June 26, 2006
Kritik in Arbeit;
Hoch hinauf gehts zuerst, damit man die schmale Treppe hinuntersteigen
kann und halbeng zusammengedraengt auf den Beginn warten muss - denn die
Feuerpolizei verbiete das Verweilen auf der Treppe ...
Der direkte ebene Weg waere viel kuerzer, wuerde aber keine Stauung der
Erwartungsfrohen nicht ermoeglichen. Und so auch nicht den einzigen Auftritt
der Co-Choreographin Niki Good. Sie stellt sich bei der Premiere, schmall,
relativ gross, halb verlegen laechelnd vor die Tuer zum Buehnenraum, um
diese, als es endlich losgeht, wie eine Mutter die Tuer zum Christbaum
und den Geschenken, voll Vorfreude auf unsere Bescherung zu oeffnen.
Es geht SEX. SEX, nicht Erotik, nicht Nackheit, nicht Verfuehrung, nicht
Penetrierung, nur puren guten SEX. Der wird von den Co-Choreografinnen
Niki Good und Salome Schneebeli, der einzigen alltagseleganten Erscheinung
unter den Zuercher Tanzbewegten diesseits des Opernhauses, als gemeinsames
Kugeln und einsames Zucken, mal geil, mal verkrampft, dargestellt. Man
will, ganz klassisches Theater, das Publikum animieren, in die Haut der
Performer zu schluepfen, ohne davon, dieser Nebensatz irritiert, davon
betroffen zu sein. Eine Variation des beide-oben-Liegens also, richtiger
Sex ohne Schleim. Das soll uns Publikum - lobenswerter Weise - wohl die
Angst neben, aber es wird leider allzugaenzlich Realitaet.
Hinter der Tuer der Niki Good draengt es, wurlt es, aber nur im Ansatz.
Es drehen sich, eng aneinander reibend, vier Taenzer auf dem Boden in
den gedraengten warteraum heraus. Ein Schelm wer was Assoziatives dabei
denkt. Wir steigen drueber, routiniert im Umgang mit dererlei theatralen
Hindernisschen, und dringen vor in den halbdunklen Auffuehrungsraum. Der
Platz, den sich jeder dabei sucht, wird seine perspektive bestimmt. Knapp
nebeneinander ist doch verschieden. Und harren ohrenstoepselbewehrt des
Sexes der das kommen wird.
In Zuerich werden komplizierte Frauen von Maennern als Schlampen bezeichnet,
weil zu viel Kompliziertheit als unsuber empfunden wird. Und in zuerich
faehrt man nicht Taxi, sondern VBZ. Sagt man jedem Besuch aus dem Ausland.
Und doch zaehlen die Taxifahrten (zumindest des nachts) nicht selten zu
den wahren Erlebnissen dieser Stadt. Nicht kommt er, sondern kommt er an,
das ist dann die Frage.
My Favourite Game kommt nicht an, trotz vielem. Trotz filmischer Pornokusszenen,
trotz eindruecklich subversiv nuttiger Sexologin - ihr Auftritt auf der
Treppe zum Vortheaterraum bringt augenblicklich die wartend plaudernden
zum Schweigen, obwohl sie aeusserlich nicht von einer Zuschauerin zu unterscheiden
ist - trotz athletischen Maenner mit schwarz lackierten Naegeln und in
hohen Damenschuhen, trotz der knappen Naehe zwischen Darstellern und der
ersten Zuschauerreihe, trotz manchem esoterischen Farbenschnickschnack,
trotz gewisser Erregung kommt die Lust nicht, ja erscheint geradezu gestoert.
Im laut rummernden, stroposkopbeleuchteten Finale, sitzt man als Schneegesellschaft
ruhig nebeneinander auf der Bank. Sex als stilles Erleben umbrandet vom
Laerm.
Good und Schneebeli haben vielleicht zu kompliziert gedacht, und deshalb
das Einfache Wesentliche vernachlaessigt, das souveraene Spiel mit der
Distanz. Frau ist sich seiner Sache nicht sicher, kann sie - teils - auch
nicht wirklich aushalten, zumindest bei der Premiere, sondern reagiert
mit Strinrunzeln. Die Theorie wird weder souveraen, noch peinlich, sondern
halb-langweilig gebracht. Das bewusste Spiel mit dem Ueber-Ichs der Zuschauer
findet nicht statt, scheint gar nicht antizipiert. Vor allem aber ist unklar,
wie Mann sich in eine Frau hineindenken soll, oder Frau in einen Mann, der
nur wenige Dezimeter entfernt vorbeizuckt, wirbelt und zittert. Aber genau
will das im Programm vorgestellte Konzept.
Im Religionsunterricht haben wir gelernt, dass es im Altgriechischen drei
Woerter gibt fuer Liebe: Sexos, Eros und Agape. Waehrend Eros und Agape
neben der Politik die klassischen Themen des Sprechtheaters sind, wird
Sex nur exzeptionell thematisiert, und dann meist als Mittel zur Manipulation
(Lysistrate, Macbeth, etc.). Es gibt 1001 No-Sex-Geschichten fuer die Buehne,
doch kaum Sexgeschichten. (War Bambification eine?) Darum erscheint es durchaus
sinnvoll, sich diesem Thema kuenstlerisch zu widmen und es mit den sinnlich
abstrakten Mitteln des Tanzes zu tun. Doch Good und Schneebeli haben, neben
einer nicht sehr gluecklichen Gestaltungdes Buehnenraums und ein paar fehlenden
Coolness-Graden, einen Zugang abseits der Hinwichserei gewaehlt, und sie
lassen Leute vom Fach als Darsteller auftreten.
Man kann es auch weniger grausam sagen: die Taenzer sind nicht jung und
die Choreografinnen sind nicht alt. So kann mit oder ohne schleimige Sosse
der thematisch hochriskante Vorstoss kaum gelingen. Interessant
anzuschauen, wie es scheitert, ist es trotzdem.
Nach Film & Drehbuch von Lukas Moodysson, uebersetzt von Hansjörg
Betschart; eine Koproduktion von Theater Basel und junges theater Basel,
gezeigt im Rahmen des Blickfelder Kindertheaterfestivals
- Notiz in Arbeit;
Auf der Buehne eine rechteckige Spielfdlaeche, voll mit Plueschtieren,
umrandet von einer niedrigen Mauer zum Sitzen oder dahinter verschwinden.
Agnes ist ein Einzelkind, ihre Mutter Sportlehrerin und ein bisschen unsensibel,
und ihr Vater Schlipstraeger, der auch nicht so recht weiss. Agnes wird
16, ihre Mutter will eine Geburtstagsparty veranstalten, doch Agnes weiss
es besser. Keiner wird morgen. Sie hat keine Freunde, nie Freunde gefunden
in den anderthalb Jahren, seit sie hier sind in diesem fucking Amal.
Elin ist auch 16 und beliebt bei beiden Geschlechter, hat aber noch nie,
denn Jungs oeden sie an. Eigentlich oeden sie alle an, alle die so gleich
sind. In Schweden, wo der Originalfilm spielt, sicher noch weit schlimmer
als in einer heterogenen Stadt wie Zuerich.
Das ist der Ausgangspunkt eines Date-Dramas ueber Homosexualitaet. Wir
sehen eine Erste-Lesbische-Liebe-Geschichte, die mit viel Power von den
exzellenten, sehr jungen Darstellern gespielt wird, und in der trotzdem
(an dem Abend, an dem wir im Theater waren) die leislichen lyrischen Toene
dominieren.
Stefan Nueblings Inszenierung gelingt durch ihre Offenheit, die den jungen
Darstellern auch beim xz-ten Mal ermoeglicht, den Abend wieder neu zu gestalten,
zusammen mit dem Publikum, und durch ihre Balance unterschiedlicher Elemente.
Gleichwohl sie sehr realistisch wirkt, ist sie im artifiziellen Kontext
des Plueschtierbodens nie in Gefahr, die Wirklichkeit, oder schlimmer noch,
die Fernsehklischees der Wirklichkeit nachzuspielen. Die Plueschtiere sind
fuer alle da - einige im Publikum meinen, auch fuer sie - und multifunktional.
Man kann sich darunter verstecken, man kann sich damit fetzen, man kann
damit Puppen spielen und sich kraulen, und man hat, was ja auch oft wichtig
ist auf Stehanlaessen, damit etwas in der Hand. Und trotzdem haben sie keine
tiefere Bedeutung, die mit der Spielhandlung interferieren koennte, ausser
jener, dass irgendwie sowohl etwas mit Kind Sein als auch etwas mit Beziehung
Haben etwas zu tun haben. (Oder auch mit keine Beziehung haben werden.)
Und natuerlich sind sie ein Schluesselreiz fuers Publikum, das sich beim
Anblick der Tiere fuer ein bisschen Romantik oeffnet.
Die Darsteller sind grossartig, Urs Jucker als Vater beispielsweise eine
absolut koestliche Fehlbesetzung, und ziemlich sehr authentisch. Man denkt
sich unwillkuerlich, die sind so, die sind echt. Und das ist fuer ein Jugendtheater,
das ein im wirklichen Leben nicht ganz einfaches Thema wie die lesbische
Liebe behandelt, wichtig. Nur so kann die fundamentale Botschaft wirklich
rueberkommen, dass Liebe gluecklich macht, auch eine ausserhalb der biologischen
und moralischen Norm. Wobei freilich anzunehmen ist, dass das "schwere
Thema" als solches fuer viele jugendliche Zuschauer gar nicht im Vordergrund
steht, und sie einfach eine schoene schwierige Zueinander-Kommen-Geschichte
sehen.
Die auf Normalitaet bedachten Erziehungsberechtigten brauchen sich im uebrigen
keine Sorgen zu machen, dass hier die Jugend verfuehrt wird. Einige Meitlis
im Publikum waren schwer enttaeuscht, dass es so wenig von den Jungs zu sehen
gibt. Zumindest diese sind fuer die Maennerwelt nicht verloren. Und das Glueck,
dass Agnes ausstrahlt, wenn sie mir ihrer neuen Freundin durch den Pluesch
humpelt ist schlicht ununterscheidbar von herosexuellem.
PS: Grosser Publikumsandrang, reservieren sie rechtzeitig und holen sie
ihre Karten rechtzeitig ab!
Verschiedenste Elemente aus Musik, ritualisiertem Szenenspiel und Installationstheater
werden zu einem duenn besetzten Patchwork verwoben, das durch Coolness
und allzumenschliche Absurditaet zu ueberzeugen versucht. Die Grundsituuation
wird durch den spaerlich eingerichteten Raum mit Teppich, Pokertisch
und einer den Hintergrund bildende Stellwand gegeben. Links sitzt der
Musiker mit einem alten Radioempfaenger. In die Stellwand sind im quadratischen
Gitter Gluehbbirnen im Dezimeterabstand geschraubt, ueber die gelegentlich
statische oder bewegte Leuchtbilder laufen. Die Texte zitieren Physiker
verschiedener Epochen und drehen sich um das Thema Zufall und Determinismus.
Komplimentiert werden sie durch Studien selbsverstaerkender Wutausbrueche
und selbstvergessener Pokerdramen und bebildert werden sie durch vorgetaeuschte
und symbolisierte Experimente.
Dem Programmblaettchen entnehmen wir eine offensichtliche Ausgangsthese fuer Lukas Bangerters Textgestaltung: Nicht-zufaellig sei nur das, was unabhaengig von der uebrigen Welt existiert. Das laesst ahnen, was in Random so alles herauskoemmt: naemlich wenig Erhellendes. Vielen Physikern mag dieses Philosophieren noch gefallen, dem gemeinen Mathematiker ist es zu wirr und kernlos. Das Grundproblem ist das Thema selber. Die Menscheit hat sehr viel Zeit und Muehen investiert in das Erarbeiten von Modellen, die es uns ermoeglichen. die Phaenomene der Regelmaessigkeit bei nichtdeterminierten Ablaeufen zu verstehen, und dabei viele Zusammenhaenge hergestellt und viele Prognoseinstrumente entwickelt - und Plasma hat das nicht.
Sieht man vom Inhalt ab, sehr routinierte, skurille Schrullen. Das Publikum
fands zum Teil ziemlich lustig, Einzelne sind in der einen oder anderen
Szene vor Lachen fast erstickt.
Kritik in Arbeit ...
Nach der Vorlage des Sommernachtstraums. Assoziationen sind zeichnungsfrei. Tanga-Meitli gibts nur im Fernsehn.
Far A Day Cage zeigen eine Paraodie auf Castingshows im Fernsehen, die
einer Parabel auf die Werteumkehr in Politik und Gesellschaft nahe kommt.
Wie schon andere Regisseure vor ihm, hat Thomas Schweigen das Original
ins Gegenteil verkehrt. Man erinnere sich nur an Stefan Puchers Sommernachtstraum
im Schiffbau mit Josef Ostendorf als Puck, der das Mikro in der Kuehltasche
mitbringt. Schweigen tauscht aber nicht heiss und cool, oder dick und
drahtig, sondern Haupt und Nebenhandlung, Spiel und Spiel im Spiel im Spiel,
und mischt die Groessenordnungen im Ensemble - ganz lang und eher klein,
ziemlich duerr und ziemlich fest - exemplarisch beliebig.
Waehrend in Shaekespeares Original die Eifersuchtskomoedie des Elfenkoenigspaars
und der Ausgang von zwei jungen Paaren in den Zauberwald im Vordergrund
steht, und das Theater der Laientheatergruppe nur ein Spiel im Spiel darstellt,
spielt hier Shakespeares Haupthandlung die Rolle des Spiels im Spiel. Die
Handwerker-Laientheatergruppe strebt nach Glamour, und weil sie selber
keinen hat, will sie sich damit umgeben, wie es im Ratgeberbuch steht. Der
Zettel-Zettel hat dafuer Shakesspeares Sommernachtstraum ausgesucht, weil
es das meistgespielte Stueck der Weltgeschichte sei - und nicht Andorra,
wie einer aus seiner Truppe vermutet. Allerdings will man auf das Spiel im
Spiel verzichten, weil nur mit Einfachheit wird man beruehmt.
Und genau hier koennte die Crux einer Parabel auf zeitgenoessisches Management (und heutige Politik) liegen. ..... Einschub: Man stellt sich hier den jungmanager vor, der anderthalb Kapitel eines Buches ueber Lean Management gelesen hat - mehr waere meist nur Wiederholung des ewig gleich Unverstandenen - und nun daran geht, bei peter drucker Zitate fuer seinen Vortrag zu suchen, weil er gehoert hat, dass dieser Drucker wichtig sei. Dass sein weises Buch nur Druckers Ideen aufkocht kann er nicht wissen, weil es vermutlich nicht einmal der Autor weiss, den man es auch nie gesagt hat im Kurs, in dem ers gelernt hat. ...... Sie wissen nicht, was sie tun, wie grotesk komisch ihr Tun ist - dass es eigentlich das Gegenteil dessen ist, was sie beabsichtigen und behaupten - aber sie sind anmassend genug, um eventuell damit Erfolg zu haben. Das hat schon Shakespeare beschrieben. Und ebenso peinlich bringt es Far A Day Cage auf den Punkt.
Zumindest in der quaelenden ersten Szene, in der wir allzu realistisch
miterleben, wie ueber Musik diskutiert wird, und uebers Theater machen,
als haette man Dreizehnjaehrige vor sich, von denen sich keiner so recht
auskennt. Leider schaffen die (fast) echten Amateure - zwei Maennlein und
zwei Weiblein, die aus dem Casting vor einem Monat als Sieger hervorgegangen
sind - diese authentische Peinlichkeit nicht. Schweigen ist offensichtlich
nicht bereit ist, sie sich laecherlich machen zu lassen, und laesst es
bei ein bisschen schick sein und high-heels Schenkel zeigen bewenden. Zwar
spielt man vieles durch, was es an Abstrusitaeten in Fernsehcastingshows
so gibt, aber in einer Kindlichkeit, die mehr von kleinen Wuenschen und
Eifersuechteleien handelt, als von der professionellen Ausnutzung im Fernsehen
oder der professionellen Transformation in den Fuehrungsetagen.
Fast scheint es, dass die Inszenierung noch einen zweiten Anlauf nehmen will, wenn die Rollen neu verteilt nach dem Zufallsprinzip und man endlich zum Spiel im Spiel zu kommen scheint, doch dann ist es auch schon vorbei.
Wie oft bei derartigen Veranstaltungen, ist dann das Verbeugen noch ein
bisschen aufschlussreicher als beabsichtigt. Trotzdem hat die Inszenierung
(noch?) nicht zu einer gueltig aussagekraeftigen Form gefunden. Schaerfere
Licht und Schatten, zynischerer Umgang mit dem Gegenstand der Parodie
(und vielleicht auch mit dem der Parabel?) wuenschte man sich ...
Festivalpass:
1. Velma: Velma Superstar: Jan 20-21
2. RotoZaza: The distance love can be maintained between any two
fixed points: Jan 22-23
3. Katharina Vogel: Corps liquide: Jan 25-26
Kurznotiz, erste Version
Showcase Beat Le Mot machen ein bisschen dies, ein bisschen das,
und lassen Essen ausgeben ans Publikum. Das Chinabild, das sie zeichnen
ist ein Kaleidoskop der Oberflaechlichkeiten mit ein paar symbolischen
Seitenhieben auf uns, die naiven Vorurteilstraeger, die Marktwirtschaft
mit Demokratie verwechseln oder sonst so was.
Das ist kultverdaechrig, weil kurzweilig: Poptheater aus der Dadaverwandschaft,
das unterhalten will und es auch tut. Und es hat auch eine Moral, wenn
auch eine simple: Die Unterstellung von Tradition ist eine Unterstellung,
die zwar angesichts chinesischjer Vergangenheit und Gegenwart berechtigt
ist, aber eben auch sehr zweifelhaft. Damit laesst es das deutsche Maennerquartett
mit Giessener Wurzeln dann auch bewenden.
In gewisser Weise sind diese Theaterversuche die musischen Brueder jener
traditionellen Wissenschaften, wie sie Paul Feyerabend beschrieben hat.
Nur dass man sichs noch ein bisschen leichter macht, als der philosophische
Schlawiner Feyerabend (und nicht eine ganz so gute Show bietet). Waehrend
die einen den Inhalt der Methode opfern, opfern Performer wie Showcase
Beat Le Mot den Inhalt der Methodenlosigkeit. Man mag hierin eine
Antithese sehen, aber auf seine Weise ist alarm Hamburg Shanghai
sehr objektiv, frei von Persoenlichem ausserhalb des Zufaelligen. Es gibt
nicht einnmal Anlass fuer die Annahme, hier gehe es um Emergenz, in einem
mit der traditionellen neuen KI vergleichbaren Sinn. Es geht primaer um
den Event hier und jetzt, darum, dem Publikum einen lustigen Abend zu
bieten.
Die ausgegebenen Essensportionen waren ein bisschen klein.
Am schoensten sind die 4 Minuten mit den tanzenden Drachen.
Kritik erste Version & NZZ-Special
Ein gelungener Versuch. Trotzdem ein netter Theaterabend. Auch wenn Neo-Dada
nicht zum Fliegen kommt, ist die Uebertragung von Don Quijote ins Abstrakte
der Gegenwart in Ansaetzen gelungen: In einer wuesten Landschaft aus
Pappe und Holzpaletten zieht ein Quintett in die selbst erfundene Schlacht,
bis das uns allen ein Weihnachtstor aufgeht, ein riesengrosses.
Die Inszenierung von Michel Schroeder und kraut_production nimmt die Perspektive
von erwachsenen Kindern ein, die beschliessen etwas zu werden, das
heisst etwas wichtiges zu machen: Jeder auf seine Weise, mit seiner
Pose fuer die Welt und weitgehend unabhaengig von den anderen - und
von den Realitaeten der Welt sowieso - spielen sie ihr persoenliches
Ritter- oder Edelfraeuleinspiel.
Ihrt Buehnenspielplatz unterstuetzt mehrere Wahrnehmungen, er ist spanische
Hochebene mit surrealem, ausgestopften Kaeuzchen, er ist Schrottplatz
mit alten ?Heizungsgeblaesen, er ist Dachboden mit verstreuter Plattensammlung,
oder wo auch immer, wir uns hintraeumen - und dementsprechend mehrdeutig
sind die Einzelszenen auf der Buehne, weil es beispielsweise sowohl
ein Objekt auf dem Schrottplatz oder ein groesserer Stein sein kann,
auf dem eines der Edelfraeuleins balanciert. Dass in seiner ganzen Nichtigkeit
das Quixotieren trotz allem vieldeutig ist, gehoert zu den besonderen
Merkwuerdigkeiten des Abends, die sich nicht immer einer Interpretation
erschliessen.
Der versprochene poetische Frontalangriff auf unser Wertesystem findet
dabei aber nicht statt, eher schon eine psychotherapeutische Applikation
zum Loesen von Verkrampfungen. Die Assoziationen zu Cervantes Don Quijote
Geschichte sind im Spiel so vagelose wie im Buehnenbild, hier zwei Ritter
von der traurigen Gestalt, dort eine Dulicinea. Am Ende steht jeder
fuer sich alleine und ohne tieferen Sinnzusammenhang in der Welt - und
doch schaut es von allen Seiten herbei, das Quintett in den verschiedenen
Auspraegungen der Verkuenstlichung, wenn die Tuer hoch und das Tor weit
sich oeffnen. auf die normale Wirklichkeit - um sich am Ende dann aber
jeder wieder abzuwenden von der Oeffnung nach draussen, auf die jeweils
eignene Art oder Fortbewegungsmoeglichkeit. Geloest und offen tritt
sodann der bestimmungsgemaesse Zuschauer zu Premierenparty an, oder
auch nicht.
Ergaenzt wir das holzverarbeitete, von Duri Bischof gestaltete, Weltszenario
des Buehnenbilds fuer den Orden der herumirrenden Ritter durch Videobilder,
die die Welt zeigen, in der der Traeumer seine eigene erfindet,
gemuetliche Herdfeuer, beispielsweise, und ziehende Wolkenlandschaften,
oder auch romantische Symbolik und barocker Stein, Auf einem Minimonitor
vorne an der Buehnenrampe und an den Waenden des Buehnenraums sehen
wir Naturphaenomen und kuenstlerischen Wandgestaltungen als Schattenspiele,
und hoeren dazu aus kraechzenden Lautsprechern pathosvolle Phantasien
und Liedern .
In diesem Papp-Tech-Setting stolzieren, paradieren, gelegentlich auch
poussieren, fuenf traurige Gestalten mit viel Fehl und ohne jeden Adel. Ein
einer ohne Beinkleider zeigt beim radschlagen sein Geschlecht, zum Beispiel,
und eine eine in brauner Strumpfhose ihr doppelgeformtes Hinterteil - er
ganz Zuercher Coolie, sie ganz nette neurotische Jungefrau, die einem nach
der Party vermutlich ausrichten liesse, dass man ihr schreiben duerfe - laut
NZZ Olivia Newton John, aber wer ist das? Auch die anderen auf ihre Weise
... Am eindruecklichsten von allen der Pappfeldherr mit erhobenen Schwert.
Genau so wie einst der von Quijote ist ihr Angriff auf die Norm ein Scheinangriff,
und das Gegenteil von dem, was das Programm behauptet, naemlich durchaus
mehrheitsfaehig, weil mit ruhiger Hand inszeniert. Er bestaetigt viel
mehr als zu hinterfragen, und bleibt ein Spiel ... das woertlich Nehmen
unsrer Freiheit, das skurille Weltverstaendnis, gar die Selbstaufloesung.
Leider ein Spiel, das nicht nur uns, sondern auch den Darstellern nie
an die Substanz geht, denn anders als in der Romanvorlage verausgabt sich
keiner.
Aber was sollte die Anarchie auch anderes sein, hier in der Stadt der
Gnome, als ein peripherer Zeitvertreib. Immerhin mit gar nicht so uninteressanten
Schauspielern: Ariane Andereggen, Sandra Utzinger, Nils Torpus, Markus
Wolff und Herwig Ursin., wenn auch Scheoeders Schauspielerfuehrung nicht
immer alles herausholt, was in seinen Darsteller steckt (wie das leider
mit den Talenten in und um die freie Zuercher Theaterszene ueblich ist,
die nach schnellem Ruhm nicht selten von Jahr zu Jahr uninteressanter und
wehleidiger werden). Zu hoffen ist darum, dass die Darsteller ihr Spiel
nach der Premiere noch weiterentwickeln.
..... ............ ... ..... .. .........
Die Neue Zuercher Zeitung fuehrt uns in ihrer Kritik - neben einer neuen
Schroeder-Theorie: " Dieser (Schroeder) hat, und das ist sein Kapital,
... bestbewaehrte Protagonisten zur Seite:" gemeint war aber nicht Frank
A. Meyer - exemplarisch das Zuschauerdilemma vor Augen. Wir wollen Theaterhelden,
also erfinden wir uns welche. Nicht ohne Grund lautet die Laientheaterkritikerregel:
Was eine Schauspielerin taugt, siehst du an der Bar. Wenn sie dich
dort nicht enttaeuscht, dann taugt sie nix. Vermutlich gilt das gleiche
sogar fuer Kritiker: Je hinreissender an der Bar ihr Charme, desto groessere
Armleuchter sind sie. Ausnahmen bestaetigen die Regel, oder auch nicht,
aber es liegt in der kuenstlichen Natur von Theater und Kritik, dass
sie nur in der Vorstellung zusammenkommen koennen. (Nestroy, adaptierter).
Der Quixote von Frau Muscionico von der Neuen Zuercher Zeitung ist so
bemerkenswert, dass wir ihn ihnen nicht vorenthalten wollen: Nach einen krampfigen
Lead, dem man anliest, dass hier ein Theatererignis herbeigedreht werden
soll, muesse erfunden werden, was wolle, beginnt Daniele Muscionco mit einem
wunderbar poetischen ersten Absatz, der nicht nur gut geschrieben ist, sondern
auch stimmt. Danach aber folgen Absaetze, die zwar - wie wir es von M.D.
gewohnt sind - ebenfalls gut geschrieben sind, aber an denen nur noch wenig
stimmt, weil es hier nur mehr darum geht ein Theaterhelden nach dem Verstaendnis
- und vermutlich auch nach dem Geschmack - der Autorin zu schaffen.
Das Bild, das so entsteht, ist kurios: "Heldendaemmerung ... stilsicher
... suggestive Atmosphaere ... Ekstase und Lähmung ... Krankheiten
dieser Jugend ... überwältigt oder gelähmt von
ihren Gefühlen, von einer unbestimmten Sehnsucht nach dem wirklichen
Leben ... Klischees von Cowboy-Abenteuern und «Grease»-Liebe"
Danach folgen Bilder der Unmoeglichkeit, dass Frau und Mann sich
lieben koennen.
Kurios wohlgemerkt, nicht falsch. Denn auch NZZ-Kritikerinnen duerfen
traeumen, weil, wie Konfuzius sagt: "Einzigartig ist nur das Hinzugegebene"
... oder war es "und sie leuchten nix aus und lieben doch?"
...... .......................... ... ........ .
Grober Unfug, also, ein ideales Weihnachtsspiel.
Kritik erste Version 21.11., minimale Korrekturen 5.12.
Tanz hui, Dramaturgie Minderheitenprogramm. Die Minderheit machte allerdings
90% der Premierenbesucher aus: Kunstschaffende und Zuercher naemlich,
zwei Gruppen, die beide den Beziehungsproblemkult leben und lieben.
Dementsprechend uneingeschraenkt war die Begeisterung bei der Premiere!
Die Dramaturgie erzaehlt abstrakt von den Phasen einer Beziehung, die
irgendwie zwischen Darstellern und Publikum ablaeuft, aber nicht allzusehr,
weil haesslich zum Publikum sein moechte man nicht, man lebt ja von der Szene.
Oder aber - who knows! - die Langeweile, die des oeftern auftritt, ist naturalistisch
gemeint als Abbild von one-on-one Beziehungen. Wie auch immer, die
Wahrnehmung der Sprechtheaterteile duerfte sehr vom soziokulturellen
Hintergrund abhaengen.
Zum Ende, beispielsweise, wird uns eine langer Sermon a la "Ich geh
jetzt und es ist fuer immer vorbei" vorgesetzt, von der obercoolen
Simone Aughterlony. Man kann sich gut vorstellen, dass derartiges bei
den weiblichen Mitgliedern des Zuercher Mittelbuegertums (die in gewissen
Maennerkreisen ja als etwas schwierig gelten) geradezu groovige Assoziationen
hervorruft. In meinem sozio-kulturellen Hintegrund, sind solche langen
Reden eher unueblich und werden als nervig empfunden.
Auffallend ist - aehnlich wie bei Aughterlonys Theaterspektakelproduktion - der Versuch Gestaltungsinstrumente zu verwenden, die Meg Stuart (bei der Aughterlony getanzt hat) mit hoher Kunstfertigkeit zu nutzen versteht. Konkret beispielsweise die "du bist wie ..." Softbeschimpfungsetc-Szene, bei der man sich Stuart oder Handke gerne aus der Wand drehen wuerde, weil der Szene es wirklich hart an Witz und Idee mangelt.
Womit schon fast alles gesagt waere - noch allenfalls zu erwaehnen die
verzichtbaren Filmchen, an denen die niedrige Ueberbreitwand, auf
der sie gezeigt werden, das beste ist, oder den Round-Table-Parodieversuch
"Wir moechten mal, dass sie uns Fragen stellen!" zu dem es vom
passiven Szenepublikum nicht einen einzigen Gespraechsbeitrag gab, oder
das abschliessenden Maennerduett, bei dem man geistig so richtig schoen
mitschunkeln konnte und es auch tat ... - wenn, ja wenn nicht auch
getanzt wuerde. Denn immer wenn getanzt wird, beginnt das Buehnengeschehen
zu faszinieren.
Denn im Tanz gehts wirklich an den Mann und an die Frau. Zu Beginn ein
rotziger pas de deux zwischen Thomas Wodianka und Bibiane Beglau,
in dem wir Beglau so jugendlich und unkitschig erleben wie schon lange
nicht mehr. Beide Schauspieler-Taenzer vermoegen genial schauspielerische
Mimik und Chuzpe mit der direkten Koerperlichkeit des Tanzes zu verbinden.
So dass fuer einige Minuten die Hoffnung gedeiht, einem grossen Abend
beiwohnen zu koennen.
Spaeter dann, im Mittelteil des abstrakten Beziehungsepos, wenn auch Simone
Aughterlony und Nic Lloyd mit von der Partie sind, legt und stellt
man sich, roh und temperiert zugleich, hart an das Gegenueber hinzu
oder heran. In dieser Form sind die Choreografin Aughterlony und ihre
brilliant dillettierenden Taenzer sehr zu Hause. Deshalb funktioniert
die Kommunikation zur Zuschauertribuehne auch dann, wenn einem der Subtext
zum Dargestellten fremd bleibt. Natuerlich umso mehr mit emotionalen
Erfahrungsassoziationen. Einige lachten sich sogar so heraus, Frau K.
z.B. Diva in spe, dass es fast besorgniserregend war, und man sich fragte,
ob man etwas verpasste, oder sie.
Leider wurde im Finale die abstrakte Beziehung auf sprachlicher statt
auf physischer Ebene zu Ende gedacht, so dass ein an sich interessanter Abend
mit einem langen Gaehnen endete.
"Wir luegen Sie an, weil Sie uns wichtig sind" ist ein zentrales Motto
von Aughterlony & Co. Sie haben dabei vergessen, dass auch das Luegen
auf dem Theater gelogen werden muss. So selbsverstaendlich der Witz
dem Tanz in dieser Produktion eignet, so bieder kommt er im Gesprochenen
daher, wo selbst Beglau nicht mehr bietet als routinierte Maetzchen und
faden Abklatsch ihres eignen, legendaeren Beglau-Schmehs. Alles in allem
ist Bare Back Lying ein Abend mit Hochs und Tiefs, der so manches boshafte
Klischee ueber Schauspieler und Taenzer bestaetigt ... aber eben doch auch
seine grossen Momente hat.
PS: Was lernen wir daraus? Ohne Kondom du nix luegen, wenn du sein
Tanzmacher, oderrr ...
Alle "Zitate" sind Pseudozitate, d.h. insbesondere sind sie keine
woertlichen Wiedergaben des Auffuehrungstexts.
copyright by Reinhard Riedl