May 25, 1998Gefälliger Tanz, gut komponiert (mit kleinen überraschungen
in der Ablauflogik), erotisch exotisch, ein bisschen unpräzis ausgeführt,
was vor allem bei Parallelbewegungen in Paaren oder Gruppen störend
auffällt, nicht immer nachvollziehbar von der geometrischen Logik
(in der Diagonalen), ..., aber vielleicht hatte auch der Rezensent den
schlechten Abend, die Sinnlichkeit der TänzerInnen ging über
ihn hinweg;
Kurzkritik, 8.5.98;
In der Langsamkeit liegt die Kraft und Sicherheit, nicht aber die Spannung,
und die Kunst des Auf- und Abtretenes fällt bald bald der Vorhersehung
anheim. So bekannt und erprobt die Elemente der Choreographie Joachim Schlömers
sind, so souverän die langsamen Bewegungen, Langeweile kommt trotzdem
schnell auf. Vielleicht sind die Assoziationen schlicht zu vage (oder missinterpretierbar),
vielleicht im Gegenteil die Ideen zu abgelutscht, passieren tut nichts
auf der Bühne. Woher der Sog kam, den ein professioneller Kollege
erlitt, bleibt auch im Nachhinein rauml;tselhaft. Der Zauber der Wandlung
kommt über optimistische Ansätze nicht hinaus. Schade.
Die Szene ist unbekannt, Sesseltanz im Halbkreis, die Idee fast extremistisch orginell, Striptease auf der Bühne: Ohad Naharins Bachverallgemeinerung `Axioma 7'! Der unbekümmerte Versuch diesem Bemerkenswertes abzugewinnen erzeugte in den ersten Sekunden ein abstossendes Deja-Vu Erlebnis, später aber dann immerhin phasenweise die Erwartung, dass etwas sich ereignen könnte, also immerhin ein bisschen Enttäuschung,
Dann Vasco Wellenkamps `Sinfonia da requiem' zu Benjamin Brittens Musik, Aufbäumen und tragende Harmonie, mit lediglich einer Epsilonwurzel Differenz zur Musik, nicht über ihr oder in ihr, sondern neben ihr ...................
Das Publikum reagierte erwartungsgemäss: Das abschliessende ethnische
angehauchte Stück `Z' der Choreografin Germaine Acogny ward ein Triumph!
Erzählt wurde, in suggestiven Bildern, die Überwindung des Schmerzes
von Niederlage und Demütigung, der Rückruf männlichen Selbstbewusstseins
durch den ritualisierten Tanz der Frauen. Nur bei der abschliessenden Draufgabe,
der Wiederholung des finalen Freudenfests, wirkte der fröhlich sprühende
Funke feiernder Leidenschaft ein bisschen leer, ward - so schien es dem
Rezensenten - ein Fragezeichen gesetzt hinter die Sammlung aus flammenden
und melancholischen Szenen, die sich zwischen Erzählung einer Geschichte
und Ritual nicht entscheiden konnte und die Vereinbarung zwischen DarstellerInnen
und ZuschauerInnen in Bezug auf die Bedeutung des Bühnengeschehens
inhaltlich wie formal nicht klar genug definierte. (Mag freilich auch sein,
dass sich der Rezensent nur nervte ob der idealen Eignung der ästhetische
Struktur für Schlussbejubelungen.)
Linga danse projet mit den Nouveaux Monstres am Werk im Dunkel der Lichtkegel .... eines der drei westschweizer Gastspiele
Man verfolgt die Frage, weshalb der Tanz die musik nötig hat, bodensüchtig,
stur, in ewiggleichen, einfachen Bewegungen, man tanzt sich gegenseitig
an, freilich ohne dass Kräfte zwischen Körpern sichtbar würden,
zumindest keine anziehenden. Im Dunkel der Bühne gilt darum die Aufmerksamkeit
des Publikums mehr den Musikern lëon Francioli und Daniel Bourquin
................
Pilobolous Too kauft man am besten in der Migros! Dort nennen sie die Pärchenschow nämlich Tanz:
ein amerikanisches Gastspiel , mit Adam Battelstein vom Pilobulus Institut und Rebecca Stern, vormals MOMIX-Ensemblemitglied -):
War es schon vorher recht schön, am Ende kam es noch schöner. Mit durchtrainierten Körpern und blutgefüllten Warzen auf der Brust (wenn dies auf die Entfernung freilich nicht feststellbar war) wurde dem begeisterten Publikum samt entrüsteten Rezensenten eine transhellersche Erotikschau der Superlative geboten: starke, schöne, durchtrainierte Körper, ziemlich im Slip gekleidet, mit knalligen Arschbacken im schummrigen Licht ... seufz ... so schön!
Freilich ist hier einer wie der Rezensent, dem beim Porno schon immer die Dialoge (sic!) am besten gefallen haben (zumindest in der gulten alten Zeit, als es diese - kurz aber oho! - noch gab) sicher der falsche Mann auf der Kulturinsel Gessnerallee. Das Bedürfnis der Menschen nach dem Schönen ist ja ein allseits als solches erkannte. Nur die verbohrte Fixierung auf den Schmerz bringt uns den ewig gleichen Frost. (Und ausserdem waren sie ja auch anstándig gekleidet.)
Doch wer bringt jenen Trost, die sich selber trösten wollen. Diese Form von Schundtheater sicherlich nicht. Immerhin, die Erregung hält einem wach und hilft einem auch irgendwie über einen dunklen Abend wie diesen hinweg.
Vielleicht - um unsere allseits begehrte Konstruktive Kritik zu üben - wäre die Show ja auch gegenüber besser gewesen, auf der Drehbühne, im Kindertheater kitz.
Alles in allem: Ein interessanter Absturz in die kulturellen
Gefilde des Blick, aber nichrs für leicht erregbare Kunstinteressierte!
Breakdance als akrobatisches Bodenturnen. Mit Power und Begeisterung! Und auf hohem sportlichen Niveau.
Nicht mehr wäre tatsächlich viel mehr gewesen. Denn das Künstlerische ist die Sache nicht dieser jungen Leute. Die Geschichte erzählt vom Flüchtlingselend in Yugoslawien, mit einfachen, nichtigen Bildern: Sandsäcken die úber die Bühne schwingen, der Visualisierung eines lichtleitenden Glasfaserkabels und anderen bildhaften Einfällen. Dafür garantiert die ursprünglicher Herkunft der Gruppe (von den Strassen Lyoner Vororst Saint-Priest) immerhin den sozialen Wert der Veranstaltung, oder auch nicht.
Dem Publikum hat es gefallen, es hat die head spins und helicopters
begeistert beklatscht und wie immer die Möglichkeit, dass sie Teil
der Choreographie sein könnten, ignoriert, hat aber auch die Choreographie
am Ende mangels besser dafür Geeignetem bejubelt.
... eines der drei westschweizer Gastspiele und der Steps-Höhepunkt in der Gessnerallee:
Das zentrale Thema dieses beglúckenden, leichten Tanztheaterabends ist der Versuch des einzelnen, sich aus den Widrigkeiten in und um seine Seele herauszudrehen. Der vernunftbegabte Mensch versteckt sich in seinen Bewegungen um zu retardieren. Vorwärts und rückwärts werden eins. Unten klingt die positive Musik. Oben zerlegt der Verstand das Gesehene, analysiert und überwindet.
Doch es gibt mehr. Der Tanz im Mittelstück, erläutert durch die Einspielung zweier Filmsequenzen aus einem Altennnarrenhaus, hat soviel erleuchtende Kraft und ist zugleich doch so ähnlich den Bilder der glücklichen Narren, das sich zwangsläufig die Frage nach dem Betrug stellt: Wer uns? Wir selber?
Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Greift Euch ans Hirn, greift
den anderen ans Hirn, lautet die Botschaft, und neigt den Kopf klug zur
Seite. Und für alle die, die weder selber wahnsinnig sind, noch Sympathie
für die Schwach- und Untersinnigen besitzen, scaukeln lustig die Tittchen
der Tänzerinnen unter dem schweissnassen Kleid. Auch was Herzerquickendes
-)
... aber das muss nichts heissen, denn auch Langeweile kann lösen von der Alltagsbefangenheit - das dritte der drei Westschweizer Gastspiele:
Im ersten Teil ging's lustig zu, mit Scherz und Kitsch, im zweiten wurde es artifizieller, fast Tango, freilich mit so wenig Leidenschaft wie zuvor mit zuviel Humor. Dieser ist meist ein kopfschüttelnder, abgesehen von eiber Szene, in der er sich surrealistisch willkürlich gebärdet, indem das Beinaufwinkeln der Dame mit orgiastischen Schmerzensstöhnern begleitet wird, nach dem Motto gelacht wird, wo es beabsichtigt ist, und einer Strandszene, in der erfolgreich tänzerische Ausdruckskraft in Trivialhumor gesteckt wird.
Ergänzt wurde die leichte wie leichte Unterhaltung durch das gemischte
Samstagspublikum, das sich insbesondere vor der Pause die eigene Ausgelassenheit
mit einem (mehr fröhlichen als) begeisterten Pfeifkonzert feierte.
(Nach der Pause waren es wohl mehrheitlich die Tangofanexperten die dem
eher lauen Applaus Nachhalt gaben.)
Individuelle Individuen, Sportler, Allüren, Menschen von heute, abgekupferte Tanz und Standbilder.
Die Versuchung ist gross, nach diesem Auftritt den Festivalmachern höhere Regie zu unterstellen. Nach der Gessnerallee-Serie, welche wieder einmal aufzeigte, mit welcher Art von Darbietungen man hierzulande versucht, Tanz als Kunstform für Publikum zu behaupten, zeigte Migros (nun wieder im Stadthof 11) mit ODC den ZürcherInnen ein Exempel für die transatlantische Realität.
Theater im Theater, das Theater 11 im Schauspielhaus. Der Auftritt der ODC-Leiterin am Schluss als mütterlicher Lehrerin würde in diesem Magazin als zu plakativ verrissen werden, damit auch jeder merkt, wie nett es zugeht. Zu sehen gibt es artigen, drehgewandten Tanz. Man streicht die jeweiligen Fähigkeiten der TänzerInnen heraus, ein jeder darf in einem günstigen Licht tanzen, woraus durch ebensoviel Individualität ein rechtes bisschen Irritation entsteht, für die die Choreografin nicht mehr Vorschub leistet als zur Harmonie eben nötig ist. So kann sich sich das Publikum ungestört in der Begeisterung der Gerechten ergehen ob der Vitalität und der vielfältigen Proportioniertheit.
Wenn Kunst vom Können oder der Liebe zu den Menschen käme und auch noch schön wäre, gross wär sie, die vermeintliche Kunst von ODC San Francisco. Und Witz, Leidenschaft und Vision fehlten uns nicht.
Der Abend beginnt freilich nie, nämlich modern, dezent, schillernd. Die erste inhaltliche Assoziation ist `Tanzende Pärchen'. Später dann sind es 70-er Jahr Assoziationen oder esoterische, mit denen die Kostüme verwundern, die Aufmerksamkeit darauf ein Symptom der Gesichtslosigkeit der choreographischen Sprache. Die Vorstellung, dass hierin die Zukunft des Tanzes prophezeit würde, so absurd sie angesichts der Fülle des von Migros Gezeigten auch erscheint, so unterschwellig verdunkelt sie das Gemüt als Beispiel für in Malerei und bildender Kunst schon lange befürchtete Dahinschwinden künstlerischer Ausdrucksformen in Vielfalt, Kommerz und Freizeitbusiness. Grausam, ein ganz und gar frustrierender Tanzabend.
Ach, ja.
Es beginnt mit diesem unmittelbaren Gefühl eines mächtigen, souversanen Bühnenzaubers, das ansonsten einen so selten in Zürich bei Tanzaufführungen überkommt. Die Frauen stehen, die Männer drängen sich an sie, die Frauen springen auf den Boden, um über die Bühne zu rutschen, die Männer holen sie zurück, dann kommen die Seile.
Und die alte Balletthematik vom Aufeinandertreffen weiblicher, luftiger Leichtigkeit und männlicher, erdiger Bodenständigkeit, wird neu aufgelöst, im Spiel an den Seilen, in Windbildern, in flaumig steifen Frauen, die von den Männern am Seil in die richtige Richtung gestellt werden. Die Männer nutzen schliesslich die leblose Passivität der weiblichen Körper und bemächtigen sich der Seile, um daran kraftvoll im Gleichklang zu turnen. Am Ende schliesslich, nachdem die Männer schon längst wieder von der Bildfläche verschwunden sind, ziehen sich die weiblichen Wesen in eine dunkle Erdspalte entlang des rechten Bühnenrands zurück, das Leben ist an und vorbeigezogen, so könnte man es überinterpretieren, und dabei wohl viel Wasser irgendwo hiabgeflossen. nur das Feuer kam nie zum lodern.
Ein bedächtiger, präziser, schwereloser Abend, mit einer banalen
als zentraler Idee: Seilturnen.
Im zweiten Teil dann die Kunst die eingeschränkten Beweglichkeiten hinter einer Kulisse mit schöneren esoterischen strichen zu verstecken. Und dann Thgeater, der Tänzer als alter Mann, der mit seiner Ausstrahlung noch immer die Bühne zu beherrschen vermag, nämlich Gary Chryst in Jirí Kyliáns `Double You`.
Zum Abschluss dann, niedliches im Quartett. Da jubelte dann das Publikum. Es war doch schön.
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