Theatersaison 2006/2007 im Theater an der Winkelwiese
(Surf Zurich's
Cynical Theatre Guide!)
September 25, 2006
Kritiken in umgekehrter chronologischer Reihenfolge
Stilleben in einem Graben
Ein Krimi von Fausto Paradivino, die Ermordung einer jungen Frau erzaehlt
in Monologen aller Beteiligten mit Ausnahme des Moerders. Ein klassischer
Krimi, insoferne das Kennenlernen der Ermordeten den Weg zum Moerder weist,
weisen soll. Und dieses erprobte Muster soll umgedreht - vermutlich wie auch
gemaess Aussagen - eine Milieustudie liefern von aktuellen buergerlichen
Verhaeltnissen in Italien.
Im Theater an der Winkelwiese funktioniert der Krimi, von kleineren psychologischen
Ungereimtheiten abgesehen, recht gut, doch das Sozialstilleben gelingt nicht,
denn der Moerder bleibt im Dunkeln - ein Fremder, dessen Motivation im ersten
Augenblick klar scheint, im Nachhinein aber keinerlei Hand und Fuss besitzt.
Die Tat selber wird so zum Exempel postmodernen Lebensgefuehls und die Erzaehlung
verhuellt auch das Empfinden des Moerders danach, denn es gibt keinen Kommisar
der ihn befragt. Soll auch das Portrait unserer Gesellschaft sein?
Die Ambitionen von Autor und Regisseur bleiben schwer verstaendlich, und
es ist unklar ob es am Text liegt, an der Uebersetzung, am Buehnenbild oder
an den Schauspielern, von denen nur Ernst Sigrist als Kommisar ganz ueberzeugt.
Nicht das die darstellerischen Leistungen schlecht waeren oder es den Darstellern
an Praesenz mangelte - sie zeigen weitgehend konsistente nachvollziehbare
Eigenperspektiven auf das Geschehen auf. Aber sie vermoegen dem Opfer nur
ein halbes und dem Taeter fast gar kein Gesicht zu geben. Am Ende entlarvt
bestenfalls die Tat die Gesellschaft, aber nicht die Gesellschaft die Tat.
Das Genre Theater und das Genre Krimi finden nicht zur Symbiose, das Theater
setzt sich gegen den Krimi durch und scheitert.
Was bleibt sind einige interessante Charakterstudien und Impressionen postmodernen
Empfindens. Und zum netten Abschluss ein Sitz- und Rauchbild unseres Italienklischees.
copyright by Reinhard Riedl