Zürcher Theaterkritiken 1997/98,
der Gemeinheiten dritter Teil (Sektion n)
(PAGE 25_K of Zurich's Cynical Theatre Guide)
July 1, 1998
 
Gastmahl nach Platon im Vortragssaal des Kunsthauses --
in effigie: das Theater Neumarkt auf der Suche nach erotischer Erkenntnis
Kritik in Arbeit, 28.6.98;

Theater für Männer, richtige Männer, Möchtegern-nichtsogern-Männer. Die Liebe, die Tugend, kein Saufzwang ...so lecker könnte das Leben sein, wenn es ein Kunsthaus-Neumarkt wäre.

Ein undiziplinierter Liebhaber, eine matriarchalische Lehrerin und die Arbeit, mehr braucht man nicht.

Regisseur Müller begibt sich auf die Suche nach dem Eros, findet - wenig originell aber gut - Sokrates fürs männliche Publikum und Komödiendichter, Arzt und Big Smalltalker für den Rest. Eine Auswahlschau männlicher Erotik, dekorativ ergänzt durch halbvollschlanken Musiker und androgynen Japaner.

Die Gestalten aus Platons Gastmahl tanzen im wirklichen Leben, eitel und schön. Die Gläser - vorerst - weit von sich geschoben, mit Kreide bewaffnet sitzen sie am Theatersteg als selbstgewählte Schulbank, um den vernachlässigten Gott Eros zu preisen: Ein subtiles und billiges Bild für die deutsche Begeisterung am Lernen, an der Männergemeinschaft -- und ein überragender Kontrast zu Marthalers aufs heimelige, ausdünstende gerichtete, Grosssaalphantasien, welche am nächsten Abend ihre (triumphahle) Zürcher Premiere finden (und in denen ebenfalls eine Frau die ausgesourcte, dominante Rolle in all-men-Konzert spielt.)

Den Zuschauer empfängt ein halber Blick auf die glatte Brust der Dekorationsfigur, dann ein Blick in den Garten, Männer in Weiss und Schwarz, Hemd und Hose und Rock, fröhlich und blöde, schon aus der Entfernung, durch die Tür und die Fenster in den Garten, als Herren des philosophischen Gedankens erkennbar. Man treibt Gymnastik vor dem Symposium, der Arzt, Intellektuelle und Sokrates, widersprüchlich, gegenteilig, Platons finaler Rechthaber, oder doch Schauspieler, welche in effigie der Beschriebenen Platons Beschreibungen vortragen, rollen- nicht mannorientiert.

Und ... Sokrates vertreibt sie, denn er ist besser, oder besser, er kommt nicht daraus. Er verführt, sein hahnebüchener Charme verführt seine Freunde, sich seinem Tadel zu unterziehen, und wird verlassen von den weibischen Weltmännern, denen doch nur die Alternative zwiscbhhen Saufen und Ficken geläufig ist, denen Reden nicht Ersatz sondern Vorspiel. Zwei Biederkerle bleiben freilich bei Sokrates und rehabilitieren so (ärztliche?) und Komödienkunst. Der ätzend reaktionäre Brandstifter und sie Erfolgreiche sind bei Platon noch eins in der Freundschaft

Nicht immer gelingt es Müller und seinem Team, die Schatten zwischen den Spielern in effigie und den Spielern im Gastmahl im richtigen Ton zu zeichnen, aber die Mehrfachheit der Rollen in Rollen, oder wie sie da so sagen, gewährt dem Text jene chaotisch komplexe, zitierende Relativierung, die als Spielgrund für das betörende Moralin Sokrates notwendig ist.  Neben Michael Maassen, der als Sokrates in seinem Öl ist, beeindruckt vor allem Alexander Tschernek als wilder enntäuchter Liebhaber (Alkibiades) des Sokrates, aber auch Hanspeter Müllers Vortrag der  Mannweibtheorie Aristophanes mangelt es nicht an bildlicher Überzeugungskraft. Bei der Premiere nicht wirklich stimmig hingegen war die Art und Weise, ewie sich Gilles Tschudi in der Rolle des Agathons unsicher oder unwohl fühlte.

Alles in allem eine respektvolle und sensible Transkiption von Platons Text, welche beweist, dass der Glaube an ëinen Text, den überflüssigsten Reden Bedeutung zu geben vermag.
Anders formuliert, Philosophie und Inszenierung ist eigentlich schwach und unbefriedigend - aber einfach geil!!! Go and see it!!!!!