Zürcher Theatersaison 2005/06 -
Theaterhaus Gessnerallee


(Surf Zurich's Cynical Theatre Guide!)

June 26, 2006



17 Kritiken, Kommentare, Notizen in umgekehrter chronologischer Reihenfolge



zuercher festspiele im Theaterhaus Gessnerallee


Selon Desir / Loin

Kritik in Vorbereitung.

Drei Mal Festspieltanz im Theaterhaus Gessnerallee - drei Mal irgendwie und sowieso Alain Platel. Das Ballet du Grand Theatre de Geneve zeigt Choreografien von Andonis Foniadakis (Selon Desir) und von Sidi Larbi Cherkaoui (Loin), die zienlich gegensaetzlich sind und sich an unterschiedliche Publikumskreise wenden.

Bei Fondianakis sehen wir schoenen Bach (Matthaeus- und Johannespassion) aus ewig wiederholten atomaren Bewegungsmuster, ein bisschen schmlampig getanzt, und inhaltlicher verkauft, als es wirklich scheint. Gegensatz zwischen Himmel und Erde, naja das gilt auch fuer die Tanzinszenierungen Peter Steins.

Bei Cherkaoui sehen wir Theatertanz, eine Mischung aus Geschichten und Absurdem, augenfaellig auf Praezision bedacht, und ein bisschen politisch weniger inkorrekt, als er sich mit den chinesischen Kakerlakengeschichten gibt. Die Musik dazu kommt aus dem 17. Jahrhundert, aus Heinrich Ignaz Franz Bibers Rosenkranz-Sonaten.

So beruhigend das Repetitive im ersten Fall wirkt, so sehr belebt sie im zweiten - was kein Zufall ist. Fondianakis hat fuer das Bejart Ballet Lausanne getanzt, Cherkaoui bei Anne Teresa De Keersmaeker und Alain Platel. Dazwischen liegen Welten und man fragt sich, welch lustiger Einfall die Macher der Zuercher Festspiele gestochen hat, dass sie uns beides an einem Abend servieren. Eine Gegenueberstellung mit den gleichen Taenzern? Ein  Versuch, die aeltere Goldkueste an belgische Suessigkeiten heranzufuehren? Oder doch nur ein  fuer-moeglichst-viele-was?. ........

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vsprs

Alain Platel mit Les Ballets C. de la B., Zuercher Festspiele in der Gessnerallee, Kritik in Arbeit.

Ausgangspunkt Claudio Monteverdi und die Patientenkurzfilme von Dr. Arthur Van Gehuchten (1861 - 1914), sagt der Tanzmacher Alain Platel. Wir sehen Leidende, Gestoerte, in einem aus den vorderen Zuschauerreihen fast intim wirkenden Narrenraum, in dem sich Himmel, Hoelle und Theaterlandschaft, die an Inszenierungen skandinavischer Autoren erinnert, zu einer halbrealistischen Welt verbinden. In der Mitte des Tanzraums musiziert ein weiss gekleidetes Orchester, macht Motenverdi auf modern, halb massenkulturtauglich, halb kuenstlerisch ambitioniert, grauenhaft.

Es ist alles geschleckt und kalt. Wir sehen leidende Gestoerte, mit hoher Tanzkunst dargestellt. Doch die meisten Taenzer haben keine Emotionen, oder sie tun alles, um sie zu verbergen. Was im Ergebnis bedeutet, dass wir nicht Menschen, sondern motorisch hervorragende Koerper erleben. Obwohl, eine der Taenzerinnen spielt tatsaechlich mehr als sie tanzt eine Verrueckte, deren Wahnsinn sich einem in gewisser Weise intellektuell und emotional erschliesst, auch darin, dass er nicht notwendigerweise als solcher erkennbar ist. Und bei anderen sind immerhin die Bewegungen emotional nachvollziehbar, gelegentlich ist sogar Witz als moegliche Absicht beobachtbar. Trotzdem.

Geschichtenkausalitaet existiert nur als besseres Spurenelement, so dass man sich in einer Ausstellung vermeint, aber genau den fuer vielen Tanzstuecke charakteristischen Freiraum des Gedankenschweifens bietet Les Ballets C. de la B. in dieser Produktion nicht. Sondern nur Musik und motorischen Ausdruck von psychischer Gestoertheit. Dies alles  hat mit dem undramatischen Wesen der getanzten Charaktaere zu tun, und mit der Ambition Platels, aehnlich Abstraktheit der Bewegungen auf der Buehne zu erreichen, wie sie ihn offensichtlich an Van Gehuchtens Dokumentarfilmen fasziniert hat. Eine solche Intention schliesst sowohl eine emotional ueberzeugende Darstellung als auch eine Entwicklung der Einzelnen weitgehend aus, weil es die Wirkung der Abstraktheit quasi existentiell beeintraechtigen wuerde. Die Schoenheit ohne Echtheit ist also aesthetische Absicht, und der Versuch, was im Kurzfilm funktioniert auf fast 100 Minuten auszudehnen der kuenstlerische Ehrgeiz. Die einen laesst derartige Sportivitaet einschlafen, doch am Ende wird sie von den viel mehr anderen mit begeistertem Applaus belohnt und bedankt.

Oder eben nicht, weil da gibt es noch ein Unterfutter, das ebenso erfolgsfoerdernd sein duerfte, wie es eine aesthetische Bankrotterklaerung darstellt. Platel mischt naemlich sein Tanzkonzept mit metaphysischen Halbpathos und musikalischen Halbkitsch. Das Halb steht hier wie oben fuer die kuenstlerischen Ambitionen, beim Schwimmen in der Mainstreamsuppe. Musik und Text thematisieren im christlichen Kontext das Leiden, halbreligioes: einerseits anspruchsvoller als simpler kommerziell inszenierter Marienkult und irgendwie im Augenblick ueberzeugend und andererseits irgendwie auch berechnender als dieser. Vielleicht solls ein Tabubruch sein, fuer den mir als katholischer Basisfunktionaer die Sympathie fehlt, vielleicht ist es auch echter gemeint als ein Zweifelnder wie ich es sich vorstellen kann. Wahrscheinlich fehlt mir auch die Bereitschaft zu akzeptieren, dass in vielen phsychisch Kranken nur mehr ganz wenig Menschsein vorhanden ist. Dass ein Mitfuehlen mit Fremden nur auf einer metaphysischen Ebene moeglich ist.

Im Nachhinein ist es genau die Frage, ob es das alles Schrottkitsch ist fuer ein Publikum, das gerne weissgekleidete Musiker sieht und jazzigen Monteverdi hoert. oder ob hier die Welt aus Leiden und Leidensbetrachtung zur Schau gestellt wird, was die ganze Produktion festspielwuerdig macht. Obwohl, irgendwie ists eine Hochglanzfassung der ueblichen belgischen <Schokofritten>, bei der der Humor verwurschtet wurde ...

Le Salon (by Peeping Tom)

Bruesseler Impressionen. Ein Zettelkasten des Niedergangs einer Familie: Patriarch (Simon Versnel), Hausdame (Eurudike de Beul), Kinder (Gabriela Carrizo, Samuel Lefeuvre, Franck Chartier), Enkeltochter (?).

Schoene halbskurille Bilder. Ein weicher und doch imposanter alter Mann, der sich ins Bett zurueckzieht. Sich ueberschlagende, durch den Raum katapultierende, verloren wirkende junge Taenzer. Ein mollig altjunferlicher Mezzosopran, dessen Annaeherungen vom Alten bruesk abgewiesen werden, wofuer sie sich garstig mit dem Verordnen einer Windelhose revanchiert. Eine Tochter, die mit Wohnungsacessoirs und Fauteuils beworfen, ueberhaeuft und symbolisch begraben wird. Ein suesses Enkeltoechterchen, das im Pas-de-deux am Arm mitgetragen wird.  Ein ungewollter Selbstmord, bei dem die Kinder helfen, wegschauen und weggehen. Und ein schwarzer Arzt als Todesengel.

Ein Abend, der manchmal fasziniert und manchmal eher kalt laesst. Dessen Wahrnehmung sicher ganz wesentlich vom eigenen familiaeren Hintergrund abhaengt, beziehungsweise von dem des Freundes- und Bekanntenkreises. Wem das Buergertum fremd ist, dem fehlt vermutlich der kontextuelle Bezug zum groesseren Teil. Da ich selber Bruessel nur als Kommissionssitz kenne, und allenfalls als Stadt, in der man ganz gut essen kann, und da ich ausserdem nicht aus dem Grossbuergertum komme und keine seiner Vertreter kenne, sah ich vieles nicht, was die Medienmitteilung verspricht. Keinen Grossvater, der unbewusst die Familie in den Abgrund zieht mit seinem Unterfangen mit Wuerde, Klasse und Ehre zu ueberleben. Wenig Verfall und echtes Losertum. Hoffnungslosigkeit zwar, kaum aber Ekel, Verlust der Vernunft, Faeulnis und Wahnsinn. Und nicht wirklich Paranoia.

Fuer mich hatte diese bunte graue Show zu wenig Dichte und zu unklare Bezuege zwischen Tanz und Schauspiel. Trotzdem ist sie ein interessantes, handwerklich bisweilen begeisterndes, manchmal auch wieder nicht, Schaustueck, dass dazu anregt, die Gedanken schweifen zu lassen ...


Jacko Unplugged

Swigger Tales - Swiss Wigger Tales in der vekleinerten, als grosses Spielzimmer hergerichteten Stall-6-Buehne;

Swiggen heisst in grossen Schlucken gierig Saufen. Barbara Weber und Mike Mueller inszenieren eine groovige Michael Jackson - Black Power Show. Ein in die weiblichen Jahre gekommenes Bambification-Bambi Fabienne Hadorn stoeckelt Michael Jackson, ihre drei maennlichen Kumpels - der vollbeleibte Dominique Mueller (hurenauthentischer meggawigger!) und die schmaeleren Arvild Bauld und Nils Bormann - versuchen in den verschiedensten Rolle schwarzer Opfer und weisser Taeter ihre urschwarzen Wurzeln zu entdecken.

Die Collage aus Peitschenknallen, Zitaten, Gesang und Durchsteckloch (glory hole) hat viel Power, bleibt in ihrem Charakterportrait aber inkonsistent und haarig: Dass die Geschichte der Farbigen in den USA wirklich Jacksons Lebensgeschichte praegte und diese eine genuin schwarze ist, eine kaum belegte und ebensowenig einsichtige Behauptung. Der Versuch, Jackson aus seiner Familiengeschichte als Mitglied der Jackson Five zu erklaeren, ist an sich viel versprechend, aber er wird nicht ausgearbeitet, respektive das Durchdenken wird zum Zuschauer outgesourct. Und wenn sich die drei Schauspieler unter den vieren am Ende in schwarze Tuecher verhuellen und wir nur mehr ein weiches Weisses von Hadorns Augen sehen, fragt man sich, ob dieser verkleidete, feminine Pierrot wirklich der Kopfstimmen-Jackson ist, der das Pendant zur Ikone Madonna war. Der peitschenknallende Auftritt Hadorns als Sklavenhalterin zu Beginn hat als naheliegende Madonna-Referenz diesbezueglich eine unfreiwillige Symbolkraft, naemlich die des Verdachts, dass die Assoziationen des Gezeigten mehr unverstandener Zufall denn Absicht sind.


Jackson als gescheiterte Madonna, vielleicht sogar als Opfer, dargestellt und am Ende auch noch wie ein Maedel verhuellt zu sehen, ohne tieferen Sinn als den zufaelligen dahinter, das ist fast ein bisschen aergerlich. Aber, was solls! Es gibt langweiligeres Theater; und geistreicheres in Zuerich derzeit auch nicht.

Raimund Hoghe versus Louise Lecavalier

Im Rahmen von Steps #10 - Simply Perfect. Kommentar in Arbeit;

10. Mai Hoghe - 12. Mai Lecavalier, der eine von Natur aus behindert, die andere bei einer Behandlung einst schwer beschaedigt und danach jahrelang behindert, sie gehen fast kontraer mit ihren Beschraenkungen um. Hoghe sucht nach einer Abstraktion, die ohne physische Glanzleistungen dargestellt werden kann und dabei wenig Praezision benoetigt, Lecavalier demonstriert - wie vermutlich einst zu ihren Glanzzeiten als Superstar von Edouard Locks La La La Human Steps - hohe koerperliche Praezision und physischer Praesenz. Sie hat lediglich den physikalischen Bereich, in dem sie agiert verkleinert, respektive verschoben, und macht ein bisschen auf Zen.

Beide hatten es nicht wirklich leicht in der Gessnerallee, vor allem Hoghe entsprach offensichtlich den Erwartungen vieler Zuschauer nicht. Er interpretiert in seinem 50-minuetigen "The rite of spring" zusammen mit seinem juengeren, normalgebauten Partner Strawinskys "Le Sacre du Printemps" frei assoziativ, wobei er sich vor allem an Dynamik und Volumen orientiert. Neben einigen grenzwertig banalen Wasserplantschreien, geht es dabei um das Thema Anziehung und Abstossung, um das zueinander stehen und um die Geometrie des Raums als Ergaenzung von Musik. Das stellt die Frage, Das wirft Fragen nach dem Verhaeltnis von Theorie und Tanz und von Krueppel und Kunst auf. Hoghes "The rite of spring" steht dabei auf der anderen Seite des konventionellen Kunstdiskurses Werken "Kunst" und "Mein Arm Wo die einen der Konzeptkunst" entgegen. hoehnen, macht er sie. Das ueberzeugt am Ende nicht, geht im direkten Vergleich mit den zitierten Werken aber als klarer Sieger hervor.

Hoghe ist vor allem eine Orientierungshilfe in den Verklaerungen der Postdramatik im Schauspiel, will hier heissen des Ritualteils des geschichtenlosen Barocks der letzten Jahre. Gerade die Frage, warum einem Hoghe nicht gefaellt oder gar unakzeptabel scheint, kann auch helfen, eine Antwort zu finden, warum wir - eventuell - die Postdramatikl lieben und was wir daran lieben. Sofalls Selbstreflektion unser Ding ist.

Zwei Tage spaeter dann konventionellerer Tanz, und wieder ein aehnliches Publikumsphaenomen. Natuerlicher Zen kommt gut an, artifizielle Individualitaet gar nicht gut, die "vielen lieben Fans und die jetzt neu dazugekommen sind" ausgenommen, denn Lecavalier ist noch immer ein taugliches und als solches sogar sympathisches Bewunderungsobjekt. <<I>> is Memory erfuellt die inhaltlichen Erwartungen des Titels und untersucht auf seine Weise das Verhaeltnis von Bewusstsein und Erinnerung, mit engem Fokus auf den eigenen Koerper und das Verhaeltnis zu den naechsten Dingen wie der Kleidung, das durch das Gedaechtnis sein funktionales Design erhaelt.

Hoghe weist darauf hin, dass es wichtig sei, behinderte Koerper auf der Buehne zu sehen, weil der Mensch (heute) Objekt des Designs ist, dessen Variantionsreichtum naturgemaess durch unsere Bilder im Kopf wesentlich bestimmt wird. Bei Lecavalier hat man den Eindruck - und der mag ganz falsch sein - dass sie diesen Zusammenhang fuer den eigenen Koerper thematisiert. ...

Mit diesen beiden Abenden kommt das Steps-Festival #10 - Untetitel "Simply perfect" - sehr zum anvisierten Punkt, zur Auseinandersetzung mit Schoe ...



Dans le Jardin

Im Rahmen von Steps #10 - Simply Perfect. Kurznotiz.

Michael Schumacher und Alex Waterman haben Improvisation im Repertoire. Auf der Basis von Johann Sebastian Bachs sechs Suiten fuer Violincello produzierenn sie ihre Kunst jeden Abend neu. Diesmal laufen spazieren drehen und sitzen sie im weiten Raum des Theaterhauses Gessnerallee und darum herum. An dem Abend, an dem ich es gesehen habe, wirkte es wie Routine, ein Dialog mit dem Publikum kam nicht zustande und der mit dem Ort war auf die Kenntnis von Tueren bescheiden. Einige witzige interaktionsszenchen mit dem Publikum, einige nette bewegte Momente, viel mehr war nicht. Dafuer spuerte man den Wunsch nach einem Zugang zu dem mit Superlativen verkauften Improvisationskuenstler. Mit einem ablehnerenden Publikum haetten sich Schumacher und waterman vermutlich leichter getan. ...


Die letzte Chance #3

Ein Premierenbericht. In Arbeit oder auch fertig.

Der Titel ist Programm. Wenn ihr uns nicht wollt, dann gibts irgendwann 400asa nicht mehr. Will heissen: wir, das Publikum, haben eine letzte Chance. Puhhh... stirnwisch Erleichterung.

Es gehts ums Filmemachen. Um Selbstreferenzierungen. Um die Integration der Produktionsmethode in den aeusserlich wahrnehmbaren kuenstlerischen Inhalt. Und ums inszenierte Praesentieren der Produkte.

Das Produkt ist der Film "Vom Limmatplatz zum Xenix". Eine Kreis 4 Geschichte um Impotenz, Inzest, Kastration und Kredithaie. Laila Nielsen und Philippe Graber als abgefackte ausgefickte Halbgeschwister, die anfangs gesteltzt, spaeter zuegig gehirnerweicht durch den Kreis 4 wanken. Und Kaspar Weiss der Kuenstler, der dolcherwuerft werden muss, der kritischen Wuerdigung wegen. Zu Beginn sitzt er als Bart gewordenes Klischee im Kitsch, man denkt an liebe alte Trashproduktionen wie sie einst die Gruppe Engel bot - am Ende liegt er im eigenen Blut vor Xenix-Kino. Bedeutungen hats keine.

Das Produkt kommt saftfrisch ins Theater. Anhand einer vorgefertigten Tonspur hat man es am selben Abend gedreht und die Darsteller, die sich festivalmaessig vor dem Film vor der Leinwand versammeln, tragen noch die natuerlich und kuenstlichen gewaesserten und gedreckten Kleider ihrer Rollen. Zum Ausgleich hat man das Publikum dafuer angewelkt. Die Publikum durften in der mehr als einstuendigen Wartezeit auf die Produktlieferung von zwei Kanten aus beim Paralleldreh mehrerer Filme zuschauen und vom Buffet mampfen, und sich natuerlich auch ein bisschen an der Bar betrinken. Diszipliniert die Kollegin von der NZZ, sie ignoriert das Buffet, hockt ab und schreibt mit. Tapfer der Kollege von der PS. Er hat im besseren Wissen auf eine Premiere in der Roten Fabrik verzichtet und harrt an der Bar des Eintreffens filmischer Anleuchtungen. Findets sehr lustig, dass ich ihm erzaehle, das Alvis Hermanis mein gewoehnlich gut unterrichteten Quellen zufolge sein Theater ernst meint, und nicht das Publikum verarscht. Kritikerrisiko.

Gefilmt wird nach der Hals- und-Nacken-Kamera-Methode mit der Handkamera meist eng am Kopf der Darsteller. Das gibt unscharfe und gewackelte Bilder, die - zumindest ein bisschen - den Zuschauer in den Flow der Halbgeschweister hineinziehen. In manchen Phasen hat das tatsaechlich so etwas wie filmische Qualitaet. Eine von vielleicht mehreren interessanten Fragen ist, welche Rolle die unterschiedlich starken Synchronisationsdefizite zwischen Tonspur und Film haben. Wir wissen beispielsweise vom Videoconferencing, dass Desynchronisation die Koordinationsschwierigkeiten verringert und sich positiv auf den Output von Videokonferenzen auswirkt, weil Menschen im sich Koordinieren ueber Ton dank dem Telefonieren viel mehr Erfahrung haben als im sich Koordinieren ueber Bild.

Nett ist am Ende, wenn 400asa-Chef Samuel Schwarz sich am Ende fuer hoehere Leitungsfunktionen ins Gespraech bringt, indem er mit pathetischem Triefen das Publikum um intellektuellen Beistand bittet, um gute Ratschlaege per e-Mail. Das einzige, wo ihm noch ein bisschen die Meisterschaft fehlt, ist das verkrampft Familiaere, was man in solchen Szenen erwartet. Aber die Ansaetze sind gut.

In den folgenden Abend wird es offensichtlich anderes zu sehen geben, naemlich "Hybrid", eine Kreation von Barbara Terpoorten-Maurer, Wanda Wylowa, Urs Braem und 400asa-Chef Samuel Schwarz. Mit dem fast schlimmsten ist immer wie immer zu rechnen.

My Favourite Game - Taxi Experience

Kritik in Arbeit;

Hoch hinauf gehts zuerst, damit man die schmale Treppe hinuntersteigen kann und halbeng zusammengedraengt auf den Beginn warten muss - denn die Feuerpolizei verbiete das Verweilen auf der Treppe ...

Der direkte ebene Weg waere viel kuerzer, wuerde aber keine Stauung der Erwartungsfrohen nicht ermoeglichen. Und so auch nicht den einzigen Auftritt der Co-Choreographin Niki Good. Sie stellt sich bei der Premiere, schmall, relativ gross, halb verlegen laechelnd vor die Tuer zum Buehnenraum, um diese, als es endlich losgeht, wie eine Mutter die Tuer zum Christbaum und den Geschenken, voll Vorfreude auf unsere Bescherung zu oeffnen.

Es geht SEX. SEX, nicht Erotik, nicht Nackheit, nicht Verfuehrung, nicht Penetrierung, nur puren guten SEX. Der wird von den Co-Choreografinnen Niki Good und Salome Schneebeli, der einzigen alltagseleganten Erscheinung unter den Zuercher Tanzbewegten diesseits des Opernhauses, als gemeinsames Kugeln und einsames Zucken, mal geil, mal verkrampft, dargestellt.  Man will, ganz klassisches Theater, das Publikum animieren, in die Haut der Performer zu schluepfen, ohne davon, dieser Nebensatz irritiert, davon betroffen zu sein. Eine Variation des beide-oben-Liegens also, richtiger Sex ohne Schleim. Das soll uns Publikum - lobenswerter Weise - wohl die Angst neben, aber es wird leider allzugaenzlich Realitaet.

Hinter der Tuer der Niki Good draengt es, wurlt es, aber nur im Ansatz. Es drehen sich, eng aneinander reibend, vier Taenzer auf dem Boden in den gedraengten warteraum heraus. Ein Schelm wer was Assoziatives dabei denkt. Wir steigen drueber, routiniert im Umgang mit dererlei theatralen Hindernisschen, und dringen vor in den halbdunklen Auffuehrungsraum. Der Platz, den sich jeder dabei sucht, wird seine perspektive bestimmt. Knapp nebeneinander ist doch verschieden. Und harren ohrenstoepselbewehrt des Sexes der das kommen wird.

In Zuerich werden komplizierte Frauen von Maennern als Schlampen bezeichnet, weil zu viel Kompliziertheit als unsuber empfunden wird. Und in zuerich faehrt man nicht Taxi, sondern VBZ. Sagt man jedem Besuch aus dem Ausland. Und doch zaehlen die Taxifahrten (zumindest des nachts) nicht selten zu den wahren Erlebnissen dieser Stadt. Nicht kommt er, sondern kommt er an, das ist dann die Frage.

My Favourite Game kommt nicht an, trotz vielem. Trotz filmischer Pornokusszenen, trotz eindruecklich subversiv nuttiger Sexologin - ihr Auftritt auf der Treppe zum Vortheaterraum bringt augenblicklich die wartend plaudernden zum Schweigen, obwohl sie aeusserlich nicht von einer Zuschauerin zu unterscheiden ist - trotz athletischen Maenner mit schwarz lackierten Naegeln und in hohen Damenschuhen, trotz der knappen Naehe zwischen Darstellern und der ersten Zuschauerreihe, trotz manchem esoterischen Farbenschnickschnack, trotz gewisser Erregung kommt die Lust nicht, ja erscheint geradezu gestoert. Im laut rummernden, stroposkopbeleuchteten Finale, sitzt man als Schneegesellschaft ruhig nebeneinander auf der Bank. Sex als stilles Erleben umbrandet vom Laerm.

Good und Schneebeli haben vielleicht zu kompliziert gedacht, und deshalb das Einfache Wesentliche vernachlaessigt, das souveraene Spiel mit der Distanz. Frau ist sich seiner Sache nicht sicher, kann sie - teils - auch nicht wirklich aushalten, zumindest bei der Premiere, sondern reagiert mit Strinrunzeln. Die Theorie wird weder souveraen, noch peinlich, sondern halb-langweilig gebracht. Das bewusste Spiel mit dem Ueber-Ichs der Zuschauer findet nicht statt, scheint gar nicht antizipiert. Vor allem aber ist unklar, wie Mann sich in eine Frau hineindenken soll, oder Frau in einen Mann, der nur wenige Dezimeter entfernt vorbeizuckt, wirbelt und zittert. Aber genau will das im Programm vorgestellte Konzept.

Im Religionsunterricht haben wir gelernt, dass es im Altgriechischen drei Woerter gibt fuer Liebe: Sexos, Eros und Agape. Waehrend Eros und Agape neben der Politik die klassischen Themen des Sprechtheaters sind, wird Sex nur exzeptionell thematisiert, und dann meist als Mittel zur Manipulation (Lysistrate, Macbeth, etc.). Es gibt 1001 No-Sex-Geschichten fuer die Buehne, doch kaum Sexgeschichten. (War Bambification eine?) Darum erscheint es durchaus sinnvoll, sich diesem Thema kuenstlerisch zu widmen und es mit den sinnlich abstrakten Mitteln des Tanzes zu tun. Doch Good und Schneebeli haben, neben einer nicht sehr gluecklichen Gestaltungdes Buehnenraums und ein paar fehlenden Coolness-Graden, einen Zugang abseits der Hinwichserei gewaehlt, und sie lassen Leute vom Fach als Darsteller auftreten.

Man kann es auch weniger grausam sagen: die Taenzer sind nicht jung und die Choreografinnen sind nicht alt. So kann mit oder ohne schleimige Sosse der thematisch hochriskante Vorstoss  kaum gelingen. Interessant anzuschauen, wie es scheitert, ist es trotzdem.




Fucking Amal - Plueschtheater der anderen Art

Nach Film & Drehbuch von Lukas Moodysson, uebersetzt von  Hansjörg Betschart; eine Koproduktion von Theater Basel und junges theater Basel, gezeigt im Rahmen des Blickfelder Kindertheaterfestivals - Notiz in Arbeit;

Auf der Buehne eine rechteckige Spielfdlaeche, voll mit Plueschtieren, umrandet von einer niedrigen Mauer zum Sitzen oder dahinter verschwinden.

Agnes ist ein Einzelkind, ihre Mutter Sportlehrerin und ein bisschen unsensibel, und ihr Vater Schlipstraeger, der auch nicht so recht weiss. Agnes wird 16, ihre Mutter will eine Geburtstagsparty veranstalten, doch Agnes weiss es besser. Keiner wird morgen. Sie hat keine Freunde, nie Freunde gefunden in den anderthalb Jahren, seit sie hier sind in diesem fucking Amal.

Elin ist auch 16 und beliebt bei beiden Geschlechter, hat aber noch nie, denn Jungs oeden sie an. Eigentlich oeden sie alle an, alle die so gleich sind. In Schweden, wo der Originalfilm spielt, sicher noch weit schlimmer als in einer heterogenen Stadt wie Zuerich.

Das ist der Ausgangspunkt eines Date-Dramas ueber Homosexualitaet. Wir sehen eine Erste-Lesbische-Liebe-Geschichte, die mit viel Power von den exzellenten, sehr jungen Darstellern gespielt wird, und in der trotzdem (an dem Abend, an dem wir im Theater waren) die leislichen lyrischen Toene dominieren.

Stefan Nueblings Inszenierung gelingt durch ihre Offenheit, die den jungen Darstellern auch beim xz-ten Mal ermoeglicht, den Abend wieder neu zu gestalten, zusammen mit dem Publikum, und durch ihre Balance unterschiedlicher Elemente. Gleichwohl sie sehr realistisch wirkt, ist sie im artifiziellen Kontext des Plueschtierbodens nie in Gefahr, die Wirklichkeit, oder schlimmer noch, die Fernsehklischees der Wirklichkeit nachzuspielen. Die Plueschtiere sind fuer alle da - einige im Publikum meinen, auch fuer sie - und multifunktional. Man kann sich darunter verstecken, man kann sich damit fetzen, man kann damit Puppen spielen und sich kraulen, und man hat, was ja auch oft wichtig ist auf Stehanlaessen, damit etwas in der Hand. Und trotzdem haben sie keine tiefere Bedeutung, die mit der Spielhandlung interferieren koennte, ausser jener, dass irgendwie sowohl etwas mit Kind Sein als auch etwas mit Beziehung Haben etwas zu tun haben. (Oder auch mit keine Beziehung haben werden.) Und natuerlich sind sie ein Schluesselreiz fuers Publikum, das sich beim Anblick der Tiere fuer ein bisschen Romantik oeffnet.

Die Darsteller sind grossartig, Urs Jucker als Vater beispielsweise eine absolut koestliche Fehlbesetzung, und ziemlich sehr authentisch. Man denkt sich unwillkuerlich, die sind so, die sind echt. Und das ist fuer ein Jugendtheater, das ein im wirklichen Leben nicht ganz einfaches Thema wie die lesbische Liebe behandelt, wichtig. Nur so kann die fundamentale Botschaft wirklich rueberkommen, dass Liebe gluecklich macht, auch eine ausserhalb der biologischen und moralischen Norm. Wobei freilich anzunehmen ist, dass das "schwere Thema" als solches fuer viele jugendliche Zuschauer gar nicht im Vordergrund steht, und sie einfach eine schoene schwierige Zueinander-Kommen-Geschichte sehen.

Die auf Normalitaet bedachten Erziehungsberechtigten brauchen sich im uebrigen keine Sorgen zu machen, dass hier die Jugend verfuehrt wird. Einige Meitlis im Publikum waren schwer enttaeuscht, dass es so wenig von den Jungs zu sehen gibt. Zumindest diese sind fuer die Maennerwelt nicht verloren. Und das Glueck, dass Agnes ausstrahlt, wenn sie mir ihrer neuen Freundin durch den Pluesch humpelt ist schlicht ununterscheidbar von herosexuellem.

PS: Grosser Publikumsandrang, reservieren sie rechtzeitig und holen sie ihre Karten rechtzeitig ab!



Plasma Projekt 9: Random - In der Tat!

Verschiedenste Elemente aus Musik, ritualisiertem Szenenspiel und Installationstheater werden zu einem duenn besetzten Patchwork verwoben, das durch Coolness und allzumenschliche Absurditaet zu ueberzeugen versucht. Die Grundsituuation wird durch den spaerlich eingerichteten Raum mit Teppich, Pokertisch und einer den Hintergrund bildende Stellwand gegeben. Links sitzt der Musiker mit einem alten Radioempfaenger. In die Stellwand sind im quadratischen Gitter Gluehbbirnen im Dezimeterabstand geschraubt, ueber die gelegentlich statische oder bewegte Leuchtbilder laufen. Die Texte zitieren Physiker verschiedener Epochen und drehen sich um das Thema Zufall und Determinismus. Komplimentiert werden sie durch Studien selbsverstaerkender Wutausbrueche und selbstvergessener Pokerdramen und bebildert werden sie durch vorgetaeuschte und symbolisierte Experimente.

Dem Programmblaettchen entnehmen wir eine offensichtliche Ausgangsthese fuer Lukas Bangerters Textgestaltung: Nicht-zufaellig sei nur das, was unabhaengig von der uebrigen Welt existiert. Das laesst ahnen, was in Random so alles herauskoemmt: naemlich wenig Erhellendes. Vielen Physikern mag dieses Philosophieren noch gefallen, dem gemeinen Mathematiker ist es zu wirr und kernlos. Das Grundproblem ist das Thema selber. Die Menscheit hat sehr viel Zeit und Muehen investiert in das Erarbeiten von Modellen, die es uns ermoeglichen. die Phaenomene der Regelmaessigkeit bei nichtdeterminierten Ablaeufen zu verstehen, und dabei viele Zusammenhaenge hergestellt und viele Prognoseinstrumente entwickelt - und Plasma hat das nicht.

Sieht man vom Inhalt ab, sehr routinierte, skurille Schrullen. Das Publikum fands zum Teil ziemlich lustig, Einzelne sind in der einen oder anderen Szene vor Lachen fast erstickt.


Titaniamania - nomen est nomen!

Kritik in Arbeit ...

Nach der Vorlage des Sommernachtstraums. Assoziationen sind zeichnungsfrei. Tanga-Meitli gibts nur im Fernsehn.

Far A Day Cage zeigen eine Paraodie auf Castingshows im Fernsehen, die einer Parabel auf die Werteumkehr in Politik und Gesellschaft nahe kommt. Wie schon andere Regisseure vor ihm, hat Thomas Schweigen das Original ins Gegenteil verkehrt. Man erinnere sich nur an Stefan Puchers Sommernachtstraum im Schiffbau mit Josef Ostendorf als Puck, der das Mikro in der Kuehltasche mitbringt. Schweigen tauscht aber nicht heiss und cool, oder dick und drahtig, sondern Haupt und Nebenhandlung, Spiel und Spiel im Spiel im Spiel, und mischt die Groessenordnungen im Ensemble - ganz lang und eher klein, ziemlich duerr und ziemlich fest - exemplarisch beliebig.

Waehrend in Shaekespeares Original die Eifersuchtskomoedie des Elfenkoenigspaars und der Ausgang von zwei jungen Paaren in den Zauberwald im Vordergrund steht, und das Theater der Laientheatergruppe nur ein Spiel im Spiel darstellt, spielt hier Shakespeares Haupthandlung die Rolle des Spiels im Spiel. Die Handwerker-Laientheatergruppe strebt nach Glamour, und weil sie selber keinen hat, will sie sich damit umgeben, wie es im Ratgeberbuch steht. Der Zettel-Zettel hat dafuer Shakesspeares Sommernachtstraum ausgesucht, weil es das meistgespielte Stueck der Weltgeschichte sei - und nicht Andorra, wie einer aus seiner Truppe vermutet. Allerdings will man auf das Spiel im Spiel verzichten, weil nur mit Einfachheit wird man beruehmt.

Und genau hier koennte die Crux einer Parabel auf zeitgenoessisches Management (und heutige Politik) liegen. ..... Einschub: Man stellt sich hier den jungmanager vor, der anderthalb Kapitel eines Buches ueber Lean Management gelesen hat - mehr waere meist nur Wiederholung des ewig gleich Unverstandenen - und nun daran geht, bei peter drucker Zitate fuer seinen Vortrag zu suchen, weil er gehoert hat, dass dieser Drucker wichtig sei. Dass sein weises Buch nur Druckers Ideen aufkocht kann er nicht wissen, weil es vermutlich nicht einmal der Autor weiss, den man es auch nie gesagt hat im Kurs, in dem ers gelernt hat. ...... Sie wissen nicht, was sie tun, wie grotesk komisch ihr Tun ist - dass es eigentlich das Gegenteil dessen ist, was sie beabsichtigen und behaupten - aber sie sind anmassend genug, um eventuell damit Erfolg zu haben. Das hat schon Shakespeare beschrieben. Und ebenso peinlich bringt es Far A Day Cage auf den Punkt.

Zumindest in der quaelenden ersten Szene, in der wir allzu realistisch miterleben, wie ueber Musik diskutiert wird, und uebers Theater machen, als haette man Dreizehnjaehrige vor sich, von denen sich keiner so recht auskennt. Leider schaffen die (fast) echten Amateure - zwei Maennlein und zwei Weiblein, die aus dem Casting vor einem Monat als Sieger hervorgegangen sind - diese authentische Peinlichkeit nicht. Schweigen ist offensichtlich nicht bereit ist, sie sich laecherlich machen zu lassen, und laesst es bei ein bisschen schick sein und high-heels Schenkel zeigen bewenden. Zwar spielt man vieles durch, was es an Abstrusitaeten in Fernsehcastingshows so gibt, aber in einer Kindlichkeit, die mehr von kleinen Wuenschen und Eifersuechteleien handelt, als von der professionellen Ausnutzung im Fernsehen oder der professionellen Transformation in den Fuehrungsetagen.

Fast scheint es, dass die Inszenierung noch einen zweiten Anlauf nehmen will, wenn die Rollen neu verteilt nach dem Zufallsprinzip und man endlich zum Spiel im Spiel zu kommen scheint, doch dann ist es auch schon vorbei.

Wie oft bei derartigen Veranstaltungen, ist dann das Verbeugen noch ein bisschen aufschlussreicher als beabsichtigt. Trotzdem hat die Inszenierung (noch?) nicht zu einer gueltig aussagekraeftigen Form gefunden. Schaerfere Licht und Schatten, zynischerer Umgang mit dem Gegenstand der Parodie (und vielleicht auch mit dem der Parabel?) wuenschte man sich ...


Festival Gedankenspruenge

Festivalpass:

Rahmenprogramm

nach der Vorstellung (Jan 22, 25, 27, 30, Feb 3): Eintritt frei

Vorstellungen

1. Velma: Velma Superstar: Jan 20-21
2. RotoZaza: The distance love can be maintained between any two fixed points: Jan 22-23
3. Katharina Vogel: Corps liquide: Jan 25-26

4. Showcase Beat Le Mot: alarm Hamburg Shanghai - Viel Action, wenig Suppe

Kurznotiz, erste Version

Showcase Beat Le Mot machen ein bisschen dies, ein bisschen das, und lassen Essen ausgeben ans Publikum. Das Chinabild, das sie zeichnen ist ein Kaleidoskop der Oberflaechlichkeiten mit ein paar symbolischen Seitenhieben auf uns, die naiven Vorurteilstraeger, die Marktwirtschaft mit Demokratie verwechseln oder sonst so was.

Das ist kultverdaechrig, weil kurzweilig: Poptheater aus der Dadaverwandschaft, das unterhalten will und es auch tut. Und es hat auch eine Moral, wenn auch eine simple: Die Unterstellung von Tradition ist eine Unterstellung, die zwar angesichts chinesischjer Vergangenheit und Gegenwart berechtigt ist, aber eben auch sehr zweifelhaft. Damit laesst es das deutsche Maennerquartett mit Giessener Wurzeln dann auch bewenden.

In gewisser Weise sind diese Theaterversuche die musischen Brueder jener traditionellen Wissenschaften, wie sie Paul Feyerabend beschrieben hat. Nur dass man sichs noch ein bisschen leichter macht, als der philosophische Schlawiner Feyerabend (und nicht eine ganz so gute Show bietet). Waehrend die einen den Inhalt der Methode opfern, opfern Performer wie Showcase Beat Le Mot den Inhalt der Methodenlosigkeit. Man mag hierin eine Antithese sehen, aber auf seine Weise ist alarm Hamburg Shanghai sehr objektiv, frei von Persoenlichem ausserhalb des Zufaelligen. Es gibt nicht einnmal Anlass fuer die Annahme, hier gehe es um Emergenz, in einem mit der traditionellen neuen KI vergleichbaren Sinn. Es geht primaer um den Event hier und jetzt, darum, dem Publikum einen lustigen Abend zu bieten.

Die ausgegebenen Essensportionen waren ein bisschen klein.

Am schoensten sind die 4 Minuten mit den tanzenden Drachen. 


5. Robyn Orlin & Sophiatou Kossoko: although I live inside ... - Nix ist manchmal auch aufschlussreich!

Kurznotiz in Arbeit

Nued. 40 Minuten. Darstellerin im goldenen Badeanzug marschiert durch die Gegend, pritschelt mit Wasser, stellt die Schenkel und zieht - als Vorbild fuers Publikum - die Schuhe aus um zu tanzen. Weibliches Publikum darf und kommt im guten Dutzend dem Beispiel nach, dann auch zwei Maenner. Die Aufforderung, sich maennliche Partner zu suchen, scheitert aber. Und vorbei ists.

Ueber Suedafrika haben wir dabei nix erfahren, es sei denn die Botschaft, dass dort die Frauen nerven, Also die Unterschiede. Dafuer bekamen wir ein beispielhaftes Bild Schweizer Verhaeltnisse: Keiner regte sich auf, die meisten laechelten freundlich und machten nicht mit: Man war, im eigentlichen Sinne des Wortes, in kleinmacchiavellischer Tradition, und ganz natuerlich, cool. Keiner der ueblichen Ratgeber "Schweizer fuer Auslaender" beschreibt auch nur annaehernd so treffend die lokale Kultur wie dieser Nicht-Event es tat.

Wobei allerdings beruecksichtigt werden muss, dass die exemplarische Wirklichkeit ganz wesentlich deshalb zustande kam, weil es erstens exotisches Theater war, Suedafrika! noch dazu (politisch und so), und weil zweitens Tanz fuer viele Tanztheaterbesucher etwas Ideologisches ist und Grenzobjekt fuer Beziehungen, was ein kritisches Zuschauen eher ausschliesst. Nur deshalb funktionierte die Dekonstruktion so glaubhaft.

6. Erna Omarsdottir & Johann Johannson: IBM - 1401, A User's Manuel - Hardcore hardcore!

Kritik geplant / in Arbeit / erste Version:

A schlichata woansinn. Der schlichte Wahnsinn. Die Auffuehrung wird der Legende vom ersten Rechner Islands, dessen Stoerfrequenzen in Musik transponiert wurden, vollauf gerecht. Ob es die Legende ueberhaupt gibt, weiss ich nicht, aber selbst wenn nicht, ist sie verdammt gut getanzt und musiziert, gut erfunden.

Es gibt verschiedene Geschichten, die man auf der Buehne hoeren kann, je nachdem womit man sich selber assoziiert. Man kann sich zum Beispiel als Computer fuehlen, und sehen wie der Mensch da vor einem tanzt zur eigenen Sprache, der Musik. Oder man kann sich als Taenzerin fuehlen, als Mensch, dessen Koerper von unkontrollierter Energie beherrscht wird, und der trotzdem noch Mensch bleibt, und zur Ruhe findet oder auch zum Ende. Oder man kann sich als Maschine gewordener Koerper sehen, die Seele gefangen in in der Verschmelzung zwischen Mensch und Maschine, und doch da, und sogar profitierend von der anderen Energie. Man kann auch nur schlicht miterleben, wie Erna Omasdottir an die Grenzen des koerperlich leistbaren geht, bis kurz vor, oder bis zur Selbstzerstoerung. Sie zuckt wie wahnsinig, ihr Koerper fliegt ohne abzuspringen durch die Gegend, einen Delphin gleich, der ueber das Wasser schnellt, ihre Schienbeine dienen als Sprunggelenke und lassen den Boden unter unseren Fuessen erzittern. Den konvulsischen Bewegungen ueberlagert sie, stellt ihnen entgegen, den Versuch des normalen, traumtaenzerischen Bewegens, ein Laecheln, eine Andeutung eines Augenzwinkerns, ehe es sie wieder wegreisst, das Zerren in ihrem Kopf, ihrem Koerper und in ihren Gliedern, und vielleicht auch in ihrer Seele. Nur einmal muss sie in ihrer 45-minuetigen hard-core Performance rasten, eher sie wieder weiter rast, nein tanzt, ueber die Buehne. Am Ende wird sie ganz zum Computer, zum pfeifenden, um seine eigene Achse pendelnden Computerkoerper, dessen Gesicht langsam im ausdimmenden Licht zur Erde sinkt, uns fast in den Schlaf pfeift.

Man kann auch die Perspektive des Zuschauers einnehmen, der im Hintergrund die statische, musizierende Maschine und davor ihr Alter Ego sieht, dass ihm nahe geht und durchaus unverstaendlich bleibt, das ueber die Buehne seine Kreise zieht, unpersoenlich, manchmal heftig freundlich froehlich winkend, und sich selbst kaum beherrscht. Es bleibt uns immer fremd, dieses Wesen, dass da menschliches Sein simuliert, noch archaisch unkastomisiert wie die Dinger in den 60'er Jahren waren. Und dann kommt es zum Publikum, kommt uns fast nahe, fuer Augenblicke nimmt es das Gesicht einen Menschen an, scheint es anzunehmen, ehe die Schimaere sich wieder verfluechtigt, der Strom langsam ausgeht, und unser eigener Geist auf die Reise., oder in den Schlaf. So ein Computer ist doch viel mehr als er scheint.

Das Publikum war betroffen, nicht begeistert hingerissen. Auch die beiden Kuenstler strahlten nicht. So wie es nur sein kann, wenn Kunst versucht wird. Ich empfehle den Besuch, und seis nur der BodyAekschen wegen.


7. Vivarium Studio: Nach der Natur: Feb - Feb 4


Maerchen: Naive Fragen - komplexe Antworten (CH-Version) - Die Geschichte vom gegenseitigen Nutzen

Die 34- bis 42-jaehrigen Komiker - unterkandidelt strikt artifiziell.

4 lange und 1 kurzes Maerchen + 6 Video-Interviews mit Personen von heute = 3 Stunden Theater.


Kritik in Arbeit, Jan 14.

Zuerich ist anders. Wie so oft, und neuerdings auch wieder im Theaterhaus Gessnerallee,  lag der Prozentsatz der Wirtschaftswissenschafter unter den anwesenden Theaterkritikern im zweistelligen Prozentbereich. Wie selten, aber um so typischer, war der Star des Abends der interviewte Bankdirektor. Zwar kamen seine oekonomischen Analysen zu "Hans im Glueck" ziemlich langsam, und von eine gute Pruefungsnote an der Uni haette es kaum gereicht, aber sie kamen. Neben vielen Banalitaeten und ein, zwei arg ueberstrapazierten Ideen, kam hier die Inszenierung zum oekonomischen Punkt- und auch an zwei, drei anderen Stellen naeherte sie sich dem ziemlich an. Dies ist fuer Theater ein bemerkenswertes Cross-Over und macht "naive Fragen - komplexe Antworten (oder auch umgekehrt)" zum sehenswerten Erlebnis. Nicht wegen der originellen Thesen, wohl aber wegen ihrer coolen episch-dramatischen Darstellung.

Zum Erfolg tragen wesentlich der Genius Loci und die offene Sitzatmosphaere an runden Tischen bei. Umgeben von schwarzen Stoffwaenden, in der Pause mit scharfen, hellen Lichtkegeln von der Decke auf den Tischen, sowie einer Bar, die neben Getraenken auch Sandwiches offeriert, kann man es sich nach Belieben gemuetlich einrichten. Zwei Videoleinwaende an gegenueberliegenden Seiten mit vorgelagerten kleinen Buehnen geben  die Spielflaeche des lockeres Experimentalszenarios, auf der die avantgardistisch-zynisch-humuroesen Projektionen ablaufen. Projektionen eines modern oekonomisch denken Menschen auf die alte Maerchengeschichten. Projektionen die fast zu moderat und gelegentlich mit der Theaterschmiere flirten. Projektionen, die manche geradzeu programmatische Laengen haben, die freilich gut ertraeglich oder auch wegnickerlich sind.

Ein zentrales Merkmal der Produktion ist, wenn man was Tieferes denn sehen will, die Symbolisierung der Imagination der Wirklichkeit, beispielsweise, indem Pechmarie, Goldmarie und die kluge Else vom selben Protagonisten dargestellt werden: maennlich und mit Bart. Nur die Vorstellung schafft den Unterschied, und der eigentliche Reiz zeigt sich in der Virtualitaet oekonomischer Wirklichkeit. Das hat nicht nur Witz, sondern ist auch ein wesentlicher Schluessel zu oekonomischem Verstaendnis. Man haette sich gewuenscht, dass hier die (tageswirtschaftlich aktuelle) Referenz auf Hansens Goldbrocken hergestellt wird, aber man kann nicht alles auf einmal haben.

Ein zweites zentrales element ist das Kind im Homo oeconomicus, das - dank seiner Phantasie?! - weiter eindringt in wirtschaftliche Vorstellungswelten als die Erwachsenen. Hier wird das Bild vom Kind im Menschen ins Gegenteil verkehrt und auf den Kopf, oder auch auf die Fuesse, gestellt. Von den interviewten Erwachsenen kann hier nur der Banker, wenn auch bescheiden, dagegen halten. Die anderen glauben die Wirklichkeit der Realitaet und haben keine, eine dispararte oder eine eingelernte Vorstellung von der Welt. Ob Jurist, Anlageberater, Makler, Headhunter oder Psychoologin, sie gehorchen der Realitaet und den Lehren ihrer Zunft - nur Kind und Bankdirektor denken ein klein bisschen weiter, und schaffen damit mindestens potentiell neue Tatsachen.

Keine gelungene Produktion Harriet Maria und Peter Meining (norton.commander.productions), aber eine die den 3 Stunden langen Besuch trotzdem wert ist. Die beiden Live-Darsteller Veit Sprenger und Mike Mueller sind fast schon lustig und Ralf Jakubskis absurd-kahlen Videobilder haben auch gelegentlich das gewisse Etwas. ...

Obs wirklich eine CH-Fassung war? Die Referenzkritiken in der Pressemappe legen es nahe, weil sie teils anderes beschreiben. So oder so, die Produktion passt zu Zuerich wie die Anzuege zu den Gnomen, sowohl in Bezug auf den fast-oekonomischen Inhalt als auch in Bezug auf fast-witzige Coolness, mit der die beiden Komiker ihr Programm abspielen: Sie sind das heisste Paar der Saison!


Quixote - oder der Versuch erfolgreich zu scheitern - halb gescheitert, halb nicht!

Kritik erste Version & NZZ-Special

Ein gelungener Versuch. Trotzdem ein netter Theaterabend. Auch wenn Neo-Dada nicht zum Fliegen kommt, ist die Uebertragung von Don Quijote ins Abstrakte der Gegenwart in Ansaetzen gelungen: In einer wuesten Landschaft aus Pappe und Holzpaletten zieht ein Quintett in die selbst erfundene Schlacht, bis das uns allen ein Weihnachtstor aufgeht, ein riesengrosses.

Die Inszenierung von Michel Schroeder und kraut_production nimmt die Perspektive von erwachsenen Kindern ein, die beschliessen etwas zu werden, das heisst etwas wichtiges zu machen: Jeder auf seine Weise, mit seiner Pose fuer die Welt und weitgehend unabhaengig von den anderen - und von den Realitaeten der Welt sowieso - spielen sie ihr persoenliches Ritter- oder Edelfraeuleinspiel.

Ihrt Buehnenspielplatz unterstuetzt mehrere Wahrnehmungen, er ist spanische Hochebene mit surrealem, ausgestopften Kaeuzchen, er ist  Schrottplatz mit alten ?Heizungsgeblaesen, er ist Dachboden mit verstreuter Plattensammlung, oder wo auch immer, wir uns hintraeumen - und dementsprechend mehrdeutig sind die Einzelszenen auf der Buehne, weil es beispielsweise sowohl ein Objekt auf dem Schrottplatz oder ein groesserer Stein sein kann, auf dem eines der Edelfraeuleins balanciert. Dass in seiner ganzen Nichtigkeit das Quixotieren trotz allem vieldeutig ist, gehoert zu den besonderen Merkwuerdigkeiten des Abends, die sich nicht immer einer Interpretation erschliessen.

Der versprochene poetische Frontalangriff auf unser Wertesystem findet dabei aber nicht statt, eher schon eine psychotherapeutische Applikation zum Loesen von Verkrampfungen. Die Assoziationen zu Cervantes Don Quijote Geschichte sind im Spiel so vagelose wie im Buehnenbild, hier zwei Ritter von der traurigen Gestalt, dort eine Dulicinea. Am Ende steht jeder fuer sich alleine und ohne tieferen Sinnzusammenhang in der Welt - und doch schaut es von allen Seiten herbei, das Quintett in den verschiedenen Auspraegungen der Verkuenstlichung, wenn die Tuer hoch und das Tor weit sich oeffnen. auf die normale Wirklichkeit - um sich am Ende dann aber jeder wieder abzuwenden von der Oeffnung nach draussen, auf die jeweils eignene Art oder Fortbewegungsmoeglichkeit. Geloest und offen tritt sodann der bestimmungsgemaesse Zuschauer zu Premierenparty an, oder auch nicht.

Ergaenzt wir das holzverarbeitete, von Duri Bischof gestaltete, Weltszenario des Buehnenbilds fuer den Orden der herumirrenden Ritter durch Videobilder,  die die Welt zeigen, in der der Traeumer seine eigene erfindet, gemuetliche Herdfeuer, beispielsweise, und ziehende Wolkenlandschaften, oder auch romantische Symbolik und barocker Stein, Auf einem Minimonitor vorne an der Buehnenrampe und an den Waenden des Buehnenraums sehen wir Naturphaenomen und kuenstlerischen Wandgestaltungen als Schattenspiele, und hoeren dazu aus kraechzenden Lautsprechern pathosvolle Phantasien und Liedern .

In diesem Papp-Tech-Setting stolzieren, paradieren, gelegentlich auch poussieren, fuenf traurige Gestalten mit viel Fehl und ohne jeden Adel. Ein einer ohne Beinkleider zeigt beim radschlagen sein Geschlecht, zum Beispiel, und eine eine in brauner Strumpfhose ihr doppelgeformtes Hinterteil - er ganz Zuercher Coolie, sie ganz nette neurotische Jungefrau, die einem nach der Party vermutlich ausrichten liesse, dass man ihr schreiben duerfe - laut NZZ Olivia Newton John, aber wer ist das? Auch die anderen auf ihre Weise  ... Am eindruecklichsten von allen der Pappfeldherr mit erhobenen Schwert.

Genau so wie einst der von Quijote ist ihr Angriff auf die Norm ein Scheinangriff, und das Gegenteil von dem, was das Programm behauptet, naemlich durchaus mehrheitsfaehig, weil mit ruhiger Hand inszeniert. Er bestaetigt viel mehr als zu hinterfragen, und bleibt ein Spiel ... das woertlich Nehmen unsrer Freiheit, das skurille Weltverstaendnis, gar die Selbstaufloesung. Leider ein Spiel, das nicht nur uns, sondern auch den Darstellern nie an die Substanz geht, denn anders als in der Romanvorlage verausgabt sich keiner.

Aber was sollte die Anarchie auch anderes sein, hier in der Stadt der Gnome, als ein peripherer Zeitvertreib. Immerhin mit gar nicht so uninteressanten Schauspielern: Ariane Andereggen, Sandra Utzinger, Nils Torpus, Markus Wolff und Herwig Ursin., wenn auch Scheoeders Schauspielerfuehrung nicht immer alles herausholt, was in seinen Darsteller steckt (wie das leider mit den Talenten in und um die freie Zuercher Theaterszene ueblich ist, die nach schnellem Ruhm nicht selten von Jahr zu Jahr uninteressanter und wehleidiger werden). Zu hoffen ist darum, dass die Darsteller ihr Spiel nach der Premiere noch weiterentwickeln.

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Die Neue Zuercher Zeitung fuehrt uns in ihrer Kritik - neben einer neuen Schroeder-Theorie: " Dieser (Schroeder) hat, und das ist sein Kapital, ... bestbewaehrte Protagonisten zur Seite:" gemeint war aber nicht Frank A. Meyer - exemplarisch das Zuschauerdilemma vor Augen. Wir wollen Theaterhelden, also erfinden wir uns welche. Nicht ohne Grund lautet die Laientheaterkritikerregel: Was eine Schauspielerin taugt, siehst du an der Bar. Wenn sie dich dort nicht enttaeuscht, dann taugt sie nix. Vermutlich gilt das gleiche sogar fuer Kritiker: Je hinreissender an der Bar ihr Charme, desto groessere Armleuchter sind sie. Ausnahmen bestaetigen die Regel, oder auch nicht, aber es liegt in der kuenstlichen Natur von Theater und Kritik, dass sie nur in der Vorstellung zusammenkommen koennen. (Nestroy, adaptierter).

Der Quixote von Frau Muscionico von der Neuen Zuercher Zeitung ist so bemerkenswert, dass wir ihn ihnen nicht vorenthalten wollen: Nach einen krampfigen Lead, dem man anliest, dass hier ein Theatererignis herbeigedreht werden soll, muesse erfunden werden, was wolle, beginnt Daniele Muscionco mit einem wunderbar poetischen ersten Absatz, der nicht nur gut geschrieben ist, sondern auch stimmt. Danach aber folgen Absaetze, die zwar - wie wir es von M.D. gewohnt sind - ebenfalls gut geschrieben sind, aber an denen nur noch wenig stimmt, weil es hier nur mehr darum geht ein Theaterhelden nach dem Verstaendnis - und vermutlich auch nach dem Geschmack - der Autorin zu schaffen.

Das Bild, das so entsteht, ist kurios: "Heldendaemmerung ... stilsicher ... suggestive Atmosphaere ... Ekstase und Lähmung ... Krankheiten dieser Jugend ...  überwältigt oder gelähmt von ihren Gefühlen, von einer unbestimmten Sehnsucht nach dem wirklichen Leben ... Klischees von Cowboy-Abenteuern und «Grease»-Liebe" Danach folgen Bilder der Unmoeglichkeit, dass Frau und Mann sich lieben koennen.

Kurios wohlgemerkt, nicht falsch. Denn auch NZZ-Kritikerinnen duerfen traeumen, weil, wie Konfuzius sagt: "Einzigartig ist nur das Hinzugegebene" ... oder war es "und sie leuchten nix aus und lieben doch?"

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Grober Unfug, also, ein ideales Weihnachtsspiel.

Bare Back Lying - "Wir luegen Sie an, weil sie uns wichtig sind"

Kritik erste Version 21.11., minimale Korrekturen 5.12.

Tanz hui, Dramaturgie Minderheitenprogramm. Die Minderheit machte allerdings 90% der Premierenbesucher aus: Kunstschaffende und Zuercher naemlich, zwei Gruppen, die beide den Beziehungsproblemkult leben und lieben. Dementsprechend uneingeschraenkt war die Begeisterung bei der Premiere!

Die Dramaturgie erzaehlt abstrakt von den Phasen einer Beziehung, die irgendwie zwischen Darstellern und Publikum ablaeuft, aber nicht allzusehr, weil haesslich zum Publikum sein moechte man nicht, man lebt ja von der Szene. Oder aber - who knows! - die Langeweile, die des oeftern auftritt, ist naturalistisch gemeint als Abbild von one-on-one Beziehungen. Wie auch immer, die Wahrnehmung der Sprechtheaterteile duerfte sehr vom soziokulturellen Hintergrund abhaengen.

Zum Ende, beispielsweise, wird uns eine langer Sermon a la "Ich geh jetzt und es ist fuer immer vorbei" vorgesetzt, von der obercoolen Simone Aughterlony. Man kann sich gut vorstellen, dass derartiges bei den weiblichen Mitgliedern des Zuercher Mittelbuegertums (die in gewissen Maennerkreisen ja als etwas schwierig gelten) geradezu groovige Assoziationen hervorruft. In meinem sozio-kulturellen Hintegrund, sind solche langen Reden eher unueblich und werden als nervig empfunden.

Auffallend ist - aehnlich wie bei Aughterlonys Theaterspektakelproduktion - der Versuch Gestaltungsinstrumente zu verwenden, die Meg Stuart (bei der Aughterlony getanzt hat) mit hoher Kunstfertigkeit zu nutzen versteht. Konkret beispielsweise die "du bist wie ..." Softbeschimpfungsetc-Szene, bei der man sich Stuart oder Handke gerne aus der Wand drehen wuerde, weil der Szene es wirklich hart an Witz und Idee mangelt.

Womit schon fast alles gesagt waere - noch allenfalls zu erwaehnen die verzichtbaren Filmchen, an denen die niedrige Ueberbreitwand, auf der sie gezeigt werden, das beste ist, oder den Round-Table-Parodieversuch "Wir moechten mal, dass sie uns Fragen stellen!" zu dem es vom passiven Szenepublikum nicht einen einzigen Gespraechsbeitrag gab, oder das abschliessenden Maennerduett, bei dem man geistig so richtig schoen mitschunkeln konnte und es auch tat ... - wenn, ja wenn nicht auch getanzt wuerde. Denn immer wenn getanzt wird, beginnt das Buehnengeschehen zu faszinieren.

Denn im Tanz gehts wirklich an den Mann und an die Frau. Zu Beginn ein rotziger pas de deux zwischen Thomas Wodianka und Bibiane Beglau, in dem wir Beglau so jugendlich und unkitschig erleben wie schon lange nicht mehr. Beide Schauspieler-Taenzer vermoegen genial schauspielerische Mimik und Chuzpe mit der direkten Koerperlichkeit des Tanzes zu verbinden. So dass fuer einige Minuten die Hoffnung gedeiht, einem grossen Abend beiwohnen zu koennen.  

Spaeter dann, im Mittelteil des abstrakten Beziehungsepos, wenn auch Simone Aughterlony und Nic Lloyd mit von der Partie sind, legt und stellt man sich, roh und temperiert zugleich, hart an das Gegenueber hinzu oder heran. In dieser Form sind die Choreografin Aughterlony und ihre brilliant dillettierenden Taenzer sehr zu Hause. Deshalb funktioniert die Kommunikation zur Zuschauertribuehne auch dann, wenn einem der Subtext zum Dargestellten fremd bleibt. Natuerlich umso mehr mit emotionalen Erfahrungsassoziationen. Einige lachten sich sogar so heraus, Frau K. z.B. Diva in spe, dass es fast besorgniserregend war, und man sich fragte, ob man etwas verpasste, oder sie.

Leider wurde im Finale die abstrakte Beziehung auf sprachlicher statt auf physischer Ebene zu Ende gedacht, so dass ein an sich interessanter Abend mit einem langen Gaehnen endete.

"Wir luegen Sie an, weil Sie uns wichtig sind" ist ein zentrales Motto von Aughterlony & Co. Sie haben dabei vergessen, dass auch das Luegen auf dem Theater gelogen werden muss. So selbsverstaendlich der Witz dem Tanz in dieser Produktion eignet, so bieder kommt er im Gesprochenen daher, wo selbst Beglau nicht mehr bietet als routinierte Maetzchen und faden Abklatsch ihres eignen, legendaeren Beglau-Schmehs. Alles in allem ist Bare Back Lying ein Abend mit Hochs und Tiefs, der so manches boshafte Klischee ueber Schauspieler und Taenzer bestaetigt ... aber eben doch auch seine grossen Momente hat.

PS: Was lernen wir daraus? Ohne Kondom du nix luegen, wenn du sein Tanzmacher, oderrr ...

Alle "Zitate" sind Pseudozitate, d.h. insbesondere sind sie keine woertlichen Wiedergaben des Auffuehrungstexts.


copyright by Reinhard Riedl