Zürcher Theatersaison 2006/07 -
Theaterhaus Gessnerallee


(Surf Zurich's Cynical Theatre Guide!)

September 25, 2006



2 Kritiken, Kommentare, Notizen in umgekehrter chronologischer Reihenfolge

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oben aber unten (annas kollektiv)
The show must go on (Jerome Bel)





oben aber unten

"Ich geh in die Tiefgarage in den Ausgang ()()()" reflektiert eine Zuschauerin den merkwuerdigen Ort dieser ortsspezifischen Tanzperformance. Die Tiefgarage Gessnerallee liegt am Sihlfluss in einem ehemaligen staedtischen Niemandsland, dass durch die Ansiedlung von Theatern wieder eingemeindet wurde, und zuletzt eine nicht ganz billige Mini-"Rieviera" erhielt mit grossen Steinstufen zum Sitzen am Fluss. Letztere wird selten genutzt, zu niemanderland wirkt die Gegend neben dem Loewenplatz in Feuerweksraketenschussweite von Polizei und Gefaengnis. Immerhin hat die Neugestaltung der Oberflaeche ueber dem Parkhaus inklusive der Bremsung des Durchfahrtsverkehrs das Strassenbild verschoenert: Es koennte fast eine Flaniermeile sein, wenn es Anlass zum Flanieren gaebe ... Aber natuerlich steigt man hier nur ein und aus ins unterirdische Parkhaus, oder tritt herzu zum Foyer des Theaterhauses Gessneralle, zum Restaurant Reithalle, zum El Lokal oder zur Hochschule fuer Musik und Theater. Von diesen schafft einzig das Theaterhaus ab und zu wartend Anwesende auf der Strasse, an wenigen Tischen kurz vor den Vorstellungen. Sonst ist saubere Oede auf der Strasse und ein bisschen Wildnis, wo man auf den Fluss blickt.

Was ist der Charakter dieser Gegend? Auf diese Frage findet annas kollektiv eine gaenzlich untheatralische Antwort, die da lautet, das Nichtgeschehen. Und das trifft zu.

Lange Zeit passiert fast nichts, man verteilt sich und die Zuschauer im (wegen der Veranstaltung) fast autoleeren vierten Untergeschoss entlang einer Geraden und schaut aufeinander, und bewegt sich ein bisschen hierhin und dorthin, die Zuschauer auch, von denen einige zu wandern beginnen. Danach werden Videobilder an die Wand projeziert, von der Stiege, von oben, von unten, von Tanzmenschen darin, und einige Wanderschlaufen gezogen, einzeln, zu zweit oder zu viert, auch mal robbend und drehend.

Kontemplativ sozusagen und bei der Premiere ausverkauft. Dem Publikum scheints zu gefallen, das Parkhaus macht Werbung fuer seine ertraegliche Luftsituation und Parkplatzsensortechnik, und ich denke mir, dass das an der Metaphernlosigkeit des Orts auch nichts aendert. Es bleibt ein netter Unort mit angrenzenden interessanten Moeglichkeiten, die - das ist sein Wesen - ihn nicht zu definieren vermoegen. Auch nicht mit 2 Taenzerinnen (A. Buergi und D. Suhner), einem Produktgestalter (M. Boelsterli), einem Architekten (B. Hitz) und einer Videokuenstlerin (K. Oettli) im ortsspezifischen Tanzeinsatz.

The show must go on

Imbecil oder richtiges Theater? Was passiert im Kopf, wenn wir Popmusik hoeren?

Wir hoeren einen Song nach dem anderen, und die Darstellergruppe macht ihr Ding: eine Art physische Annotation des Liedtexts, eine einfache Bewegung oder ein einfaches Geschehen, die oder das von allen unsynchronisiert aber aehnlich und parallel vorgetragen wird und die emotionale Reaktion des Publikums katalysiert. Das resultierende Stueck nimmt jedesmal eine andere, eigene Gestalt an in Abhaengigkeit von den Reaktionen des Publikums. Letzteres ist in Zuerich, von einigen Fruehabgaenger abgesehen, offen begeisterungsfaehig. Die Schnulze, ein Leben - viele Leben.

Und kein Theater. Denn Jerome Bels rudimentaere Choreographie laesst die Darstellerprofis als Laien auftreten, quasi im eigen Alltagsgewand. Man gibt sich selber, wie das Publikum auch. Der wahre Kitsch soll nicht nur im Kopf sein, sondern richtig echt, oder so.  Und damit wir das merken, spielt Jerome Bel die Songs aus, immer ein bisschen laenger als es einem Theater gut taete. Abstrakt betrachtet heisst das: die Kuenstlichkeit des Theaters wird durch die Kuenstlichkeit der Lieder zerstoert und durch deren penetrante Laenge wiedererstellt. Ob das imbecil ist, oder genial, muss jeder selber entscheiden.


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