Zürcher Theaterkritiken 1997/98,
der Gemeinheiten dritter Teil (Sektion t)

 
 

Was ist los mit Daniela Dunioz --
äusseres Erzähltheater
 
 

erste und vorläufige Version der Kritik,  9. Juli 1998;

Nicht vom Wollen, nicht vom Können kommt die Kunst, sondern sie ist das dem Geschaffenen oder Beabsichtigten Hinzugegebene. Marcelo Diaz Uraufführunhg des Auftragswerks von Suzanne van Lohuizen zum Leben der argentinischen Transsexuellen Mariela Munioz bietet zwei Exempel dafür, wie dies bewusst am Theater evoziert werden und wie es einem unbeabsichtigt, im konkreten Fall technisch-physikalisch bedingt, passieren kann.

Regisseur Diaz und Hauptdarstellerin Mathias Wendel zeigen grossen Respekt vor dem Abbild des Originals - und dies tut dem Erzähltheater van Lohuizens gut, ist der Kern einer runden, stimmigen und ansatzweise stark bewegenden Aufführung. Grundkonzept des Texts ist es, dass nicht Rollenträger sondern Repräsentanten auftreten, die über das Verhalten der Charaktäre erzählen und nur in entscheidenden Augenblicken in die Ich-Rolle schlüpfen. Dies macht das Einhören in die Aufführung nicht ganz einfach, wird aber so souverän von Regie und DarstellerInnen gehandhabt, dass trotz wesentlicher Beschränkung auf die äussere Handlung und emotionales Grimassieren, ein durchgehender Spannungsbogen (aus vielen Teilerzählungen) erzeugt wird.

Der Respekt vor der Hauptperson und die technische Perfektion der Präsentation des Erzähltheaters, zu der auch die musikalische Begleitung, und das geometrisch strukturiert, ausgewogen einfach komplexe, Bühnenbild gehören, verhindert aber auch ein Vordringen zur inneren Befindlichkeit, zu den Schwächen der DD. Sie ist eine elegante, grosse Erscheinung mit wunderschön geformten Brüsten, die gerne vor dem Spiegel steht, erfahren wir - und werden belehrt wie ihre Kinder, dass der Fehler lang vor ihrer Geburt passiert sein müsse, dass sie in einem Bubenkörper geboren wurde, obwohl sie immer schon ein Mädchen gewesen ist.

Nun ist sie eine wirkliche Frau und sammelt Kinder, niemand weiss wirklich, wieviele sie schon hatte. Die schlanke Gestalt Wendels ermöglicht uns die Vorstellung, der Verzicht auf künstliche Kosmetik zwingt uns dazu. Aus dieser Spannung lebt die Vorstellung und darauf ruht die Genügsamkeit der äusseren Schilderung. Wir erleben ein Theater für Kinder und für Erwachsene, keines aber für junge Leute, die tiefer bohren wollen, die verstehen wollen, was es heisst, Mutter zu sein oder auch Frau zu sein. Sämtliche Gestalten sind - cum grano salis - eins mit sich, ungebrochen, mit handwerklichem Geschick gezeichneter Anschein im Hier und Jetzt und in ästhetischer Harmonie zueinander - stark vor allem Fabio Eiselin als Ubntersuchungsrichter und Tania Winter als Anklägerin, die mit ihrer Anzeige die Verhaftung DDs auslöst, unbefriedigend hingegen Wendels klare, senkrechte, dezent menschelnde Darstellung einer glaubwürdigen Dunioz, die nur im opernhaften Schlusspathos kurz über doppelten Boden wandelt.

Am End' wird - erwartungsgemäss - dann abgeblend': die Aufführung endet im Dreivierteldunkeln, diie dreieckige Neon-Bühnenbegrenzung auf der rechten Seite leuchtet in rosa Minimalstärke und das gesicht der stolz hochaufragenden Dunioz ist nur mehr schemenhaft halbseitig erkennbar, gibt so der Phantasie Frahe und Vorwand zwischen weiblicher und männlicher Wahrnehmung zu wandern - bis es blitzt und ganz dunkel wird: simpel ein technisches Problem von Neonleuchten, dass sie nicht stetig abgedunkelt werden können (und es beim Ausschalten blitzt). So entsteht, aus der Not die Untugend eines wunderschönen, fast kitschigen Schlusses.

Vielleicht haben wir diese pädagogische Lehre notwendig, dass das selbtempfundene Geschlecht eines Menschen nicht hinterfragt werden darf, oder die Botschaft, dass Schönheit wichtiger ist als die zufällige Funktionalität primärer Geschlechtsorgane. Und schliesslich ist es Theater für Kinder. Doch mindestens ebenso wahr wie diese Lehre ist die Schlussszene, in der Dunioz von mütterlicher Aufopferung zu erzählen beginnt und ihren Pathos schon beendet, noch bevor die Rede wirklich begonnen hat. Hier ahnen wir, sie ist eine Rollenspielerin - und beginnen uns am Ende  nach dem zu fragen, was dahinter steht, in ihr. Erkenne zuerst die Form, bevor Du Deinen Blick auf ihr Wesen richtest. Dass dies rührend gelingt, ist die grosse Leistung von Diaz und seinem durchwegs überzeugenden Team. Die Besetzung der Frau als Mann ein Glücksgriff.