September 13, 1998Kurz zusammengefasst: die Probleme des Zürcher Theaterspektakels waren die alten: das heisst die Spielorte auf der Landiwiese und die Lustigkeit (oder im seltenen, sinnierenden Fall, die reaktionäre Zwiderheit) des Publikums. Theater braucht einen heiligen Ort, will es nicht zum sinnesbetäubenden Spektakel verderben, welches nie ein positives Werden sein kann, wenn es als solches (spektakel) nicht konzipiert wurde. Exemplum docet, exempla docent. 5 schweigende Menschen in einem von der Wiese umlärmten Zeltpavillon, (möchtegern-)ekstatische Tänzerinnen gegenüber der Zusammenballung von Zuschauervolk in der Halle Blau, erfolgreiche Heiterkeitsentfessler ebendort oder eine Autoscootershow auf einem kleinen Asphalthintehof mit dem eindunkelnen See als rückwärtiger Kulisse.
Und Theater braucht ein Publikum, das die Bereitschaft, Kunst zu erleben, mitbringt. Und Kúnstler, welche Ort und Aufführung aufeinander abzustimmen bereits sind und Gelegenheit und Zeit dazu haben.
Mag sein, dass manches ausserordentliche keiner dieser Vorraussetzungen bedarf. Enrique Vargas erzählt wohl überall und jederzeit gute Geschichten, nur mehr oder ein bisschen weniger meisterhaft. Unabhängigkeit von ihrer künstlerischen Tiefe oder Oberflächlichkeit können Produktionen wie `Femtella' nicht annähernd ähnlich frei existieren, ihrer Natur wegen. Sie bedürfen - zumindest - entweder eines passenden Orts oder eines verständigen Publikums, das ihren eigentlichen Reiz trotz kleinerer, widriger Unannehmlichkeiten erleben will.
Wenn man, und dafür gibt es freilich gute Gründe, nicht gewillt
ist, die Lösung dieser Probleme anzugehen, wird sich auch wenig zum
Besseren ändern in den nächsten Jahren. Die Zufriedenheit, die
vom künstlerischen Chef des Zürcher Theaterspektakels, M. Luchsinger
verbreitet wird ist dementsprechend, weil nämlich, wie es den Eindruck
macht, kein Verantwortlicher eine gravierende Änderung auch nur andenken
will, das beste in dem festeingefahrenen Dilemma. Damit bleibt allerdings
das Theaterspektakel, trotz heurigem thematischen Schwerpunkt, das Spektakel
eine visionlose Angelegenheit, die Lage hoffnungslos, aber nicht ernst,
was furchtbarer ist, als es klingt. Denn Zürich liegt dafür zu
weit im Westen.
Am meisten überzeugen konnte das ganz und gar konventionelle Theater auf der Suche nach Erkenntnis, allen übrigen voran die tatsächlich fast gelungene Produktion `fast gelungen' von huis aan de amstel, deren Theater`forschung' sich mit den Implikationen und Konsequenzen von Masslosigkeit beschäsftigte. Für ihre, als Anregung statt als Studie gemeinten, Verhaltensbeispielen geistig weniger oder mehr behinderter Menschen wurden sie, erstaunlich genug, mit dem Förderpreis der Zürcher Kantonalbank ausgezeichnet, was uns in die ungewohnte lasge brachte, einem Expertenurteil zustimmen zu müssen. -- Schwamm drüber. Derartiges Theater wünschte man sich öfter, und freilich auch dramaturgisch intensiver, inszeniert. Dies gilt natürlich auch für den Versuch, Oper als Theater und nicht als Leidenschaftshype zu verkaufen, mit der, tatsächlich einmal multimedialen, Suche nach dem verlorenen Mythos der treuen Liebe in `Il riturno d'Ulisse' (in patria) .
Krankhaftes wie diese beiden in ihren intellektuellen Ansprüchen
herausragenden Produktionen führte auch `Shockheaded Peter' in mancherleii
Hinsicht mit grossem Erfolg vor, in mehrfacher Deutigkeit, da die dingliche
Realisierung des Schreckens (wie anno dazumal) unmittelbar den Nerv des
Publikums traf und die Reaktionen desselbigen sich zu einer abseitigen
Stimmung hochbegeisterten, in der die Bühnenszenerie grösstenteils
schlicht nicht mehr wahrgenommen wurde. Apperzeptionsverweigerung an klassischer
Geschichte, könnte man diesen stillen, nämlich lärmignr,
kleinen Theaterskandal loben, anders als die beiden übrigen traditionell
investigatorischen Theaterproduktionen, welche kaum zu bewegen vermochten
- im grossen Zürich verirrte ProvinzkritikerInnen ausgenommen. Balianis
Metamorphosen präsentierten sich farblos, mit Theaterklischees blau
gespickt und dazu noch pseudointelektuell multilingualen abgeschmackt.
Und `... König Saul ...' war gedanklich bleischwer mit kaum kenntlichen
Ideen von in situ, erwartungsgemäss, überfrachtet worden.
Das modernste Erkenntnistheater boten Enrique Vargas und sein Teatro
de los Sentidos, indem sie die Erkenntnisarbeit zu den Clients, sprich
Zuschauern, verlagerten, und selber nur mehr Animationsunterstützung,
freilich ad personam, leisteten. Da gemäss alter Theaterweisheit,
der gröbste Unfug beim ersten Mal, wenn er nur gross genug präsentiert
wird, uns weiterbringt (durch Erfahrung, hehehe ...), war dies ein durchaus
wertvolles Erlebnis ... trotz zynismusloser, losester, allerlosester, ehrlichster
Esoterik, frei von aller Wirtschaftskritik ...;-) Im übrigen überzeugte
Vargas vor allem mit der kleinen Theaterform traditionsorientierten Erzähltheaters
in `Oxtail Soup'., trotz Kontrastiereung mit Kitschgitarren, welche bei
manchen Damen den Glanz aus den Augen trieb, oder die Phantasie hinein
...;-).
Soweit zum Theater philosophischer Einsichten. Mehr noch als die geistigen überzeugten die vulgärtsprachlichen körperlichen beim Tanz. Zwei von drei - ohne Berücksichtigung der Bauchtanzvorstellungen - befriedigten auch höhere künstlerische Ansprüche, nämlich Teshigawara mit seiner Gruppe Karas und die Alias Compagnie, während Bianca Lis Truppe, abgesehen von der Zweifelhaftigkeit des künstleischen Konzepts einer Film-Ekstase im Grossvorführraum, auch bezüglich Reife der Tänzerinnen in sich allzu inhomogen war für das Gelingen einer sinnstimmigen Aufführung.
Das im Magreb-Schwerpunkt versprochene Programm `Ekstase' ereignete sich, trotz mutiger Versuche wie jenen von Bianca Li, nicht - oder gegenteilig, als unbeabsichtigte Lachnummer (wie bei Taoufik Jefali und El Teatro). Andere Kommentatoren mögen dies unserem mitteleuropäischen Unverständnis zuschreiben, wir meinen, dass es sie sich auch Kundigeren in den von uns gesehenen Vorstellungen nicht gezeigt hat. Anders die westliche Moral, welche bei Peter Brook dick und für den letzten offensichgtlich aufgetragen wurde; und anders auch die neue arabische Moral, vom Programm Ironie, Doppelsinn und Sarkasmus genannt, welche zwar unerklärlich blieb in `Thakaret - Arramed', aber auch unüberhörbar.
Der Zeitgeist war heuer vor allem japanisch vertreten: ein bisschen (inhaltlich) altbacken mit der Truppe Dumb Type und, wie oben erwähnt faszinierend, mit Teshigawaras Choreographie, welche die Verindividualisierung des Menschen austanzte. Zum Ausgleich gab es den (ebenfalls oben zitierten) guten alten Porno in Latex mit der Westschweizer Alias Compagnie.
Die Konzertveranstaltungen konnten wir, wie die eine oder andere notgedrungen hier unberücksichtigt bleibende Theatervorstellung, aus Zeitgründen nicht besuchen, unseren dramatischen Höhepunkt bei diesem Theaterspektakel erlebten wir aber bei der Rückkehr des Odysseus;-). Grosse Volskömdie bot Karls Kühne Gassenschau. grosses kindertheater huis aan de amstel, allzukleines Kindertheater nur Bronks und für eine (sonst übliche) dritte Kindertheaterproduktion reichte das Geld heuer nicht. Und erzähltheatermässig wurden drei Produktion seht unterschiedlicher Qualität angeboten, neben der südamerikanischen Ochsenschwanzsuppe Raimund Hoghes fade Portraits, welche hauptsächlich aus Beschallung mit alter Schlager- und Popmusik und - schönen - schwarzweissen Lichtspielen bestanden und Enzo Scanzis überflüssige, weil überraschungslose Geschichte eines Lebens, das auf ein Schiff beschränkt bleibt.
Bleibt unter Diversem noch zu erwähnen, dass in Erinnerung bleiben werden, erfolgreiche wie erfolglose Lichtarbeiten und überzeugenden multimedialen Theaterkomponenten wie bei Peter Brook oder Dumb Type.
Das Zürcher Theaterspektakel bot, billiger und dämlicher Schluss, wie uns kein besserer einfallen will, Spektakel und Theater. Das durften wir erwarten. das haben wir genossen.
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