Zürcher Theaterspektakel 2006 -
(Surf Zurich's Cynical Theatre Guide!)
September 2, 2006
Kritiken & Kurznotizen
(in umgekehrter zeitlicher Ordnung)
- ZKB-Foerderpreis
- ...
- The Attendant's Gallery (LOD, Belgien)
- Fairy Queen oder Hätte ich Glenn Gould nicht kennen
gelernt (David Morton, D)
- Report on 37.8 (Living Dance Studio, China) / Tongue's
Memory of Home (Zuhe Niao, China)
- Gatz I & II (Elevator Repair Service, USA)
Pet of the Month, August: John Collins
- Je vous ai apporte un disque (Theatre en Flemmes,
CH)
- hamlet_X (Herbert Fritsch, D)
- Schwarze Jungfrauen (Feridun
Zaimoglu, Günther Senkel & Neco Çelik, D)
Information: ZKB-Foerderpreis
Der mit 30 000 Franken dotierte ZKB Foerderpreis ging an die Gruppe Zuhe
Niao fuer Tongue's Memory. Ausschlaggebend waren "Die Authentizitaet im aesthetischen
Ausdruck, die sich in Praesenz und Direktheit aeusserte, ein Erzaehlwille,
der sich in Vehemenz und Kraft der Dynamik manifestierte und ein aesthetischer
Aufbruchwille." Der mit 5000 Franken dotierte Anerkennungspreis ging an die
Gruppe Elevator Repair Service.
The Attendant's Gallery
Urauffuehrung einer Betrachtung Europas von den Raendern her. Stramm antieuropaeisch.
Europa wird definiert als Ort von familiaerer Idylle, Krieg und Gewalt. Authentizitaet
und laute Musik scheint seine wesentliche Eigenschaft zu sein, und Sprachprobleme,
vielleicht auch noch ein bisschen Wildheit und Verrueckheit. Das belgisch-französischen Zeichnerkollektiv Frémok
steuert visuelle Gestaltungselemente und Filmeffekte dazu bei, die ganz nett
sind.
Was soll man damit anfangen, mit diesen Gutmenschenbetroffenheitsgeschichten,
die zwar vielleicht echt, aber seicht sind? Denen man den Versuch der Eindruckschinderei
anmerkt, oder den der Witzigseinwollerei. Besteht der Wunsch nach einer kulturellen
Partikularisierung unserer Gesellschaft in kleine Laender mit Grenzen, die
die Fremden draussen halten, damit alle in ihren Familien und Stammesverbuenden
und kleinen Staedtchen leben koennen?
Fairy Queen oder Hätte ich Glenn Gould
nicht kennen gelernt
Boes gesagt, das haette uns einiges erspart, wenns so waere. Soll doch dieser
auf dem Moenchsberg gesagt haben, aber wir sind ja nicht so. Schon die Publikumsversammlung
beim Einlass verheisst Grauslichkeiten. Zwar erweist sich der erste, entsetzte
Eindruck - genau so alt und schoen, wie das Publikum bei Premieren im Haus
fuer Mozart - als uebertrieben, doch die jugendliche Dynamik des spaeten
Stadtpraesidenten und seiner Entourage vermag nicht die Ahnung zu zerstoeren,
dass uns hochwichtig Populaeres erwartet.
Zu Recht. Nix gegen Kitsch und Konzert. Aber zum Klassiker unter den Salzburg-Vernichtungen,
Thomas Bernhards "Untergeher", passt diese Purcell-Morton nunmal gar nicht.
Morton befreit den Text vom Kontext und der Musikalitaet. Das hat nur eine
einzige schwache Rechtfertigung. Dadurch dass verschiedene Sprecher den Text
sprechen, wird eine moegliche Vielschichtigkeit sichtbar, die sonst Bernhards
manischen Witztexten fremd ist. Aber eigentlich gehts ihm nicht darum, sondern
um den Publikumserfolg. Der gelingt ihm mit schicker, sensibler Abgefacktheit
voll und ganz! Wer saesse nicht gerne mit der politischen Spitze im selben
Theater. Ich hoffe, die Einbuergerung Mortons ist in Vorbereitung. Ueber
seine fehlenden Sprachdefizite (im Vergleich zu Anna N) kann man nach diesem
Werk gnaedig hinwegsehen.
Living Dance Studio / Zuhe Niao
Zwei verwandte Produktionen aus China, zeitgenoessischer wenig regimekonformer
Tanz, der trotz vertrauter Tanzkonzepte sich dem westlichen Betrachter nur
schwer erschliesst. Ungewohnte, interessante, aber keinesweg fulminante oder
ungekannte Bilder. Im Vergleich ist aber auffallend, dass sich die Produktionen
zwar in unser zeitgenoessischen Tanzschaffen einordnen, aber wesentlich weniger
geklont wirken als man das von anderer westlich inspirierter Avantgarde-Kunst
aus China, oder ueberhaupt Kunst aus China, gewohnt ist. Damit wird
ein nicht zu ueberschaetzender Kulturwandel angedeutet ... An Einfallsreichtum
mangelt es den eingeladenen Tanzschaffenden nicht, nur die Assoziation erschlossen
sich mir nicht und damit auch nicht der Sinn der Aesthetik.
Tongue's Memory of Home
Impressionen Shanghaier Lebensrhythmuszwangs, Ordnung und Gruppe, soziale
Rituale und Individualitaet, aesthetisch ein Zusammenwirken aus Tanz, Film
und Textprojektionen, und dazu ein bisschen Dada, absurdes Abbild der Gelegenheitssucht.
Taenzerisch wenig revolutionaer aber konsequent und bisweilen sehr praesent
und kraftvoll, inhaltlich eventuell bedeutend,eine Art Suche nach dem Ich
im Kontext von Gemeinschaft und Staat, aber nicht wirklich leicht einzuordnen
fuer Westler wie mich.
Report on 37.8
Ist eventuell vielschichtig und hat etwas mit der Sars-Epedemie zu tun, kombiniert
aber doch sehr inhaltliche Unverstaendlichkeit mit aesthetischer Durchschaubarkeit.
Trotzdem einige originelle Skurillitaeten, an die man sich noch einige Zeit
erinnern wird: die Plastikhandabwaescherin und Rubblerin, die Schemel-Reise
nach Rom mit ueberzaehligen Schemeln, der Vorwaertsrueckwaertsradfahrer,
die Luftballongeschmueckte, die ihre Ballonaufblaser an Aufblasrohren hinter
sich her zieht ... alles Verdrehungen und Kehrungen einer Logik, die solcherart
ins Nichts faellt ...
Gatz I & II
Ein grosser - und wie sich mittlerweile zeigte einsamer - Hoehepunkt des
heurigen Theaterspektakels: Die New Yorker Gruppe Elevator Repair Service
gastiert mit einer lecture riche in der Aktionshalle der Roten Fabrik. In
- inklusive grosser Pause zwischen den beiden Teilen - 7 1/2 Stunden liest
John Collins Scott Fitzgeralds gesellschaftskritischen Roman "The Great Gatsby"
im Original aus dem Buch vor, waehrend seine Mitspieler teils ihren eigenen
Dingen nachgehen, teils die Szenen aus dem Roman mit nachspielen, teils einzelne
Saetze einwerfen, oder auch zur Erzaehlung korrespondiere Aktivitaeten entfalten.
Der Buehnenbild- und Spiel-Kontext ist ein Buero, in dem wir wie im Wohnzimmer
die verschiedenen Szenestudien von Fitzgerald sehr intim und nahe erleben.
das Eine- und Aussteigen der Buerokollegen in den Roman schafft Freiraum
und materielle Anhaltspunkte fuer Assoziationen. "Gatz" ist quasi weder Roman
noch Schauspiel, sondern ein nicht-Fisch-nicht-Fleisch das einen in den Bann
schlaegt.
Die beiden Teile werden, dem Roman entsprechend, gegensaetzlich aufgezogen
- die romantische Liebe, die der erste Auffuehrungsteil konstruiert wird
vom zweiten als verantwortungslose Spielerei einer reichen Frau entlarvt
und zur Anklage gegen die Oberschicht umfunktioniert. Die Staerke der Darstellung
liegt vor allem in der Bildung von unterschiedlichen sozialen Biotopatmosphaeren,
die Fitzgeralds Sprache wirken laesst und gaenzliche ohne Requisitenwandel
auskommt. Ich hatte insoferne Pech, dass mitten in der hoechsten Augustschwuele
ein Regenschauer prasselnd ueber der Roten Fabrik niederging und so viel
von der Atmosphaere zerstoerte. Dass trotzdem die geschilderte Stimmung sichtbar
wurde zeigte, wie stark diese Produktion ist. Wer Gatz nicht erlebt hat,
hat etwas versaeumt!
Je vous ai apporte un disque
Das Lausanner Theatre en Flemmes zeigt in Franzoesisch und Deutsch Small-Reality-TV-Theater,
das heisst Schauspieler als kleine Leute mit kleinen aber um so echteren
Problemen. Der Bauch und Der Ruecken und Die Titten und was sonst noch am
Menschen dran ist und Probleme macht, ausgenommen die primaeren Geschlechtsorgane,
das alles wird thematisiert: Ein jeder erzaehlt von seinem speziellen Problemchen,
so ganz undramatisch echt und laesst uns dann seine Lieblings-CD hoeren.
Als letzte Lebenshalbleidensgeschichte dann auch das Unbegreifliche, das
Mentale, der Aberglaube, der eben doch subjektiv stimmt ... ... ergibt einen
leichtnr, depressiv-poetischen und/oder auch ein leichgewichtigen Abend.
Das Publikum freut sich am Dargebotenen und der Kritiker hat nach 17 Salburger
Festspielveranstaltungen und einem deutschhumorten Hamlet am Vortag nix gegen
was Unschweres zwischendurch einzuwenden. Nur ... es steckt ein grosser Lebensschwindel
hinter dieser netten Artigkeit, mit der hier persoenlich melancholisiert
wird. Im wirklichen Leben liegt das Grauen erstens darin, dass es den Betroffenen
gar nicht vor sich selber graut, und zweitens, dass nicht sanfte problems
sondern oft genug wilder Hass das sind, was die Menschen bewegt.
Die Produktion vermittelt schlau ein Heile-Welt-Bild, in der die Melancholie
obendrein noch etwas Positives traegt. Das heisst, sie zeigt eine Tragik
dieser Welt, die uns allen gemeinsam ist und niemanden erschreckt. Sie wirbt
fuer Sympathie fuer der Darsteller Charaktaere, statt ihnen ihre Unlebenskruecken
zu stehlen und sie auf den harten Buehnenboden stuerzen zu lassen. Mit den
Worten des Gastrokritikers gesprochen: Eine zarte Ahnung von Otto Schenk
verschnitten mit einem milden Prise Heim-Tschecherov ... Es gibt Leute, denen
das gefaellt, viele Leute.
hamlet_X
Witzlose Hamletszenen aus dem Kontext genommen, von mehr oder weniger prominenten
Kuenstlern filmisch freidenkend inszeniert, plus ein bisschen pseudointelligentes
Geschwafel ueber das Nicht-Dekonstruktivistisches dieses Theateransatzes,
das sich ueber sich selber lustig macht. Die Kunstdozentin neben mir fands
offensichtlich lustig, ich bin eingeschlafen.
Schwarze Jungfrauen
Ein Portrait der Jugendkultur am Beispiel tuerkisch-deutscher, junger Frauen,
die ueber Sex & Liebe plaudern und dabei erlaeutern, warum sie sich zum
Islam bekehrt haben. Offiziell aus Interviews konstruiert, vielleicht auch
nur gut erfunden.
Wir hoeren gemischte Monolge, die in sich kausal, aber auf verschiedene Frauen
aufgeteilt sind, die sie als Glatzkoepfe in Jogginganzuegen in verschiedenen
Zimmern vortragen - wobei der Wechsel zwischen den Zimmern im Dunkeln bleibt.
Dies ist ein unorthodox verwendetes, postdramatisches Erzaehlprinzip, das
Geschichten konstruiert aber von den Personen abstrahiert. Damit werden Konvertierungsmuster
innerhalb der westlichen Gesellschaft identifiziert. Frustration ob ihrer
sozialen Stellung, Verarbeitung ihrer Liebeserlebnis und Emergenz religioeser
Moralvorstellungen haengen jeweils eng mit der Bekehrung zusammen und die
Sprache entspricht in ihrer Aggressivitaet der Religionspraxis. Am spannendsten
ist die Darstellung der Doppelmoral im Kontext der sexaktiven Neomuslimin.
Leider fehlen - zumindest fuer den Nichtexperten - die Referenzen auf den
Koran und es wirkt alles ein bisschen zu authentisch um wirklich glaubwuerdig
zu sein. Moeglich, dass hier eine wei verbreitete Wirklichkeit Deutschlands
gezeigt wird, moeglich aber auch, dass wir einem "Kunst"-Stueck a la Yasmina
Reza aufsitzen. Zumindest wirft die Produktion eine interessante These in
die politische Diskussion.
copyright by Reinhard Riedl