Zürcher Theaterkritiken 1997/98,
der Gemeinheiten dritter Teil (Sektion i)
(PAGE 25_J of Zurich's Cynical Theatre Guide)
June 4, 1998
 
die schwarze spinne nach Jeremias Gotthelf
als Neumarkt-Produktion im Theaterhaus Gessnerallee
Teufelstango, und es läuft das Volk im Kreis,
oder die Parabel vom unpolitischen Menschen
Version 4.6.98;

Dunkelheit, ein kurzer Lichtschein, ein paar Gestalten über die Bühne, wieder Dunkelheit ....

das Neumarkt möchte sich seine Legende erschaffen, in der ausgeräumten Theaterhalle der Gessnerallee, und scheitert ...

das Volk sammelt sich auf der Bühne und klagt, klagt sein Leid über den tyrannischen Ritter von Stoffel, der ihm auferlegt hat einen Schattengang innert eines Monats zu pflanzen ... incipit tragoedia ... fromm vorausgesetzt, der Zuschauer sei vertraut mit der Geographie des Emmentals und kónne die Unmöglichkeit des Angeschafften ermessen  ...

hoch droben, auf der  normalen Bühnenseite ein Balkon für den Adel, das Publikum an den drei anderen Seiten verteilt, in der leeren Mitten trampelt und taumelt das Volk, wehklagend, aufgescheucht, Rettung fordernd ... und tanzt die schmächtigen Frau aus der  Gegend vom Bodensee mit dem Teufel Tango ....

doch unpolitisch bleibt's (wie das parallele Jungtheatermacher-Festival Hope&Glory) und so erzählt Regisseur Volker Hesse die Parabel über den Untergang des unpolitischen Volks am Beispiel des Scheiterns von Theater, das weder Stellung beziehen noch explizite Fragen stellen will: wer nicht reflektiert, dem bleibt nur die Wiederholung der gleichen Rituale und am Ende hat keiner Mitleid mit ihm, sind Zuschauer und Teufel seiner überdrüssig ...

mit ordentlichem Handwerk kommt dabei für das Publikum ein fetziger Theaterabend heraus ... Genaueres liest man besser in der NZZ ... der sich zwar schon lange vor dem triumphalen Schlussappaus totspielt, aber doch etwas hergibt ...

Hesses (und Textautor Widmers) naiver Zugang zur Spinnengeschichte in Gotthelfs Geschichte über den Tanz ist, zweifelhaft und bewunderungswürdig: er verweigert sich der jetztzeitigen Analyse von Gotthelfs Text und setzt mit der Gestalt des Pfarrers dem Volk (die KritikerInnen haben es demonstiert) provokant eine religiös christliche Figur zum Missverstehen vor, in ihrem Handeln nicht unähnlich dem Original, auf die er mit dem Auftritt von (Pseudo??)-Apokalypse-Engeln, noch eines nachdoppelt.

Mit dem Totspielen hat es folgende Bewandtnis. Hesse projeziert das Original auf ein Ende im totalen Schrecken, was entweder ein barockes Lehrschauspiel sein könnte, in dem freilich die ursprüngliche Schuld des Ritters von Stoffel im Vordergrund steht und nicht der Pakt Christines mit ihm, dem im Schauspiel wenig Sündhaftes ansteht, oder ein eigentlicher Tanzabend. Da für ersteres die Moral fehlt und anderes auch nicht nahegelegt wird, bleibt nur letzteres, ein Tanz, vier- und vielfüssig, vom Leid über die Liebe in den Tod, eingekesselt von Engelsschranken, schön - wenn es denn nicht nur Tanzeinlagen wären ins Schauspiel und das oft akkustisch schwerstverständliche Geschwätz, getarnt als Rock, nicht die Aufmerksamkeit auf die Geschichte lenken würde. Und wenn, müsste man freilch, im Fall das letzteres nich passierte, anfügen, denn, nach allem, mehr als nur fürs Schauspiel gefälliger Tanz geboten würde. So bleibt der Tanz - wie auch die Musik - nur multimediales Plug-In, und der Zuschauer sucht anderwertig dem Sinn.

Was aber findet man, wenn man den Differenzen-Subtext studiert? Eine erotische Liebelei zwischen dem Teufel und Christine statt eines billigen, gespitzten Kusses, und eine Richtung der Erzählung auf das tödliche Walten der Spinne hin, womit die Aufführung auch endet.

Mangels eigener schlüssiger Interpretation der Inszenierung aus sich selber heraus, sucht der gebildete Zuschauer diese und diesen in der Differenz zum Original (und die coole Kritikerin findet sie dann wohl auch).Während Gotthelf sich als Erzähler geriert, der auch über das Erzählen erzählt und die Sicherheit des Verständnisses seinen Lesern verweigert, gebärdet sich Hesse als Theatermacher, der erfolgreiche Stücke macht und dabei viel Staub, oder in diesem Fall graue Konfetti, aufwirbelt  - eine naturgemäss ungünstige Opposition für ihn, in der er eine Menge Regiegeschick aufbietet und dafür sorgt, dass es denn rauscht im saale und ordentlich etwas los ist, wenn der Tanzchor kreist. was die Zuschauer prompt in zwei Lager spaltet, jene - Profis wie Profis - welche bei Notiz desselbigen ein Defizit an Regieideen beanstanden und jene - Profis wie Amateure - welche sich (aufschnaufend die nette Dame vom Stuttgarter? Handelblatt neben dem Rezensenten) begeistern ob der Fülle an Gezeigtem.

Der Teufel ist in der Widmer/Hesse-Interpretation ein Top, der sich ein Kind zum Erziehen wünscht. Er ist der Gegenspieler des Sadisten Ritter von Stoffeln, der sich am Schinden und Schlachten ergötzt - nur dass der Teufel ausserhalb der göttlichen Weltordnung steht (zu deren Führern von Stoffel gehört) und deshalb das Kind für ihn ungetauft sein muss. Schlimmer noch: Der Entzug seiner ihm versprochenen, lebendigen Entlohnung durch die Taufe(n) hat eine todbringende, alles vernichtende Naturkatastrophe zur Folge, die schwarzen Spinnen, die sich über alles und jedes ausbreiten - denn die Schuld kann nicht aus der Welt geschwindelt oder (mit Kreuzzügen?) geschlagen werden. Ob die Spinnenpest vom Teufel selber ausgeht, bleibt allerdings auf der Bühne, anders als in der Erzählung des Grossvaters bei Gotthelf, unklar, mehr als zweifelhaft und die Einstellung des Teufels dazu diffus. Fatum'st.

Aus diesem, vom Irdischen auf das Höllische übetragenen, traditionellen Rollenverständnis, beziehungsweise aus der kreativen Natur des Teufels im Widerstreit mit der religös gestützten Weltordnung, eine konsistente Geschichte zu entwickeln, steht Autor und Regisseur freilich nicht nach dem Sinn. Man müsste dafür die Geschichte gar durchdenken. Da singt der Teufel (Neuenschwandner) lieber und zeigt sich in vielerlei Gewändern. Und am Ende, nachdem endlich alle tot sind, wendet er sich genervt vom Geschehen ab: weder seine eigene Geschichte, noch seine Rolle, noch sein Aufstand haben eine Moral, welche mehr her gäbe als audiovisuelle Eindrücke. Fatum'st.

Das Volk tut - vom irdischen Standpunkt aus - recht, mit ihm den Pakt zu schliessen, denn die Alternative wäre, dass alle vom Ritter hingeschlachtet würden. So besteht, wenn überhaupt, Schuld nur im Verkauf einer unschuldigen Seele. Dies scheint in unserer säkularisierten Welt und bei einem so anständig wirkenden, flexibel gesichtigen, Teufel, ein Anachronismus. Nur, die schwarzen Spinnen insinuieren eine solche Schuld derentsprechend eine Auflösunge im Überirdischen, die sich der Schuldfrage annähme, eine natürliche und notwendige Konklusion des Bühnenunheils wäre (die freilich nicht jener Gotthelfs gleichen müsste).

Die Produktion aber entschlägt sich eines derartigen, analytisch metaphysisch esoterischen Schlusses (ebenso wie eines ständekritischen, historisch politischen) und verzichtet auch auf alle Anspielungen auf moderne Mythen. Stattdessen stellt sie die traditionell geometrisch orientierte, choreographische Gestaltung in den Mittelpunkt und kontrastiert diese mit den Ich-bezogenen Auftritten der Berner Rockgruppe Patent Ochsner. Deren Leadsänger (Büne Huber) fungiert als Erzähler, der gelegentlich Jeremias Gotthelffs Beziehung zur eigenen Geschichte aus dieser - bewusst falsch - interpretiert und sonst seinen - meist stückunabhängigen - persönlichen gesellschaftskritischen Kren reibt.

Alles in allem dem Resultate nach ein Regiekonzept mit ambivalenten Erfolg: einige faszinierende Momente, einige schöne geometrische Elemente gekonnt ins Licht gesetzt, ein bisschen viel allzu laute Musikpower, und, vielen Fragezeigen zu den einzelnen auseinanderfallenden Komponenten

Die künstlerische Intention der Einbeziehung von Patent Ochsner ist eines dieser Fragezeichen - so es denn eine solche gab neben dem kaufmännischen Zweck, der freilich voll und ganz erfüllt wurde, wie der Jubel für Patent Ochsner (im Gegensatz zum ansonsten zurückhaltenden Applaus) bei der Premiere zeigte. Grund für die Bravorufe, so es denn einen brauchte, war dabei wohl die Tatsache, dass Patent Ochsner auch Tango spielen können :-) "o horror dei o dies irae vester stupor est in aeternitatem"

Ein anderes ist der oben zitierte Auftritt der vier apokalyptischen, hohen, roten Engel, dessen Bewegungsmuster als Thema später von den Massenszenen aufgegriffen wird. Die Engel bedrängen auf den Bahnen einer vierstrahligen Spirale einen Einzelnen, der zwischen ihnen hin und her flieht. Die Szene bietet weder eine augenscheinliche Assoziation zum Schuldthema oder zur überirdischen christlichen Dimension des Stücks, noch gliedert sie sich in den Handlungslauf unmissverständlich ein. Statt dessen zeigt sie - einmal mehr - das Problem des zeitgemässen Tanzes auf, der sich nolens volens als Theater vekauft: Geschichte und Geometrie verlangen unterschiedliche ästhetische Muster, welche einander oft stören. Der in der Engelszene exemplarisch verpfuschte Übergang zwischen Theater und Tanz ist, letzlich, nebem der gescheiterten inhaltlichen Integration von Patent Ochsner, und dem unfertigen philosophischen Konzept, der Hauptgrund für die Verflachung der Spannung im letzten Drittel. Dabei ist freilich die Szenerie in der leeren Theaterhalle stets gehaltvoll genug, um den tieferen Sinn anzudeuten. Beispielsweise passiert die Flucht des Einzelnen in der Engelsszene in einer virtuell anderen Ebene als das Zugleiten der Engel, was der dramatischen Logik widerspricht, aber die Móglichkeit einer anderen eröffnet. Und die horizontalen Gestalten der Engel stehen im orthogonalen Gegensatz zur ebenen Bewegung. ...

Bevor da die finale Langeweile und Gleichgültigkeit aufkommen, bietet das Theater Neumarkt einige attraktive, szenische Zuckerln, deren zentrales der Christines Pas-de-deux  ist, der Tango, mit dem die emanzipierte, hochdeutsch Sprechende, die Frau aus der Fremde, für ihr Dorf den Pakt mit dem teufel schliesst. Im musikalischen Kontext des Gesellschaftstanzes finden hier Theater und Tanz zueinander, schaffen Spannung und Schönheit, wecken dramatische  Erwartungen, über die dann, von einigen Szenen abgesehen, der Tanz hinwegmarschiert bis in die enervierenden Auf und Abs des massenhaften Sterbens am Schluss.

Diesen Weg ins Verderben, dessen erotischen Kern Christines Kuss für den Teufel gezeugt hat, gehen Iszenierung und Handlung gemeinsam, Schatten gleich, in konsequenter Parallelität. Immer dunkler wird es und die Lichtregie setzt nur mehr matte Helligkeitsflecken für den Widersatz von Müttern und Pfarrer gegen das Böse, zu dessen Befriedigung die Bauern bereit wären und das uns im Publikum erst so gar nicht unheilvoll schien. Vielleicht sollte hier unsere Reflexion ansetzen.

Neuenschwandners Teufel ist kein offensichtlicher Verführer, sondern einer, dem nachzugeben Sachzwang erscheint. Er ist so wenig böse wie er je wahr und doch bringt er das Verderben - eines dem nicht einmal grosser Schrecken eignet. Lustig seine Feder bei Gotthelf, und doch seine giftige, grüne Natur sofort erichtlich, ist er bei Hesse und Widmer als Teufel noch viel weniger erkennbar, nur einer, der über Zauberkünste verfügt und über menschliche Wünsche. So hat auf einer Metaebene das Stück doch seine eigene Mahnung, auf der Teufel und Christine nur Mittel als vernünftige Menschen sind, dass das böse Handeln von Stoffels die tödliche Strafe gebären kann. Doch fehlt dieser der spinnige Schrecken, zeigt er sich allenfalls auf der Haut des Volks nicht aber im Gesichte Christines wie in Gotthelfs Geschichte als fettes, giftig dreinblickendes Tier. Dieses visuelle Manko kann die Choreographie nicht wett machen und auch nicht die Musik, deren Texte zu direkt rüberkommen (soweit sie verständlich sind) und weder die Kraft zu analytischen Katharsis haben noch als Teil des Spiels indirekt Aufklärung und Lösung geben könnten.

Weil sie selber eine Leere spürten oder dieses Gefühl publikumsseits vorausahnten, stellt Huber zuletzt neuenschwandner die Frage, was nun denn geschehen soll, da alle tot sind - und gibt diesem Anlass, es allen Kritikern zu sagen: "Nerv mi net!" Es ist alles verkorkst und dies soll Handlung sein.

Mit Christine als Désirée Meiser im orangenen Kleid könnte die Aufführung stehen oder fallen, tatsächlich verharrt sie in schiefer, bequem geknickter Haltung.

So ingeniös auch das mit SchauspielerInnen und klobigen Bergschuhen aufgeputzte Laienvolk in den Massenszenen choreographiert ist, es schindet kein Mitleid. Die echt schwyzerische Gestaltung der exemplarisch Volksfiguren als nicht zu auffallende individuelle Charaktäre vermag dem Leiden des Volkes nur wenig Gestalt und seinem (im übrigen kaum akzentuierten) viechischem Verhalten kaum Gesicht zu geben. Die Einzelnen sind nicht fassbar und die Stimme, die sie dem Volk geben, erntet nur freundliches Interesses, keine tiefe Sympathie. Gefühle kommen allenfalls ob der Leibhaftigkeit des Ritters von Stoffeln auf, in Erinnerung bleibt aber später hauptsächlich das Detail der blutigen Füsse des Bauernvolks.

Doch auch wenn das Spiel kein Mitleid zu gewinnen vermag, so bleibt es im Handwerk doch stets sorgfältig genug, in unseren Köpfen sinnliche Eindrücke zu malen ob des physischen Geschehens, das im Tanz und dem Stehen oder Liegen der Leiber lediglich skizziert wird.

Und dann, finalemente, Hoffnung auf Rettung hat der Zuschauer längst aufgegeben, das lange Sterben des Bauernvolks. Würde man die Geschichte nicht kennen, wäre dieses auch erst im Ende als solches verständlich, was die Wirkung nicht eben stärkte. Würde man die Geschichte kennen, erwartete man gleichwohl nichts anderes nicht. Doch - frau kennt  Gotthelfs Geschichte und wird vom mühsamen Tod des Halblaien-Ensembles bewegt. Immerhin.

Teuflischen, oder im Gegenteile engelshaften, Geistern stiess im Nachhinein der Verdacht auf, dass beim Inszenieren der Geschehnisse nach dem Kuss die Regie sich schon auf die Applausgestaltung hin orientiert hat und dabei auf die Geschichte vergass: ein Kreis laufen im Triumpf, beklatscht und bejubelt, Tempo! Tempo! Tempo!, den Staub der im Finale niedergegangenen Aschenkonfetti  ins Publikum wirbelnd ... was für eine einfallsreiche Choreographie!

Im übrigen muss der Rezensent, der brav wie alle andern die nachfolgenden Umtriebe ignorierte und der Aufführung applaudierte, darauf hinweisen, dass höchstwahrscheinlich die ganze Inszenierung anders gemeint war, als er sie hier beschrieben hat. Die - meist unverständlichen, dafür laut - vorgetragenen Liedtexte stellen wolhl den Versuch einer zeitgemässen Auseinandersetzung mit der Geschichte Gotthels dar .... dem wir uns nun hier für einmal - ganz saufrech - verschliessen.

... allenfalls ein Kostpröbchen: "mach mie mächtig, mach mi muetig, mach mie männlich mondän, I wott meh viel meh als me mir git, I ha me verdient als me mir git, I zahle alles zrügg wo me mi git, du chasch ds liebschte ha wo's i mur git, du chasch ds fynschte ha wo's i mur git, du chasch ds reinschte ha wo's i mur git, du chasch ds töifschte ha wo's i mur git, du chasch ds wermschte ha wo's i mur git, du chasch ds weichschte ha wo's i mur git, meh han I nid, nimms! aber nimm mir d fuuscht  us em sack!"

das liesse sich freilich interpretieren ...

doch jetzt genug geschwätzt -Finis.
 


3 `Lesungen' im Neumarkt-Theater,
eine besser als die Aufführung selber
Notiz in Arbeit, 6.6.98;

Schwüle Hitze, eine Handvoll Zuschauer: Libgart Schwarz von der Berliner Schaubühne liest die Geschichte von Alâ Ed-Din Abu Esch-Schâmat aus den Märchen aus 1001 Nacht, noch drückendere, dumpfe Schwüle und anderthalb Handvoll Leute: Klaus Henner Russius liest `Die schwarze Spinne' im Original, strömender Schweiss und ein fast voller Publikumssaal: Blixa Bargeld gibt eine Performance, getitelt Rede/Speech, und ebenfalls vor, zu einer Lesung eingeladen worden zu sein.

Was ist los, wo 19 Vorstellungen "die schwarze spinne' in der Gessnerallee-Produktion des Neumarkts ausverkauft sind (und das schon vor der Premiere) und zur Lesung des in Zürcher Landen äusserst poülären Vorlesers Russius gerade vielleicht 20 Leute sich ins Publikum setzen? Nur der nahende Sommer? Oder ist die Aufführung so mies, das keiner mehr den Originaltext hören will. Aber was ist mit den Bildungsbeflissenen, denen der Besuch in der Gessnerallee noch bevosteht und die sich hier informieren könnten vorher, wie das so üblich ist (zumindest bei vielen den vielen Deutschen in Zürich)?

Avantgarde-Theater ist - offensichtlich - zum Event verkommen, das Neumarkt ein zweites (ein bisschen schwärzeres) Schauspielhaus.Dies ist gut für alles, was unterbewusst unter Event schubladisiert wird, aber schlecht für die Kunst auf der anderen Seite der Logik.

Libgart Schwarzs Art zu lesen, zu erzählen, ist ein Erlebnis der besonderen Art - und wenn mam mal wieder, wie der Rezensent, sich nicht informiert hat, was man denn da am Abend erleben soll und mit welcher Persönlichkeit - weil, Titel und Namen sind sc/hallender Rauch, oder wie - dann auch ein recht lehrreiches. Ihr neurotisch gehemmtes, krampfhaft herausgestrahltes Lächeln weckte schlimme befürchtungen, einem bildenden Insidereignis à la Kammertheater Stok oder gar einer Amateurvostellung, erdulden zu müssen. Und so fängt sie, mit einer alles andere als festen Simme, an zu erzählen ... und wir lauschen, gebannt und transpirierend, dem alten, eigenschaftslos Zauber  von menschicher Dummheit und Weisheit und seiner dizipliniertesten Meisterin, der auch am Ende das Lächeln kaum lockerer  ...

Ganz, ganz anders Russius.Er zieht mit Schwung seine Grimassen, ballt die Fäuste, lebt den Text vor. Doch aucxh ihm gewinnt der Text einen Zauber an Klarheit, so gestrig wie heute, eine Geschichte von jener - wertfreien - Moral, der es der Bühnenversion fehlt.

Wie in den Geschichten aus 1001 Nacht wird uns auch hier die letzte Sicherheit der Tatsachen verweigert, wäre diese mit den Mitteln der modernen Technik eruierbar. Dementsprechend ist beiden Erzählungen das esoterische Verständnis in die Wiege gelegt, nur dass dieses nicht so recht überzeugt, in diesen Geschichten, in denen Klugheit, Analyse und Tatkraft Rettung bringen.

Nocvhmals anders Blixa Bargeld, ein anständiger deutscher Junge, der einer ungeprüften Esoterik schon eher vertraut und rhytmisch geometrisch seine Kompositionen live aufbaut (nachdem er uns erklärt hat, dies werde eine von Ballast einer Lesung befreite Lesung werden).Er versucht auf einer kabarettistisch ironischen, urteilsfreien Metaebene gewisse Implementierungen menschlichen Denkens (Kunstaufführung ohne Kúnstlerpräzenz, hopeful monsters, ...) zur Diskussion zu stellen, um sie dann als Musik alias Dichterlesung - distanziert - zu verkaufen. Trotz guter Stimme, guter Elektronik und wirkungsvoller bühnenpräsenz vermochte er damit aber (bei der ersten Vorstellung) nur die wenigsten zu begeistern. Viele verliessen offensichtlich enttäuscht das Theater. Sein Pech, dass er seine akkustischen Architekturen so gut präentiert, dass ihre Ausweglosigkeit offenbar wird. Es gibt bei ihm kein leiser, sondern (im zeitlichen Ablauf) nur ein lauter - und keine  Alternative zu einem wirklich lauten Ende eines Stücks. Auch wenndas Anschwelen der Phonstärke jeweils seine innere logik hat, und die Methode, oirgendwann, wenns laut ist, abrupt abzubrechen ihren Reiz, in der Wiederholung ist die Performance einfach spiessig.

Wie auch immer, hörenswerte Lesungen alle drei. Ein schönes Zwischenspiel des Neumarkt vor dem Saisonabschluss mit den zürcher festspielen.
(siehe auch Judiths Liebe, Charming Stories - the movie for your ears, ...)

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Cafe Philo im Neumarkt,
Marktgeräusche
 
 

Notiz:

Ist die Wirtschaft der Fein der Gesellschaft oder nicht? Die Aufnahme eines Cafe Philo fürs Sonntagmorgenfernsehprogramm - im Theater Neumarkt: mit zwei ModeratorInnen, einem Dozenten und einem mitdiskutierenden Publikum:

Zuerst reduziere man den Markt auf das Geld. über den Preis, und nur über den Preis, kommen Geschäfte zusammen - so die These, die unwidersprochen bleibt (und den meisten als solche vermutlich nicht einmal bewusst wird). Und dann haben wir ein Informationsproblem (wozu wir vom Dozenten nur wenig mehr erfahren als dass Information letztendlich ein Synonym für Wahrheit sei), sollen eine Weltordnung schaffen (welche das Publikum mehrheitlich den Dozenten nicht abkauft) und Nischen suchen ...:-(

Implizit wird das anwesende Publikum in all seinen möglichen Rollen im gesellschaftlichen Zusammenleben ermahnt - nur eine Rolle wird konsequent ausgespart: die des Arbeitnehmers. Dem eine Moral zuzutrauen, das traut sich keiner.

Frau Koch war auch anwesend.

Demnächst an einem Sonntagvormittag im Fernsehen.