Zürcher Theaterspektakel 1998 - die 3. Woche
(Surf Zurich's Cynical Theatre Guide!)
September 7, 1998
 
 
 
  Absurdes in der Halle Blau:
Nana et Lila der Compagnie Bianca Li 

Superkurznotiz, 6.8.98;

Die ompagniechefin ist als Flamencotänzerin zu jung, na ja ... trotzdem etwas fürs Auge;-)

Im zweiten Teil geht es auf die Ekstase los und diese wird von einigen wenigen der Tänzerinnen fast erreicht - vor den frontalen Augen und verschränkten Armen der riesigen Halle Blau. Viel abartiger kann eine derartige Veranstaltung nicht sein, auch wenn die Playboyästhetik der compagbiechefin vermutlich einen derartigen, riesigen Rahmen braucht.

Irgendwann ward der weiblichen DarstellerInnen meist recht sensible Rezensent, der diesmal in der dritten Reihe sass (um anders als beim Bauchtanz der Suraya Hilal ebenhier bildlich etwas mitzubekommen) abgehängt, und nahm das Geschehen trotz nächster Sicht und schweigenmder Masse im Rücken, nur mehr sehr distanziert war ...

 
  Kunst in der Werft:
Il riturno d'Ulisse (in patria)
von William Kentridege, Philippe Pierlot und der Handspring Puppet Company 

Kurzkritik in Arbeit, 7. 9;

Es ist alles Konvention. Und dahinter verbirgt sich echte, gefühlvolle Leidenschaft, die sich selber ersingen will, in den Banden, Bahnen der Konvention. Darin hinein sieht unser analytische, des mythischen Traums und Vertrauens deprivierte Blick, ein Seziersaal im Zeichentrickformatin dem gleichwohl aus dem Rauschen die Formen zu entstehen scheinen, als wäre der Blick selber wieder kreativer Akt.

Die Leidenschaft dient in dieser Produktion von William Kentridge mit der Handspring Puppet Company und der Brüsseler Oper La Monnaie dem zum schaffenden Ausdruck, der Belebung des Mythos, dem keiner glaubt und der uns alle doch verführt, dass nicht wenige, Kritiker wie Normale, sich wünschten, es hätte sie doch bisweilen stärker, lauter vernehmbar, italienischer, gegeben, die Emotion. Doch letzteres hätte sich verboten, da es das sensible, inhaltlich vollgefrachtete Gleichgewicht zwischen Musik, Gesang, Puppenspiel, Text und Zeichentrickfilm zerstört hätte.

So scheitert der Träumer im Spiel, dessen Alter Ego Odysseus seine letzten Abenteuer durchlebt, an den Gesetzen der Natur, die ihm das Kranken-, Totenbett bescheren. doch im vielfach gebrochenen, reflektierten, umdirigierten Blick entfaltet sich die Herzenswärme jener grossen, alten, realistischen Liebe, bleibt die Frage gestellt, ob Penelope, ihren Mann im Angesicht zuerst nicht kennend, denn sie tatsächlich empfindet, seine Herzlichkeit sich auf ein lebendes, eigenes Objekt sich bezieht.

Harnoncourts Monteverdizyklus ist einer der Grundsteine des heutigen hohen Ansehens der Zürcher Oper. Mögen günstig gesinnte Götter ein solches in Zukunft auch dem Theaterspektakel bescheren ... und die Zürcher offen werden für einen Monteverdi, dessen OIdysseus nicht triumpfahl - und anachronistisch - seine Gegner schlachtet.

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  Enzo Scanzi erzählt Novecento im Pavillon --
verliebt in den eigenenWitz und sein Temparament ... 

Notiz,  6.9.98;

Von Anfang wissen wirs, Novecento war der beste - und damit ist dem einzigen spannenden Moment des Abends, der schilderung des Pianistenduells im Ballsaal auf hoher See die halbe Spannung schon genommen, oder auch die ganze, wenn Scanzi und seine typischen erzählerischen Wendungen gut genug kennt.

Dem begabten Erzähler Scanzi gelingt es den ganzen Abend über nicht, das Publikum zu fesseln - zum einen weil die Geschichte vom Pianisten Novecento, der auf See geboren wird, ein ganzes Leben lang nicht an land geht und zuletzt sich mit `seinem' Schiff in die Luft sprengen lässt zu belanglos ist, unseren Erkenntniswillen zu fassen, zum anderen weil sie Scanzi noch weiter nach besten Kräften verhunzt, sich zuerst im Babyquatsch verheddert und dann mit den tiradenhaften Gefühlsausbrüchen in italienischer Sprache jedewede Abenteuerlust bei den ZuhörerInnen mit Klischees zuwirft und erstickt. Zwar lockern die Gags mit seinem stieren Bruder in der Geschichte, der die musikalischen Zwischenspiele besorgt, auf, doch angesichts des hilflosen Versuchs Scanzis, das geniale Spiel Novecentos durch Nichtspielen in der Phantasie des Publikums erlebbar zu machen, wirken sie auch ungewollt echt.

Ein bisschen fremde Regie hätte der Aufführung sicher gut getan.
 


 

  Stau hinter der Roten Fabrik --
Karls Kühne Gassenschau bietet
eine gelungene künstlerische Gratwanderung mit Klamauktheater

Kritik in Arbeit, 7.8.98;

Der Mensch verwirft Gottes rechteckige Ordnung, erfindet das Rad, die Bewegung und bleibt im Stau stecken, der sich von der A1 über die ganze Schweiz und schliesslich ganz Europa (nicht die ganze Welt?!) ausbreitet - bis dann einem die Flucht gelingt. Soweit die Geschichte. Karls Kühne Gassenschau bietet in fast intimer Kulisse  inter der Roten Fabrik, Volks-, sprich Technik- und Klamauiktheater mit weitendem Blick auf den See. Und zwar gar lustiges Volkstheater. und doch kein blödes. (... abgesehen von der Szene, in der beim Scheissen eine Frau ein Ei legt;-(.

Die u.a. von einem Ex-Mathematiker geführte Gruppe erzählt dabei eine Grösststadtgeschichte aus der dritten Welt, vom sozialen Wollen und Vermögen, die zukunftslose Tristesse der totalen Verstopfung menschlicher Hoffnungen zu überwinden, oder sie wegzuschwindeln. Sie rasen mit ihren Autos vorm Publikum im Kreis, kurbel und kurven und benehmen sich wie richtige Schweizer: Automenschen. Die Fahrt dreht sich im Kreis bis gar nichts mehr geht, auf der A1 und im Rest Europas, alles für immer staut. Freilich und erst ewirklich, wo es zuerst nur in Aggressionen menschelte, beginnt dann das Leben, die Lügen, die Theatervorstellungen in der Theatervorstellung und die ansatzweise Aufarbeitung, Verdrängung und Lödsung der Probleme.

Die Truppe begeistert unter anderem durch ihren einfallsreichen, pomplosen Umgang mit der Technik und überzeugte künstlerisch durch stilsicheres Masshalten bei der Präsentation der klamaukigen Gags. Sie weckt Phantasien ohne das menschliche Zusammenleben zu verkitschen, packt das Publikum an seinen tiefen Stellen, aber schlachtet es nicht aus, sondern bietet ihm, neben der weidlich genutzten Möglichkeit, sich schlicht zu amüsieren, auch belebende Anregungen in eindrücklichen Bildern, bis hin zu surrealen Globalmetaphern: Mehr wäre weniger gewesen, doch so war es o.k.

Und es schien sogar dem Rezensenten das Urteil ungerecht, als hinterher ein -unfreiwilliger - Zyniker (der gleichwohl recht gehabt haben mag ) meinte, es wäre souverän Hohler zitiert worden. Zur hohen Theaterkunst mag es zwar vom `Stau' ein weiter Weg sein, den von Karls Kühner Gassenschau vermutlich niemand gehen möchte,  doch einfachen Gemütern sei trotzdem schon jetzt der Besuch empfohlen. Die Show läuft nach dem Ende des Theaterspektakels noch einige Zeit weiter.
 

der weitere Text ist derzeit in Überlegung ..... und wird am 9./8. erscheinen ....

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  Fast gelungen, nomen est omen --
eine Produktion von huis aan de amstel,
leider in der Aktionshalle der Roten Fabrik 
 

Notiz, 6.9.98, aufgrund der Auszeichnung mit dem ZKB-Förderpreis, wird die Kritik in den nächsten Tagen mit einigen Details ergänzt werden ....

Sie sind Könige und mutiger, trauriger, besser, schlechter als die bernhardschten Subjekte unter uns...

Die Hochglanzästhetik und -moral des Films prägt das Verhalten der Jugend, exemplarisch empirisch zu verifizieren im Bett. Was wäre, wenn das Theater das Verhalten von uns, den früh oder auch spät vergreisten prägen würde? Die Welt wäre ein Laboratorium, das sich selbst analysierte. Denn das Theater von `huis aan de amstel' versucht Menschen zu verstehen statt sie zu gestalten oder zu unterhalten. Sie halten uns das Leben geistig behinderter Menschen als unsern Spiegel vorhalten - nicht um abzubilden, sondern uns Spiegelschauer anzuregen, wie mit Sarkasmus im Programm vermerkt wird ... 

Dieser bildet nun freilich Bilder modernen, jungen Verhaltens ab, nicht eherne Wahrheiten. Bilder die leicht aus dem Schwerpunkt gerutscht sind und, entgegen Programmankündigung, mit Blick auf den Abgrund, realistisch bis naturalistisch verschnitten oder auch surrealistisch ausgekocht wurden.  Die Palette der niederländischen Theaterzeichner bietet dabei inhaltlich Farben für die verschiedensten menschlichen Subnormalitäten, vom Eigentmlichen über das neurotische und die schwere geistige Behinderung bis zur fast normalen Infantilität, alles mit einem gewissen Stich abstrahierender Stilisierung, der sich bisweilen zu den schönsten Skurillitäten verfremdend zusammenbindet. Trotzdem - und man könnte hier durchaus und zurecht diese unkonventionelle, allertraditionerllste Suche nach Theatererkenntnis leicht ausführlicher loben - gähnt das Publikum; und stellt sich damit die Frage, was denn hier nicht funktioniert, wo die Szenen oft so genau und dann auch wieder vorerst nicht stimmen, wo nichttrivial Form manch schräger der allzumenschlichen Verhaltensweisen gegeben wird.

Vielleicht ist das Skalpell zu ernst angesetzt, der künstlerische Forschungsanspruch zu naiv honorig, soll heissen intellektuell. Möglicherweise ist die Sicht auf das innere der `Könige' eine zu äusserliche, deren Unverständnis bei aller Sensibilität als solches sich dem Publikum vermittelt. Vielleicht ist es aber auch das orange Licht und die Qualität von Ton- und Lichtanlage oder überhaupt die allgemeine Atmosphäre in der Aktionshalle der Roten Fabrik, welche das Wirken des Theaters behindert. So toll es beginnt, mit dem unmittelbaren Empfinden in der ersten Szene, grosses Theater nun vorgesetzt zu bekommen, so schnell verflacht das Interesse am Geschehen mangels anziehender Beleuchtung. Nichtsdestotrotz fasziniert die philosophische Substanz des Bühngeschehens immer wieder.

Wie auch immer, gesagt werden muss hier, und darüber soll keine Debatte geführt werden, dass der Auftritt des Weihnachtsmanns der beste Weihnachtsmannauftritt war, denn es je wo gegeben hat. Mag auch der Rest nur `fast gelungen' sein, Schmutzli zieht übers Land und verteilt es Euch, den Sand.
Denn die Könige sind nicht nur sie, hoffentlich, sondern auch wir.

P.S.: Zur Frage, ob die Mathematiker in diesem Stück realistisch dargestellt wurden (oder doch nur als behinderte Menschen gemeint waren), wollen wir uns nicht äussern; frei nach Beckett, alles ganz richtig.

P.P.S.: Die Produktion wurde mit 3/4 des ZKB-Forderpreises ausgezeichnet, das letzte Vuiertel ging zur Wahrung des Heimvorteils an Enzo Scanzi.
 


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