Sept 23, 2006...
Hotel Disparu
So weit, so weit. Jeder Abend eine andere Auswahl aus dem Text,
jeder Abend neue Situationskomik. An der Premiere 90 Minuten, am dritten
Abend 75 Minuten, ..., an der Premiere vielbeklatscht, am dritten Abend muede
beklatscht, ...
Wir befinden uns, wo wir uns im Theater schon so oft befunden haben, diesmal
in einer Hotelhalle der kleinen Skurillitaeten und mittleren Stoerungen.
Man pflegt Rituale, allerdings weniger konsequent und leichter verdaulich
als beispielsweise Carp und Marthaler, denn es sind halbe Geschichten mit
den Solos, Duos und Terzetten verbunden, die in loser Abfolge, eben frei
ausgewaehlt, zu sehen sind. Dies ist - ganz offensichtlich - faszinierend
fuer Kritiker und Szeniker und - wahrscheinlich - spannend fuer Szenefremde,
die so etwas zum ersten mal erleben. Und es ist schier unertraeglich fad
fuer Gewohnheitstheatergaenger. Grund ist, dass es nett gemacht ist und eine
Light-Version des Postdramatischen darstellt, das von vielen, auch von Professionellen,
traumatisch erlebt wurde. Nomen est omen.
Vieles ist schicksalhaft in diesem Hotel, allerweltsschicksalhaft, verstaendlich
und doch speziell. Der Kellner ein Kellner. Das Muttertocherpaar suedseetrippliche
Egoistin und abhaengige Hysterikerin, die nur der Mutter wegen zu nichts
zu kommen vermeint. Das Geschwisterpaar uneins zueinander gebunden. Der Liebhaber,
der den Verlust seiner Liebe nicht fassen kann. Eine zwanghafte Geschichtenerzaehlerin
... Und nichts geht an die Substanz, denn alles spielt im Schleier realistischen
Erlebens. So wie der Raucher ohne Zigaretten. Wie ein Abgesang auf Theater.
Der Text ist schlecht - und wird von der Kritik gelobt. Kein Drama, keine
Weisheit, sondern witzige Formulierungen. Wenn man ein bisschen lacht, oder
amusiert schnaubt, so gibt das keinen Wiederhall, ist weder plaziert noch
deplaziert, sondern wie es uns gefaellt. Das Theater Neumarkt macht nicht
viel Laerm um nichts, sondern zeigt eine Plauderei um wenig.
Die professionellen Kritiker fanden das gut und teils sogar begeisternd,
ganz offensichtlich, weil es ihre Welt ist. Und das legt nahe, dass es einen
Massenmarkt fuer dieses Theater gaebe. Alle jene naemlich, die sich eine
skurille Verkleidung des alltaeglichen Entsetzens ueber ihre Umwelt und ihre
eigenen Verstrickung wuenschen, denen ein traditioneller Shakespeare zu heftig
und zu ernst ist, und ein Marthaler-Irgendwas zu lang und ereignislos. Sie
bekommen hier einen - je nach Abend mehr oder weniger engagiert belebten
- Seelencontainer light.