sie geben nicht notwendigerweise die heutige Meinung des Verfassers wieder.




Das Neue Spektakelkonzept: Zweidritteltheater

(Kurzkommentar, Version 5. September 11.00, zu 17 der ersten 19 von insgesamt 28 Hauptproduktionen, Korrektur einiger Schreibfehler und Formulierungen am 27.9. 18.00)


Ein ausführlicherer Kommentar folgt demnächst -- hier nur eine recht oberflächliche (und schlampig formulierte) Zusammenfassung unserer Beobachtungen beim heurigen Theaterspektakel, insbesondere beim Konsum von 17 Vorstellungen ebendort (der Verfasser lebt von der Wissenschaft und nicht vom Theater oder von der Liebe, weshalb er bisher keine Zeit fand, diesen Kommentar zu schreiben):

Nach unserem Verständnis ist das Programm heuer (vielleicht erstmals) primär nach küstlerischen Gesichtspunkten von der Festivalleitung gestaltet worden. Lokale Findlichkeiten wurden zwar offensichtlich mitberücksichtigt, aber nur in einem geringen Mass, so dass sie für Vieltheatergeher wie den hier schreibenden Rezensenten mehr eine willkommene Auflockerung des ansonsten überaus anspruchsvollen und Substanz forderndenden Programmes sind, denn ein kunstpolitisches Ärgernis.



Im Gegensatz zu den letzten Jahren serviert das Theaterspektakel uns heuer vor allem Theaterkunst, von wenigen Ausnahmen abgesehen. Aussergewöhnlich bemerkenswertes Theater boten vor allen die Produktionen "Arbeit macht frei" (Akko Theater Zentrum), "Der Prophet Ilja" (Teatr Kreatur), "moving a perhaps" (Alias Compagnie), "Here To Here" (Saburo Teshigawara et al.), "I Turcs tal Friul" (Teatridithalia -- Elio de Capitani) und "Pero, oder die Geheimnisse der Nacht" (Speeltheater Holland).

"Arbeit macht frei", "Der Prophet Ilja" und "I Turcs tal Friul" beschäftigten sich mit dem Umgang der Menschen mit der Religion: mit der jüdischen 'Holocaust-Religion' und dem wenig durchdachten, inkonsequenten Respekt der Mitteleuropäer vor der gelernten Unfassbarkeit des Holocaust, mit christlichem Aberglauben wider christlicher Heiligkeit, und mit der Verbindung von archaischem Stammesverhalten und 'vorjakobischem' Christentum zu einem Schicksalsglauben. "moving a perhaps" der Schweizer 'Compagnie Alias' und dasjapanische "Here to Here" demonstrierten spannendes traditionelles modernes Tanztheater, und "Pero, oder die Geheimnisse der Nacht" war ein auch für die vielen erwachsenen Zuschauer faszinierendes 'ab 6'--Kindertheater.



Das Akko Theater Zentrum lässt die Zuschauer in sechs Stunden schwer altern, oder führt sie, je nach Gesichtspunkt, in der Zeit zurück: Als junge SpundInnen ertragen wir milde lächelnd die Belehrungen einer grossen alten jüdischen Dame der Fremdenführung bei einer urtypischen Besichtigung einer Gedenkausstellung. Als greisenhafte, durch sechs Stunden Theater und zum letzten Teil erschöpfende Sitzgelegenheiten geschlauchte, Gestrige, ensteigen wir den heimeligen Katakomben im dritten Untergeschoss des Hauptbahnhofs, suchen nach einer für uns verständlichen Bedeutung, der lieblich chaotisch arrangierten modernen Konsumgesellschaft, obwohl wir das Vorgefundene eigentlich auf den ersten Blick als sinnlos ansehen, biedern uns furchtlos mit der Theatermannschaft an, und werden von dieser, den Jungen, ohne Gelegenheit zum Applaus aus dem Theater getrieben.

Manche Fragen werden vielleicht beantwortet, etwa die ad personam in der Parallelbeichtkammer gestellte nach der Zuschauer Verhältnis zum Holocaust; andere - möglicherweise - zur Diskussion gestellt, etwa die Fragen, wann und wo darf man lachen oder nicht, oder wie klug man sich im Theater verhalten muss oder auch nicht; vieles bleibt unklar. 'Das kleine weisse Haus unserer Jugend' -- trennt uns diese Metapher von den Jungen oder von den Alten? erklärt sie unsere Unbeziehung zum Holocaust? Wie verlogen ist ein weiblicher Zynismus, der in seiner transitiven Hülle 'Die Moldau' als eine Version von 'Alle meine Entlein' erklärt? Oder sind seine erotische Fragilität die Schwingen des Lebens in der Enge unseres Verstecks vor dem Tod oder der Freiheit?

Genau mit den Details nimmt es das Akko Theater dabei -- mit Konzept -- allerdings nicht. Anmassende, blasphemische Superstition, deuten uns die papierene Voraufklärung und Nachhilfe an, ist der Plan des Akko Theaters im eigenen Land Israel, und diese erlebt der Zuschauer in Zürich als sein eigenes Wesen, post exitum reflektiert. Oder auch nicht, denn das Publikum ist natürlich Zwinglimässig reserviert -- Jüdinnen ausgenommen -- und kultiviert. So richtig Schwein will keiner sein.

Trotzdem bleibt uns allen als Lebenserfahrung die Frage: wie wollen wir es in Zukunft halten, mit Politik, Erotik und Fressen, Trinken und Trauer. Und sie bleibt uns allein, denn fremd sind uns Anfang und Ende, nur die heimelige Mitte des Stücks ist unser eigen, mit Gesang, Erotik, Pathos, Lügen und Verklärungen, Allerkleinerweltschaos und Voyeurismus, Neid und gutem Essen, in eingesperrter, beengtester Gemeinschaft.

Das Eindringen in diese traute Mitte zwischen Grausigkeit und Lust, Tod und Überleben, geschieht in der Aufführung durchaus mit Bedächtigkeit und analytischer Reserve, im Nachinein betrachtet aber mit einer erschreckenden Schnelligkeit.

Diese Beobachtung steht in der ersten Wahrnehmung im Kontrast mit der phasenweise subjektiv erlebten Langeweile, doch diese ist - in einem gewissen Masse - eine natürliche Notwendigkeit für bedingungsloses Durchleben des Abends. Ein dahinrauschender Bilderbogen hätte nicht solch eine Kraft dem Publikum die beabsichtigten Situationen aufzuzwingen wie das pausenreiche Vorgehen der Inszenierung.

"Arbeit macht frei" beginnt mit einer Busfahrt nach Endingen, und dem Besuch der Holocaustgedenkausstellung in der dortigen Synagoge, das heisst mit einem Stück klassischen Theaters, das Schein dem Anschein gegenüberstellt, dem jetzigen Sein zum Ansehen des früheren. Die ZuschauerInnen erleben eine poetisch konzentrierte Führung, die ewige Führung durch eine Gedenkausstellung, die aufgrund der phantastischen schauspielerischen Leistungen jenes ungeheure Mass an Schönheit besitzt, die alles in Zweifel zieht und zwangsläfig zur Verklärung gerinnt auf der Busrückfahrt nach Zürich. Und erst viel, viel später -- entschuldigen Sie bitte diese stereotype Wendung -- beim Bier im Niederdorf, schälen sich die wesentliche Motive diesen ersten Akts heraus, von denen viele im nachfolgenden wieder aufgenommen werden. Ein pathetischer Bauchfleck der schemenhaft wiederekennbaren, stark verjüngten Fremdenführerin, auf projezierte alte Bilder, in die staubige Dunkelheit zwischen schwarzen Stoffvorhängen, erzeugt Theaterstimmung beim leutseligen Abgang des nunmehr ausgeschlafenen Publikums unter den Hauptbahnhof. Ein Holcaustreliquienkitschkabinett ruft postmoderne Theatererwartungen hervor, die die absurde, schulkabaretthafte Kinderholocaustgedenkveranstaltung dann aber nicht befriedigt.

Den Einstieg in die im 3. Untergeschoss gestaltete Katakombenwelt vermittelt erst das kurze oben angesprochene Holocaustinterview. Hier -- wie an anderen Stellen -- wird auf eine Optimierung des situativen Potentials verzichtet (zum späteren Bedauern der NZZ-Redaktorin, welche in der Folge ihres Outings während des Interviews "Ich schreibe." zu Tisch Objekt massiver sexueller Anzüglichkeiten wurde), und einige (nicht freilich der Herr "Ich rechne.") werden aus vorgeblichem Zeitdruck übergangen.

Später, beim Verlassen der Katakombenidylle kurz vor Schluss (welche der Renzensent auf einer halben Backe absitzen musste), nach einer Musikstunde, einer Tischgesellschaft mit arabischem Essen und einem witzigen, chauvinistischen jüdischen Wortfu&um;lhrer, der Klärung der Frage, welche der anwesenden Damen einen guten Fick nötig hätte, Verwandtschafts- und Nachbarschaftsdramen von Kellerverschlag zu Kellerverschlag, verschiedenen stereotypen Belehrungen über den Umgang mit Arabern, einem schockierenden und eindrücklichenn bildhaften Gleichnis über Ekel, Tod und Leben, einem indischen Märchen, Kaffee, und viel chaotischem Gebrüll, erwartet die Zuschauer in der freien Oberwelt ohrenbetäubender Lärm, ein kaum enträtselbares Gleichnis in Form einer Frau, die in den möglichen Überresten der vergangenen Mahlzeit sitzt und diese ohne Pause in sich hineinstopft, und ein postmodernes Horrorkitschkabinett unserer modernen Konsumgesellschaft (ähnlich der Unter-Escher-Wyss-Platz-Welt letztes Jahr), und schliesslich ein tanzender Araber, der nur mit einem am Hals hängenden Bieröffner bekleidet sich sanft auf die Arschbacken schlägt. Das dazugehörende Bier wird auch ausgeteilt und von einigen, auch dem Rezensenten geöffnet; und es gibt Gelegenheit zum Tänzer aufs Podest zu steigen und sich selbst mit einem Stock zu schlagen (die manche nicht ungenutzt verstreichen lassen).

Langatmigkeiten und abrupte, gewaltsame Szenenwechsel -- ein Schläfchen auf den Busfahrten nach und von Endingen zu Beginn des Abends wird ebenso nahegelegt, wie andererseits das Aufessen der gefüllten Teller verweigert wird -- ziehen und stossen die ZuschauerInnen durch diesen Theaterabend, und prägen so einen Lebensrhythmus des mehr oder weniger grossen kleinen (Theater)-Glücks, das die angedeuteten und viele andere Fragen stellt und in seltsamer, ja, trotz der motivischen Ähnlichkeiten, in krasser Zusammenhanglosigkeit zur intellektuellen Atmosphähre am Busbahnhof Sihlquai zu Beginn steht und zur grossen Show in der Synagoge Endingen.

Die übrigbleibenden ad hoc Reliquie dieses mehr hockend als sitzend erlebten Theaterglücks ist die allgemeinen fertigen Konsterniertheit nach dem Ende der Auffu¨hrung, ein Komplement zur Begeisterung nach dem Besuch der Endinger Gedenkausstellung, das die zusammenfassende Konklusion eines immer langweiliger werdenden Abends ist.

Immerhin, beim Besuch der Holocaust-Gedenkausstellung wird sogar das ganz grosse Theaterglück angeboten, mit einer faszinierenden falschen Fremdenführerin, ihrem falschen devoten Sohn und dem netten Reiseleiter, der so (oder gar ganz) lieb über die Vergangenheit der Juden in der Schweiz aufklärt. Der in diesem Teil geäusserte küstlerische Anspruch, wird in späteren Szenen nicht so eingehalten.

Ein Bild aus dieser Produktion spricht vielleicht deutlicher als obige Andeutungen, Aufzählungen, und Zusammenfassungen die (vom Rezensenten frei erfundene) Botschaft von "Arbeit macht frei" an: Ein Foto einer nackten abgemagerten Frau, präsentiert mit der Frage "Können Sie sich vorstellen, wo die Frau Brot versteckt hat?", denn man war sehr kreativ im KZ, wird komplementiert durch eine lebende Plastik, welche aus der neuen Welt für die Kellerverschlagbewohner herabgelassen wird, einer nackten kantigen, aber nicht schlecht genährten jungen Frau, mit aufgemotzten Brustwarzen, welche ein Stück schleimgetränktes Brot aus sich herauszieht. Während das trockene erste Bild, das schon lange in unserem Bewusstsein ist, emotional wenig berührt, ruft die Feuchtigkeit der eigentlich harmlosen küstlichen Kopie Ekel und Betroffenheit hervor.

Am Ende ist kein Vorhang wohl aber die Türe zu, und trotzdem alle Frage offen. Auch jene, ob wir denn vielleicht mit unseren hohen sich selbst begeisternden Ansprüchen zu Beginn nicht doch ein bisschen zu bescheiden waren. "Arbeit macht frei" ist mehr als der kurze Augenblick des dramatischen Erlebens, "Arbeit macht frei" ist ein absurder Versuch, den ZuschauerInnen einen Weg in die Freiheit zu zeigen.



Der "Prophet Ilja" zergliedert einen religiösen Mord, der letzten Endes nicht zum Ende gebracht wird, in eine Kette von einzelnen, harmlosen, lediglich ein kleines bisschen tatgeilen und schicksalsgeängstigten Aktionen und Reaktionen des alltäglichen psychologischen Standardrepertoirs. Die natürliche Dynamik dieser Alltäglichkeiten treibt eine Gruppe Bauern ohne Gottesfurcht, dafür einem wider die mögliche bessere Einsicht kindlich naiven Glauben, zum Tatplatz, um dort ein leibhaftige Passionsspiel aufzuführen zwecks der Feststellung der Göttlichkeit des 'Propheten' Ilja.

Es ist nur jenes kleine Delta, um das die Lust auf die Tat die Furcht vor dieser übetrumpft, das dieses Verbrechen stiftet und immer wieder bestätigt. Auch wenn es permanent kleiner zu werden scheint, so bleibt es doch schier immer, bis zum bitteren Ende, positiv. Was offensichtlich scheint, der ködiantische Schluss, zeigt sich am Ende als hoffnungsvolle Schimäre. Der eigentliche Schock, den das Schauspiel spät bereithaält, ist die tatsächlich Ausführung der Tat.

Ihr Opfer ist heilig im einfachsten Sinne des Wortes, ein Mensch der meistens die bessere der verständlichen Möglichkeiten wählt, menschenfürchtig, aber bereit, die Mitmenschen zu missachten, wo ihm dies notwendig erscheint. Letzteres kostet ihn das Leben beinahe, und rettet ihn doch.

Seine weise Entscheidung, eine schmutzige grossgewachsene junge Frau, waschen zu lassen und zu ficken, statt sie erschlagen zu lassen, ist seine eigentliche, und eigentlich seine einzige prophetische Leistung, die er vollbringt. Und vermutlich auch ein Grund für manchen Verriss durch die Journaille in der Stadt Zwinglis, zumal das vorgebliche Opfer dieser Entscheidung, das junge Mädchen recht orthodox brüllt beim heiligenden Akt, und am Ende sogar ein Katholik in den (fiktiven) Himmel kommt.

Pathetisch, ach so pathetisch klagte man, denn nach Osten fährt man ungern hierzulande. Blasphemisch empörte man sich, dezent fragend, wie es so üblich ist, denn die orthodoxe Kirche ist wohl ein Anliegen. Aus Wut über die Demütigung wegen der jungen Geliebten im Hof schlafen zu müssen, hindern die drei langjährigen Dienerinnen Iljas ihren Meister and der Flucht vor den Bauern, und liefern ihn so der Passion aus.

Am Ende des 'Propheten' triumphiert aber die einst vermeintlich vom Teufel besessene, und doch nur bis anhin von der Liebe missachtete, gewaschene junge Frau. Sie rettet Ilja, indem sie sich als geheilt outet -- was das Delta doch noch erröten lässt -- und tritt ihre Herrschaft an, bewundert und verliebt verehrt vom kleingewachsenen Propheten.

Statt die Passionsspieler ihrem eigenen Gewissen zu überlassen, schilt Ilja sie aus, um sie dann von ihrer versuchten Tat durch einen symbolischen Akt als Gottvater loszusprechen, und alle zum Essen einzuladen. Hier wie in allen anderen Szenen bleibt die Regie kühl und distanziert, und deutet das naheliegende Wunder der Brotvermehrung nur an.

Entgegen anderslautenden Darstellungen war gerade der Mangel an Kitsch und an Atmosphäre eine Schwäche der Inszenierung. Trotzdem überzeugte das Teatr Kreatur im "Prophet Ilja" mit seiner subtilen Analyse eines religiösen Verbrechens, ebenso wie mit seiner sarkastisch sanften Darstellung gemeiner Heiligkeit.


"Here to Here" bot sehr gutes, eigenständiges, tanztechnisch eher einfaches, modernes Tanztheater, das ein bisschen an den Standproblemen Teshigawaras zu Beginn der Vorstellung und der manchmal völlig im Unklaren bleibenden Beziehung zwischen Tanz- und Geräuschrhythmus litt (und an Teshigawaras offensichtlichem Willen, seine Partnerin durch starke Beschränkung ihres Teils daran zu hindern, ihm nicht die Schau stehlen). "moving a perhaps" erfreute mit skuriller Tanzpoesie, und das Publikum mit einer veritablen Wasserschlacht.

"I Turks tal friul" schildert mit Mitteln der Volksmusik und einfacher, durch präzise Beleuchtungstechnik unterstützter, Massenchoreographie die todbringende Schicksalsnacht einer friaulischen Gemeinde im Spätmittelalter. Doch der türkische Tod ereilt nicht die Gemeinde, sondern jene Jungen, die sich dem gemeinsamen Schicksal verweigern, und zu fliehen versuchen. Die Wiederherstellung archaischer Gerechtigkeit zeigt mit sensiblem Pathos das Opfer des Individuums als Tragödie, die schwerer wiegt als die wundersame Rettung der Gemeinschaft, und weiter reicht.

"Pero, oder die Geheimnisse der Nacht" erzählt mi lockerer kindlich-poetischer Naivität eine Heiratsgeschichte -- ohne Tiefgang, aber mit einer Offenheit, die einfach erklärt, ohne zuk&unftig Schwierigeres den Kindern -- oder die Wirklichkeit den Erwachsenen -- zu verbauen.


Recht bemerkenswert waren auch die Produktionen "La Tristeza Complice" (Les Ballets C. de la B.), "Das grosse Heft" und "Der Beweis / Die Dritte Lüge" (Freies Theater Komedie Z¨rich), "Heavy Nopal" (Astrid Hadard & Los Tarzanes) und "Departs -- 20 Jahre nach dem Tod von Pier Paolo Pasolini" (Giovanna Marini et al.).

Der Dreiteiler des Komedie Theaters Zuerich litt zwar am Mangel an äusserer Spannung, bot dafür aber eine subtile, sinnlich intellektuelle mehrschichtige Auseinandersetzung mit der Idee der Wahrheit und einen mit Leichen sonder Zahl gesäumten psychologischen Showdown in Eigentumsfragen. Derartiges ist, so schien es, Astrid Hadard. und vielleicht auch Giovanna Marini, fremd -- und auch überflüssig, wie sie bewiesen, um faszinierende Konzerte der Weiblichkeit zu geben. Den Kontrapunkt (um die Sprache unfachlich zu missbrauchen) zu der in den beiden Konzerten zum Genuss feilgebotenen fröhlichen heilen Welt liess die Festivalleitung Alain Platel setzen, der mit seinem Ballet C. de la B. seine Ideen zu seiner Vorstellung von der Monadisierung der Welt in der gesellschaftlichen Uniformisierung uns pur und singulär -- auch stark separiert, aber bisweilen mit hoher Parallelität -- präsentierte, im Vertrauen auf die physische Ausstrahlung seiner TänzerInnen und die Wahrnehmungs- und analytischen Fähigkeiten des Publikums.



Eher harmlos hingegen waren "Moeder & Kind" (Victoria -- obiger A. Platel & A. Sierens) und "La mort stancla" (ressort k). Und "Die zweite Erinnerung" (in situ), "Candides" (Cirque Baroque), "Tabacki Mesdzid" und "Zerberus schläft nicht" (Erich Häberling et al.) wären höflich formuliert -- leicht verzichtbar gewesen.

Während bei der Mutter und ihren Kindern die verschiedenen zum Teil eindrucksvollen Inszenierungsideen von Regie und Choreographie nicht zu einem Kunstwerk zusammenkamen, und den Zuschauern ungestaltes, bisweilen freilich sehr lustiges Chaos in einer riesigen Einzimmerwohnung serviert wurde, ohne pointierten, daf¨r einem lauten Anfang, und einem leisen beliebigen Ende nach dem Einschlafen der Zuschauer, blieb die Geschichte zu den kontrastreichen harmonischen Bildern im müden Churer Tod in wesentlichen Details im Unklaren, ebenso wie die Bedeutung einiger typischer Schattentheaterphänomene im Kontext der Erzählung -- nicht nur für manche Zuschauer rätoromanischer Muttersprache, sondern wohl auch f¨r die Festivalleitung, deren Zusammenfassung der Geschichte f¨ des Rumantsch Grischun Unkundige zwar die meisten schwer verständliche Schattenbilder dankenswerter Weise erklärte, aber das Ende offenliess.

Viel konsequenter als 'ressort k' praktizierte die Theatergruppe 'in situ' eigenwillige Bündner Unverständlichkeit, indem sie sich ausschliesslich mit ihrer eigenen an manchen schönen Bildern reichen Welt beschäftigte, ohne ernsthaft den Versuch zu unternehmen, mit dem Zuschauer zu kommunizieren, wodurch ein glattes elitäres zuschauerignorantes Avantgardetheater zustande kam, das man nach Geschmack als 'mutig' (M.D. p.c.) loben kann.

Derartige Probleme liess der Cirque Baroque erst gar nicht nicht aufkommen, indem er, ganz begabter Pubertierender, hauptsächlich irgendwie Bekanntes und Mittelmässiges bot, die Intelligenz durch massive Gehörschädigung beim Publikum ausser Kraft setzte -- soferne diese in die Zirkushalle wider Erwarten doch mitgebracht worden war -- und, durch Vortstellungstitel und das Tagifeuilletonmarketing, die philosophische Grundierung behauptete. Letztere gab es vermutlich auch bei Erich Haeberling, dessen Zerberus das doch nicht ganz so anspruchslose Publikum erfolgreich vertrieb.

'Tabacki Mesdzid' schliesslich war eine religiöse Sonntagmorgenveranstaltung -- vor dem Bühnenbild des Ballets C. de la B. -- und als solcher gebührt ihr der Respekt des Rezensenten.



Der Vollständigkeit halber erw¨hne ich hier, dass ich mir den Club 111 erspart habe, da ich seine letzte Kriminalgeschichte in allen 3 Teilen und viel Langeweile in der Gessnerallee konsumiert habe. Auch nicht gesehen habe ich die deutsche Ausgabe britischen Komediewitzes, Michael Mittermeier.



Alles in allem bot das Zuercher Theaterspektakel 1996, abgesehen von den einheimischen Protektionskinder 'in situ' und 'Erich Haeberling' und den politischen Protektionskindern aus Bosnien (Tabacki Mesdzid), und abgesehen von dem vermutlich politisch notwendigen oder zumindest ausserordentlich nützlichen Tribut an den Publikumsgeschmack "Candides" (nach dem Motto, 'Gebt dem Volk zu fressen, wonach es verlangt!'), eine sehr spannendes Programm -- bisher: zwei Drittel Bedenkliches, ein Drittel Harmloses bis Unbedenkliches für nette und andere, die noch ganz liebe sind. Eine wirklich geglückte Produktionsauswahl der Festivalleitung!

Weniger gegl¨ckt scheinen mir hingegen viele Kritiken meiner Zeitungskollegen zu sein, welche nach wie vor ein grosses Handicap des Zuercher Theaterspektakels darstellen, stellvetretend für eine Publikumsmehrheit, welche, legitimerweise, am Spektakel die Stimmung mehr schätzt als küstlerische Belästigungen. Einige zynische Erläterungen dazu und zu den ¨brigen hier geäusserten Meinungen folgen auf dieser Seite demnächst.

Im übrigen und überhaupt, um es siebensteinsch zu formulieren, eine wesentliche Ingredienz für die Erlangung kultischen Festivalruhms fehlte bisher dem Theaterspektakel, auch wenn wir sie angesichts dieser Fülle guter und sehr guter Leistungen kaum vermisst haben: die 'über drüber' Aufführung, die wirklich böse Geschichte, welche den Verfasser dieses Kurzkommentars ernsthaft verführt hätte, sich zu begeistern. (Aber vielleicht, wie ein älterer Kollege aus der
Angewandten Mathematik meint, ist dies nur eine Frage des Alters.)

Widerruf: Beim (nichtseriellen) Schreiben des Kommentars habe ich meine Meinung geändert -- "Arbeit macht frei", ist, alles in allem, und dies ist bei dieser Produktion wesentlich, grosses tradtionelles Theater. Vielleicht ein bisschen altmodisch, aber das sind dann wirklich Gemeinheiten.






Zu früh gefreut? -- Kunstflaute in der letzten Woche ...

(Kurzkommentar, Version 7.9. 13.30)

"La mort stancla" (ressort k, Chur), unverstädlich im wesentlichen selbst für des Rätoromanischen Mächtige (siehe oben) am Montag, "The Beatification of Area Boy" (West Yorkshire Playhouse) abgesehen vom zweiten Viertel langweiliges Herumstehundgehtheater am Dienstag, "sinnlos stier" (panoptikum pazzo) in den ersten zwei Dritteln einschläferndstes Nichttheater am Mittwoch, Tim Fischers Chansons erschöpfendes Gekreische am Donnerstag, jugendlicher harmloser, aber recht lauter Anarchismus in der diesbezueglichen "Abendveranstaltung" am Freitag, dies ist die bisherige Bilanz dieser Woche für mich.

Alle fünf Produktionen sind in der einen oder anderen Hinsicht attraktiv, aber insgesamt doch eher fad: Während die beiden ersten noch (schlechteren und besseren) Zürcher Theaterdurchschnitt boten, zwang panoptikum pazzo unbedenklich den Zuschauern einen harten Kampf gegen den Schlaf auf -- zum eigenen Schaden, denn der letzte Teil mit Stierkampf und Begräbnis wäre schönes surrealistisches Theater gewesen.

Tim Fischer bot zwar die interessante, wenn auch nicht neue, Erfahrung, eines mit schlaffen Gesichtern jubelnden Publikums, aber ansonsten wenig spannende Momente, trotz glattem androgynen Stylings und sehr professioneller Beleuchtung. Es fehlten Konzept und Improvisation, die schöne Stimme war variationsarm, der Ton aus den Lautsprechern anstrengenden laut, die lyrischen Lieder ohne Empfindung, der Kitsch kalt, und die zynische Unmoral kam selten rüber. Immerhin, der Wechsel zwischen Mann und Frau Rollen gelang ganz undramatische ohne Augenzwinckern und es gab ein paar amüsante Standardwitze und einige nette Lieder: über eine Kritiker-Schauspielerin Ehe, die Grauslichkeiten einer lebenslangen Partnerschaft (vorgetragen mit dem kongenial mitspielenden Partner am Klavier), die Stille, wenn die Mädchen nackt sind, und über die Befriedigung, die der Tod einer grossen Liebe verschafft, wenn diese den ersten Abend nicht überlebt.

Bei der "Anarchistischen Abendveranstltung" schliesslich habe ich mir doch selber auch etwas gegönnt, ich habe in der Pause das Danspalais verlassen, um meine Ohren zu schonen und mich ernsteren, sprich spannenderen Dingen -- Essen, Forschung und Wissenschaftspolitik -- zuzuwenden.

Weitere Kommentare zu 'Georgette Dee & Terry Truck', "Villa Villa" ('De la Guarda'), 'Critures, Pepoppee ordinaire" ('turak theatre d' objets') und "Klara" ('Klara Theaterproduktionen') folgen demnächst.

Addendum: Nicht gesehen habe ich das "Blindman Quartet".






Das Letzte
Wochenende


Schön, schön, Georgette Dee und Terry Truck, das ist Kunst --
zumindest verliess das Publikum am Samstag (eh klar) fluchtartig die Halle
(um weiteren Zugaben zu entgehen)



Als ob, dieser Refrain will nicht recht passen zur vorhergegangenen Geschichte von der auf später verschobenen Liebe, wodurch das zentrale Motiv des Abends exponeniert wird, als ob. Bedenklich, recht bedenklich, ist unser Urteil.

Fast schon schwer bedenklich dann der zentrale, gleichwohl sich nur zufällig aus dem Verlauf des Abends und dem geistigen des Publikums sich ergebende Satz "Wir machen hier herinnen Kunst!" Als ob dies nicht gesagt werden müsste.

Die Akkustik in der Halle war grauenhaft, manche Liedtexte in der letzten Reihe schlicht unverständlich und das Publikum kühl samstagabendlich. Dafür tobte draussen das Vergnügen: Kinder Gaukler, Musikanten, Feuerwerk und Zug musizieren eine verführerische Aussenwelt, in die das Publikum sich schliesslich, nach der dritten oder vierten Zugabe mit einem kollektiven Energieanfall flu¨chtet.

Drinnen beherrschte trotz mancher Widrigkeiten die singende und parlierende Diva Georgette Dee die Bühne, zwischendurch als ob ihr der Auftritt ein reines Missvergnügen sei, am Ende aber doch wieder recht fröhlich und gesprächig.

Als Diva ist er selbst eine exemplarische Annahme falscher Tatsachen, und führt den Publikum seinen Wunsch nach der gewissen Unterstellungen einen Abend lang vor Augen, und singt dabei vom Wunsch geliebt zu werden. Ganz ohne Tiefe diskutiert er manche klassische philosophische Fragestellung in ersterem Zusammenhang, an den Motten, die den ganzen Abend warten ihn zu beissen wie an der Polizei, die die Fixer draussen abknallt, und stellt andererseits sich und seine Launen und seine Meinungen erfolgreich ins Zentrum des Publikumsinteresses.

Seinen vermutlich nicht völlig spontanen Vorschlag für den Titel dieser Kritik "Gib sie eine Changse" haben wir im Bewusstsein der Verantwortung des Kritikers für den rezensierten Künstler hier nicht aufgenommen, wohl aber -- mit grossem Wohlwollen -- seine Aufforderung zu ficken notiert.

Warum "Schön, schön" als einzige Produktion des Theaterspektakels vom Förderpreis der Zürcher Kantonalbank ausgeschlossen war, hat man uns gemeinen zahlenden Gästen nicht mitteilen lassen. Vielleicht weil manche im Kommitee meinen, dass gar nichts innen drinnen doch besser als eine Schiffsschraube ist. Wirklich wissen wollten es das Preiskomitee offensichtlich nicht, was wäre, wenn.



Förderpreis der ZKB:
Empfehlung zur beruflichen Neuorientierung


Manch einer, eine mag gute berufliche Gründe haben, zu verschweigen, was am 7. September zu Beginn der Vorstellung von Georgette Dee geschah. Wir schweigen aus niedriger Gesinnung.

Wir waren ja dabei. Sie vielleicht nicht, aber das war dann ein Fehler, und Fehler müssen bestraft werden.

Es kotzten den Rezensenten die Legionen der Gutmeinenden an, welche das Ganze im Auge zu haben vorgeben, obwohl es ihnen eigentlich um die globale Vergewaltigung der Umwelt zwecks Schaffung einer Atmosphähre des guten Gefühls geht. Darum war er dankbar für die kleine Abendunterhaltung, die sogar noch lehrreich war, womit nicht nur die altbekannte Tatsache gemeint ist, dass für die meisten Qualitätsmanagement im Theaterbereich liebes artiges Verschweigen des Unpassenden bedeutet.

Gepriesen wurden die Hauptdarstellerin aus Arbeit macht frei, mit 10 000 Franken und die Compagnie Alias mit der gleichen Summe, erstere für eine überragende künstlerische leistung, letztere für ihr innovatives Theater. Diese Entscheidung des Preiskomitees scheint mir eine gute zu sein, welche die Festivalrealität und die Richtlinien für die Preisvergabe -- eine besonders innovative Produktion, nicht älter als 3 Jahre sollte eigentlich den Preis bekommen -- in einen freilich nicht ganz reinen Einklang brachte. Die Produktion des Akko Theaters überragte in küstlerischer Hinsicht alle übrigen klar, die Leistung der Hauptdarstellerin war tatsächlich ausgezeichnet, "moving a perhaps" gehörte zu den zweitbesten Produktionen, war unter diesen vielleicht sogar die beste, und ihre Auszeichnung fördert das einheimische Tanztheaterschaffen qualitätsorientiert.

Das war also schon recht so, die Auswahl. Und der Rest ist halt Schweigen, denn am Ende könnte ja das Machtgefälle zwischen Geldiegen und notorisch Geldlosen abgebaut werden, wenn erstere ihre Selbstdarstellung verbessern würden. Und das will man ja nicht wirklich, bei einer liberalen Qualitätszeitung, oder.

Sollten Sie die Überschrift nicht verstehen, oder auch sonst verwirrt sein, dann konsultieren Sie bitte Ihre Zeitung, und sind es dann vielleicht wirklich oder sowieso.


Critures, Pepoppee ordinaire -- unsere neue Idee:

Spontan, jawoll spontimässig spontan gaben wir es beschlossen, wir machen jetzt auch Kindertheater -- intellektuel nicht ganz so anspruchsvoll wie das turak theatre d'objets (vielleicht für Kinder ab 5, und nicht ab 6), dafür mindestens so lustig. und groooosss, ganz bruno gross. Sozusagen ..., aber das sind ja wieder einmal nur Gemeinheiten.

AS trägt über algebraische Geometrie vor, ich banachrämle, und dazu machen wir auch für schwachsichtige Erwachsene gur -- druckfehler, ist aber auch schon wurrscht -- erkennbare Nichtguren, und treten damit ins Kindertheaterbusiness ein.

Na ja, vielleicht war das nicht ganz so. Aber es hätte so sein können. Bemerkenswert war bei dieser Vorstellung nur die duldsame Bravheit der Kinder. Vermutlich haben wir auch das Wesentliche nicht gesehen, zwei Vorstellungen vor der letzten Theaterdunkelheit.



VILLA VILLA -- Epiphanie?


Frau Muscionico ergötzte sich, dies ist erfreulich, am Fest der Erscheinung der Wollust, so hätten wir diese Kritik begonnen, wenn es ein Verriss hätte werden sollen. Animalischer Nacktarsch, Entgrenzung und Selbstauflösung, Desillusion, so hätten wir darauf eine eigentlich ausserordentlich gute Kritik bis zum letzten vor NZZ triefenden Absatz gefeiert. Doch wohin führt uns dies, so fragen wir hier mit ihr zu recht. 'Und ohnehin: was bleibt?' Keine Poesie, sondern höchstens eine enge Hose, denn was den Frauen die Einheit von (tatsächlich ob der veranstalteten Wasserspritzerei feucht zu erlebenden) Stück und Kritik wäre, und wir in anderen Fällen auch frech unterstellt hätten, ist uns Intellektuellen Schmerz ohne Herz.

Womit wir, nach elementarer Transformation (Levi Strauss!) wenn wir uns nicht weiter ablenken lassen, dort sind, wo die von Frau Muscionico andeutungsweise kritisierten Zuschauer auf ihre Kosten kamen: beim Gemeinschaftserleben der Action, welches zweifelsohne vielen eine Theaterentdeckung war, ein erotisierendes 'Reich der Sinne'.

Eine zentrale Szene von "Villa Villa" in der Werft ist das von den Schauspielern dirigierte gemeinschaftliche Niederhocken des (ansonsten stehenden) Publikums, in der jene, die sich der allgemeinen Disziplin verweigern zum Kunstwerk erstehen. Um dieses Bild herum dreht sich die Welt, gleichwohl es nur ein beliebig scheinender Teil der genial zusammengewürfelten Zeitraumcollage ist.

Mehrere Assoziationen werden nahegelegt, ohne dass nach unserem Verständnis eine das Geschehen ganz interpretieren würde: die Entstehung des Lebens im Augenblick der Verweigerung, oder das Auswaschen von bizarren Formen durch die Gewalt der Natur ebenso, wie Platos Höhlengleichnis: Auf der einen Seite der Halle befindet sich eine riesige Leinwand, vor der an Seilen hängend die Darsteller herumturnen: laufend, springend, kraxelnd und fallend, oder sich umarmend kreiselnd. Einschliesslich eines in regelmässigen Rhythmus gegen diese Wand pendelnden weiblichen Orgasmus sind diese Geschehnisse primär als Ereignisse in einer zweidimensionalen Welt wahrnehmbar, da unklar ist, ob das Dreidimensionale die Realität des oder hinter dem Sichtbaren ist.

Der Grossbildleinwand gegenüber, über dem Halleneingang, steht die Musik, das heisst die DarstellerInnen, wenn sie sich als Trommler und Sängerinnen betätigen. Diese Opposition der beiden beschriebenen Wände wird betont durch die Ungestaltheit der anderen beiden SeitenWände, die lediglich Ballustraden enthalten, von denen sich die DarstellerInnen in die Tiefe stürzen. An Gummiseilen hängend fliegen asie durch die Luft, oder auch manchmal durchs Publikum. Es finden Verfolgungsjagden und zweisames Zöpfeflechten statt, und man dringt ein in die Menschenmasse, um sie in Bewegung zu setzen.

Dem Ende der Veranstaltung entspricht räumlich der Boden, der übersät mit farbigen Miniplastikspielzeugfiguren zurückbleibt, zum Entzücken einiger Zuschauerinnen, die fleissig einsammeln. Bei aller gebotenen Vorsicht wagen wier hier aber die Behauptung, dass dem kein tieferes Theaterkonzept zugrunde liegt. Der Anfang der Veranstaltung hingegen wird räumlich dominiert von einer bauchhäutigen schwach durchsichtigen Decke, nach jeweiligem Belieben ein Himmelsmembran, oder eine ebenso virtuelle Utersusschutzhülle. Dahinter, das heisst subjektiv erlebt (und szenisch real) natürlich darüber, sieht man Kreaturenchatten, hocken, pissen, schwirren, oder Luftballons einsammeln oder zerplätzen. Zwischendurch geht der Spielzeugregen auf die Decke nieder, wird die Illusion eine seichten Wassers von unten aus betrachtet erzeugt, tropft ein fluoriszierender Atomregen ins Publikum und zeigt sich das gleiche Fluoriszieren als himmlisches Sternenmeer -- bis das die Kreaturen die Decke löchern, ins Publikum hinab eindringen, eine der ihren von dort entführen und schliesslich sie ganz zerreissen.

Was dann sichtbar wird ist ein mechanisch gut organisierter Himmel sichtbar, in dem die vermeintlich göttlichen Kreaturen wohlgekleidete hübsche junge Fleischpakete sind, deren Existenz eine marionettenhafte ist, sei es an sichtbaren Seilen durch die Gegend sausend, sei es an unsichtbaren im Regen hängend.

Zu ebener Erde agieren diese Wesen, indem sie die Menschenmasse von innen heraus herum- und auseinandertreiben, um sie zu einem Rand um das Innere des Bühnenraums zu gestalten. In dieses Innere werden dann passende Objekte geholt um sie dort (freiwillig) tanzen zu lassen und die weiblichen davon zu deren groisser Begeisterung (unfreiwillig) in luftige Höhen zu entführen.

Die da unter am Boden Kauernden stehe, von diesen bisweilen recht unfreundlich am Hemd oder der Hose gezogen, zum Teil mit Ohrenstöpseln dem Weltlärm entzogen, sie haben dies gesehen, und sehen es, bis das die Musik abbricht. Ob sie Allegorie des Lebens oder Plastik sind, bleibt auch dann im Dunkeln der Halle.

Villa Villa ist eine Collage von affinierenden, affizierenden und anderen schlichtweg affigen Sinneseindrücken, und nicht zuletzt ein geometrisches Kunstwerk, das wesentlich in Unterräumen strukturiert ist und in Rändern von Inneren. Doch weder mit der Struktur, noch mit den einzelnen Choreographien hat es die Regie besonders genau genommen, ebensowenig wie mit dem Publikum.

Statt dessen vertrauen De La Guarda auf ihre unpräzise Intuition und auf archaischen Wirkungsmechanismen des Actiontheaters: viel Bewegung, laute Musik, Schwüle und Enge im zeitlichen Gegensatz zur später sich öffnenden kühlen Weite des Raums. Während manche Choreographie unprofessionell wirkt, worunter die Spannung leidet, fasziniert die unbekümmerte Zusammenstellung der Collage mit ihrer analogen Kommunikation in Gestalt von Berührungen und Durchdringungen von Ideen in der Raumzeit auch aus der analytischen Distanz.

Die völlige Naivität der Darstellung wurde am Schluss noch unterstrichen durch die Verdankung des Publikums und ganz Zürichs wegen der schönen Zeit, die man hier hatte, und der klassen Show, die man aufführen konnte. ........... ............


Klara -- zum Abschluss eine 'ächte schwihzer' Sprachenverwirrung


In Klara wechseln die 3 SchauspielerInnen nicht nur die 4 Figuren, sondern die Figuren wechseln auch die Sprache vom Zürcher- zum Bärnerischen und zurück, so zumindest das Urteil der Fachmänner.

Unklar wie dieses Verwirrspiel bleibt auch der Schluss -- nach dem Tod des Vaters, des Brätigams und des Manns in spe, springt die einzige Überlebende des Melodrams von der Bühne den Berg hinunter, dem Leichnam ihres Manns in spe nach.

Der Rest ist klar: Das einzige Kind Klara soll nach dem Willen des verwitweten Tannhofbauer heiraten, damit dieser ins Ausgedinge gehen kann. Sie gerät dabei an den netten starken unbeholfenen Franz, der gewisse Defizite durch Fallenstellen kompensiert, und verliebt sich gleichzeitig in den Elektriker Hans vom Nachbartal. Als des Fallenstellers Charakterdefizite offensichtlich werden, beschliesst sie sich der Heirat zu verweigern, was das Sterben der beteiligten Männer provoziert, in einer Reihenfolge, die ich nicht mehr mit Gewissheit rekonstruieren kann: Klara tötet den vom Vater aufgehetzten Franz unglücklich, der Vater seinen den Ausgedingestörer Hans, Klara schliesslich den Vater.

Ohne grosse schauspielerische Brillianz wird diese Geschichte in einem im wesentlichen aus einer kleinen Bretterbühne und einem Hackstock bestehenden Bühnenbild stimmig und einfach strukturiert erzählt, sieht man von einigen kurzen Längen und dem Sprachenrätsel ab. Der Vaterwelt, in die dieser verhängnisvoller Weise das Moderne in Form eines Kühlschranks selbst eingeführt hat, entflieht Klara erfolgreich. Dafür muss sie büssen und das Elend, ihren toten Hans, ein Leben lang mit sich schleppen.






im übrigen und überhaupt

Es gab doch nur Halbtheater. Dem künstlerischen Feuerwerk zu Beginn folgten im zweiten Teil viele öde Banalitäten.

Von den vier 'politischen' Festivaleinladungen rechtfertigte die Festivalmacher nur das Akko Theater: Der Förderungsversuch für das Rätoromanische stellte dieses Ansinnen als Unterstützung einer Kunstsprache dar, die nicht einmal jene verstehen, die sie als Muttersprache sprechen; die politische Parteinahme für Bosnien bewies einmal mehr, dass intellektuel anspruchsvoller Anstand und Kunst zwei Talente sind, die voneinander wenig wissen; und die aus mehr oder minder edlen Motiven erfundene Nobelpreisgeschichte langweilte frontal mit einem Schwarzafrika, das so bieder nicht überall ist.

Ein bisschen erfolgreicher war die Festivalleitung bei der Auswahl für Musiktheaterschwerpunkt: Giovanna Marinis beiden Präsentationen italienischer Volksmusik und Astrid Hadard Kitsch as Kitsch Can faszinierten vor allem -- in gegenseitigem Kontrast -- mit weiblicher Ausstrahlung, während Georgette Dee nicht nur die Fragwürdigkeit derselben erfolgreich zu Markte trug, sondern auch mit einer durchdachten, gleichwohl spontanen, Diva-Conference, uns von der Kunstbarkeit des Unterhaltungskabaretts überzeugte. Und in "Pero, oder die Geheimnisse der Nacht" war die Live-Musik ein wesentlich poetisches Mittel zur Gestaltung der Erzählatmosphäre.

Tim Fischer und Erich Häberling hingegen führten die gute alte Weisheit "Kunst kommt von Können" vor: Tim Fischer mit einer in weiten Teilen spiessigen, sinnentleerten, technisch überzeugenden Präsentation, welche gut in das Samstagabendfernsehprogramm passen würde und Erich Häberling indem er eine Sängerin in einen Mastkorb setzte und sie sich dort selbst überliess. Die Anarchistische Abensunterhaltung schliesslich verzichtete sogar auf diese Art von Vorführung, und setzte ganz auf Lärmstärke, wie im übrigen manch andere auch.

Das Blindman Kwartet habe ich (ohne Bedauern) nicht gesehen, denn sie sind mir noch von ihrem letzten Auftritt im Theaterhaus Gessnerallee eindrücklich in Erinnerung. Die als Konzert verkaufte oben angesprochene politische religiöse Veranstaltung von Tabacki Meszid bot musikalisch wenig als Können für den Rezensenten Fassbares. Und auch in "The Beatification of Area Boy" kamen in der laut- und lusttötenden Atmosphähre der Halle Blau die wenigstem Musikeinlagen und Tanzeinlagen von den redlich sich mühenden DarstellerInnen auf der Bühne hinüber zu den Zuschauern.

Ausgesprochen erfolgreich war die Festivalleitung aber bei der Gestaltung des eigentlichen Tanzschwerpunkts. Zwar enttäuschte die als preisgekrönt angekündigte Produktion "Moeder und Kind" etwas mit naiver Harmlosigkeit, doch die drei übrigen Produktionen waren alle sehenswertes modernes Tanztheater.

Wie in den vergangenen Jahren erreichte auch heuer das Theaterspektakel wieder seine Tiefpunkte dort, wo es das Publikum am meisten begeisterte, oder sich dem Urscheizerischen verschrieb. Dass andererseits heuer einige Schweizer Produktionen zu den Höhepunkten des Festivals zählten, ist eine sehr erfreuliche Änderung der Einladungspolitik, die sich mehr an europäischen Standards als am eigenen Publikumsgeschmack oder dem politisch Opportunen orientierte. Die in früheren Jahren bisweilen in böwilligem Stören sich gebärdende Ablehnung künstlerisch anspruchsvollen Theaters durch das Publikum blieb im übrigen heuer meinen Beobachtungen nach aus.

Postmodernes Schauspiel bot vor allen, freilich mit recht langweiligem Erfolg, das Komedie Theater Zürich. Bei aller Wertschätzung für das postmoderne Action Theater in 'Villa Villa' und das 'fastpostmoderne' (als da es sich selber heisst) Volkstheater 'Der Prophet Ilja', war die Absenz zeitgeistgemässem Schauspiels ein bedauerliches Manko des Festivals. In Zeiten wie diesen, wo das Theater in Zürich zur Alternativparty verkommt -- zugegebenermassen bei gleichzeitigem partiellen Niveauanstieg -- und Männer im Publikum die Selbstzensur auf den Plan rufen, sogar schon ein fast tragisches. Es steht zu hoffen, dass kein dummer Mensch dies zu einem tragödischen Vorwand nimmt, auch wenn die Wut des Zeitalters nur recht wenig seichter wurde durch das Spektakel, und der Theaterpartyreigen sich in die Oberfläche der Stadt bohrt, dass die Haut fast platzen möchte.

Doch im nächsten Jahr wird alles sicher noch besser. Und wo es einmal aufwärts geht, da mag die Gemeinheit ihren verdienten Winterschlaf halten, und ihr Wirt die lieben Vergnügungen meiden ...........


Vorläufige Schlusskommentare

Es wird böse enden.




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