Zürcher Theaterspektakel 2006 -

(Surf Zurich's Cynical Theatre Guide!)
September 2, 2006


Kritiken & Kurznotizen
(in umgekehrter zeitlicher Ordnung) 


Information: ZKB-Foerderpreis

Der mit 30 000 Franken dotierte ZKB Foerderpreis ging an die Gruppe Zuhe Niao fuer Tongue's Memory. Ausschlaggebend waren "Die Authentizitaet im aesthetischen Ausdruck, die sich in Praesenz und Direktheit aeusserte, ein Erzaehlwille, der sich in Vehemenz und Kraft der Dynamik manifestierte und ein aesthetischer Aufbruchwille." Der mit 5000 Franken dotierte Anerkennungspreis ging an die Gruppe Elevator Repair Service.



The Attendant's Gallery

Urauffuehrung einer Betrachtung Europas von den Raendern her. Stramm antieuropaeisch. Europa wird definiert als Ort von familiaerer Idylle, Krieg und Gewalt. Authentizitaet und laute Musik scheint seine wesentliche Eigenschaft zu sein, und Sprachprobleme, vielleicht auch noch ein bisschen Wildheit und Verrueckheit. Das belgisch-französischen Zeichnerkollektiv Frémok steuert visuelle Gestaltungselemente und Filmeffekte dazu bei, die ganz nett sind.

Was soll man damit anfangen, mit diesen Gutmenschenbetroffenheitsgeschichten, die zwar vielleicht echt, aber seicht sind? Denen man den Versuch der Eindruckschinderei anmerkt, oder den der Witzigseinwollerei. Besteht der Wunsch nach einer kulturellen Partikularisierung unserer Gesellschaft in kleine Laender mit Grenzen, die die Fremden draussen halten, damit alle in ihren Familien und Stammesverbuenden und kleinen Staedtchen leben koennen?

 Fairy Queen oder Hätte ich Glenn Gould nicht kennen gelernt 

Boes gesagt, das haette uns einiges erspart, wenns so waere. Soll doch dieser auf dem Moenchsberg gesagt haben, aber wir sind ja nicht so. Schon die Publikumsversammlung beim Einlass verheisst Grauslichkeiten. Zwar erweist sich der erste, entsetzte Eindruck - genau so alt und schoen, wie das Publikum bei Premieren im Haus fuer Mozart - als uebertrieben, doch die jugendliche Dynamik des spaeten Stadtpraesidenten und seiner Entourage vermag nicht die Ahnung zu zerstoeren, dass uns hochwichtig Populaeres erwartet.

Zu Recht. Nix gegen Kitsch und Konzert. Aber zum Klassiker unter den Salzburg-Vernichtungen, Thomas Bernhards "Untergeher", passt diese Purcell-Morton nunmal gar nicht. Morton befreit den Text vom Kontext und der Musikalitaet. Das hat nur eine einzige schwache Rechtfertigung. Dadurch dass verschiedene Sprecher den Text sprechen, wird eine moegliche Vielschichtigkeit sichtbar, die sonst Bernhards manischen Witztexten fremd ist. Aber eigentlich gehts ihm nicht darum, sondern um den Publikumserfolg. Der gelingt ihm mit schicker, sensibler Abgefacktheit voll und ganz! Wer saesse nicht gerne mit der politischen Spitze im selben Theater. Ich hoffe, die Einbuergerung Mortons ist in Vorbereitung. Ueber seine fehlenden Sprachdefizite (im Vergleich zu Anna N) kann man nach diesem Werk gnaedig hinwegsehen.


Living Dance Studio / Zuhe Niao

Zwei verwandte Produktionen aus China, zeitgenoessischer wenig regimekonformer Tanz, der trotz vertrauter Tanzkonzepte sich dem westlichen Betrachter nur schwer erschliesst. Ungewohnte, interessante, aber keinesweg fulminante oder ungekannte Bilder. Im Vergleich ist aber auffallend, dass sich die Produktionen zwar in unser zeitgenoessischen Tanzschaffen einordnen, aber wesentlich weniger geklont wirken als man das von anderer westlich inspirierter Avantgarde-Kunst aus China, oder ueberhaupt Kunst aus China,  gewohnt ist. Damit wird ein nicht zu ueberschaetzender Kulturwandel angedeutet ... An Einfallsreichtum mangelt es den eingeladenen Tanzschaffenden nicht, nur die Assoziation erschlossen sich mir nicht und damit auch nicht der Sinn der Aesthetik.

Tongue's Memory of Home

Impressionen Shanghaier Lebensrhythmuszwangs, Ordnung und Gruppe, soziale Rituale und Individualitaet, aesthetisch ein Zusammenwirken aus Tanz, Film und Textprojektionen, und dazu ein bisschen Dada, absurdes Abbild der Gelegenheitssucht. Taenzerisch wenig revolutionaer aber konsequent und bisweilen sehr praesent und kraftvoll, inhaltlich eventuell bedeutend,eine Art Suche nach dem Ich im Kontext von Gemeinschaft und Staat, aber nicht wirklich leicht einzuordnen fuer Westler wie mich.

Report on 37.8

Ist eventuell vielschichtig und hat etwas mit der Sars-Epedemie zu tun, kombiniert aber doch sehr inhaltliche Unverstaendlichkeit mit aesthetischer Durchschaubarkeit. Trotzdem einige originelle Skurillitaeten, an die man sich noch einige Zeit erinnern wird: die Plastikhandabwaescherin und Rubblerin, die Schemel-Reise nach Rom mit ueberzaehligen Schemeln, der Vorwaertsrueckwaertsradfahrer, die Luftballongeschmueckte, die ihre Ballonaufblaser an Aufblasrohren hinter sich her zieht ... alles Verdrehungen und Kehrungen einer Logik, die solcherart ins Nichts faellt ...


Gatz I & II

Ein grosser - und wie sich mittlerweile zeigte einsamer - Hoehepunkt des heurigen Theaterspektakels: Die New Yorker Gruppe Elevator Repair Service gastiert mit einer lecture riche in der Aktionshalle der Roten Fabrik. In - inklusive grosser Pause zwischen den beiden Teilen - 7 1/2 Stunden liest John Collins Scott Fitzgeralds gesellschaftskritischen Roman "The Great Gatsby" im Original aus dem Buch vor, waehrend seine Mitspieler teils ihren eigenen Dingen nachgehen, teils die Szenen aus dem Roman mit nachspielen, teils einzelne Saetze einwerfen, oder auch zur Erzaehlung korrespondiere Aktivitaeten entfalten. Der Buehnenbild- und Spiel-Kontext ist ein Buero, in dem wir wie im Wohnzimmer die verschiedenen Szenestudien von Fitzgerald sehr intim und nahe erleben. das Eine- und Aussteigen der Buerokollegen in den Roman schafft Freiraum und materielle Anhaltspunkte fuer Assoziationen. "Gatz" ist quasi weder Roman noch Schauspiel, sondern ein nicht-Fisch-nicht-Fleisch das einen in den Bann schlaegt.

Die beiden Teile werden, dem Roman entsprechend, gegensaetzlich aufgezogen - die romantische Liebe, die der erste Auffuehrungsteil konstruiert wird vom zweiten als verantwortungslose Spielerei einer reichen Frau entlarvt und zur Anklage gegen die Oberschicht umfunktioniert. Die Staerke der Darstellung liegt vor allem in der Bildung von unterschiedlichen sozialen Biotopatmosphaeren, die Fitzgeralds Sprache wirken laesst und gaenzliche ohne Requisitenwandel auskommt. Ich hatte insoferne Pech, dass mitten in der hoechsten Augustschwuele ein Regenschauer prasselnd ueber der Roten Fabrik niederging und so viel von der Atmosphaere zerstoerte. Dass trotzdem die geschilderte Stimmung sichtbar wurde zeigte, wie stark diese Produktion ist. Wer Gatz nicht erlebt hat, hat etwas versaeumt!

Je vous ai apporte un disque

Das Lausanner Theatre en Flemmes zeigt in Franzoesisch und Deutsch Small-Reality-TV-Theater, das heisst Schauspieler als kleine Leute mit kleinen aber um so echteren Problemen. Der Bauch und Der Ruecken und Die Titten und was sonst noch am Menschen dran ist und Probleme macht, ausgenommen die primaeren Geschlechtsorgane, das alles wird thematisiert: Ein jeder erzaehlt von seinem speziellen Problemchen, so ganz undramatisch echt und laesst uns dann seine Lieblings-CD hoeren. Als letzte Lebenshalbleidensgeschichte dann auch das Unbegreifliche, das Mentale, der Aberglaube, der eben doch subjektiv stimmt ... ... ergibt einen leichtnr, depressiv-poetischen und/oder auch ein leichgewichtigen Abend. Das Publikum freut sich am Dargebotenen und der Kritiker hat nach 17 Salburger Festspielveranstaltungen und einem deutschhumorten Hamlet am Vortag nix gegen was Unschweres zwischendurch einzuwenden. Nur ... es steckt ein grosser Lebensschwindel hinter dieser netten Artigkeit, mit der hier persoenlich melancholisiert wird. Im wirklichen Leben liegt das Grauen erstens darin, dass es den Betroffenen gar nicht vor sich selber graut, und zweitens, dass nicht sanfte problems sondern oft genug wilder Hass das sind, was die Menschen bewegt.

Die Produktion vermittelt schlau ein Heile-Welt-Bild, in der die Melancholie obendrein noch etwas Positives traegt. Das heisst, sie zeigt eine Tragik dieser Welt, die uns allen gemeinsam ist und niemanden erschreckt. Sie wirbt fuer Sympathie fuer der Darsteller Charaktaere, statt ihnen ihre Unlebenskruecken zu stehlen und sie auf den harten Buehnenboden stuerzen zu lassen. Mit den Worten des Gastrokritikers gesprochen: Eine zarte Ahnung von Otto Schenk verschnitten mit einem milden Prise Heim-Tschecherov ... Es gibt Leute, denen das gefaellt, viele Leute.


hamlet_X

Witzlose Hamletszenen aus dem Kontext genommen, von mehr oder weniger prominenten Kuenstlern filmisch freidenkend inszeniert, plus ein bisschen pseudointelligentes Geschwafel ueber das Nicht-Dekonstruktivistisches dieses Theateransatzes, das sich ueber sich selber lustig macht. Die Kunstdozentin neben mir fands offensichtlich lustig, ich bin eingeschlafen.


Schwarze Jungfrauen

Ein Portrait der Jugendkultur am Beispiel tuerkisch-deutscher, junger Frauen, die ueber Sex & Liebe plaudern und dabei erlaeutern, warum sie sich zum Islam bekehrt haben. Offiziell aus Interviews konstruiert, vielleicht auch nur gut erfunden.

Wir hoeren gemischte Monolge, die in sich kausal, aber auf verschiedene Frauen aufgeteilt sind, die sie als Glatzkoepfe in Jogginganzuegen in verschiedenen Zimmern vortragen - wobei der Wechsel zwischen den Zimmern im Dunkeln bleibt. Dies ist ein unorthodox verwendetes, postdramatisches Erzaehlprinzip, das Geschichten konstruiert aber von den Personen abstrahiert. Damit werden Konvertierungsmuster innerhalb der westlichen Gesellschaft identifiziert. Frustration ob ihrer sozialen Stellung, Verarbeitung ihrer Liebeserlebnis und Emergenz religioeser Moralvorstellungen haengen jeweils eng mit der Bekehrung zusammen und die Sprache entspricht in ihrer Aggressivitaet der Religionspraxis. Am spannendsten ist die Darstellung der Doppelmoral im Kontext der sexaktiven Neomuslimin. Leider fehlen - zumindest fuer den Nichtexperten - die Referenzen auf den Koran und es wirkt alles ein bisschen zu authentisch um wirklich glaubwuerdig zu sein. Moeglich, dass hier eine wei verbreitete Wirklichkeit Deutschlands gezeigt wird, moeglich aber auch, dass wir einem "Kunst"-Stueck a la Yasmina Reza aufsitzen. Zumindest wirft die Produktion eine interessante These in die politische Diskussion.


copyright by Reinhard Riedl