in Arbeit, 2. Juli 1998;
Was versetzt das Publikum, oder einen grossen Teil davon, in dieser Inszenierung in Euphorie? Die Ideen, kann man vielen Gesprächen bei Verlassen des Theaters entnehmen. Dass einer solche Ideen hat ... liegt es einem auf der Zunge in das eine oder andere Gespräch Zynismus zu streuen.
Das Gelächter quer durch alle Reihen stellt diese Behauptung freilich in Frage. Gelacht wurde über die ältesten Witze, und auch über Reden aus den ersten Nachkriegsjahren, deren Vortrag der bisweilen aus dem Zuschauergebüsch röhrenden Zustimmung zum Trotz die Zweifelhaftigkeit mehr denn die hineininterpretierbare Lächerlichkeit betonte, beispielsweise zu Beginn in Ernst Wiecherst Rede an die deutsche Jugend, personifiziert hingehaucht als breite, schwergewichtige Komik, welche sich auf keine Klarheit der Interpretation einlässt, wo es diese nie geben kann: in Vaterlandsfragen.
Kirchenpforte und Klaviernische. Anna Viebrocks holzausgekleideter Hochsaalbunker passt in den charmlosen Aufführungsort und lässt Möglichkeit. Die deutsch gestyllten Köpfe der Darsteller geben sie an. Der Erfolg dieser Produktion liegt nicht im Inhalt, in den Texten, sondern in den Köpfen der (zuschauer-)Leute. Er trifft ihren menschlichen Kern, auf deutsche Kosten. Der Preis den er dafür bezahlt ist die Beliebigkeit des politischen Inhalts (und manch ehrliches Zeitungslob klingt vernichtender als jedweder erlogener Sarkasmus). Nicht der Musik und Musikalität der Regie fällt das Wort zum Opfer, sondern der Stimmung und ihrem Erfolg.
Die Grösse dieser Kunst konnte man beim Festival `Hope und Glory'
in `Home Sweet Home' beobachten, in dem eine Marthalerin Regie führte
- und uns vor Augen, wie öde Marthalers Ideen sind, wenn ihnen seion
Geschmack fehlt. Ob Marthalers Schauspielhausdirektion damit aber ein Glücksfall
oder der Verfall für die Zürcher Theaterszene werden wird, ist
eine so offene Frage, dass es einem kalt über die Haut läuft.