June 1, 1998... so zumindest sah es die Jury des 1. Swiss Open on Stage (SOS, augenblinkblink) und wählte dementsprechend aus: 5 Stücke mit mehr (3x) oder weniger (2x) intensivemWohngeruch: das erste explizit, die nächsten beiden von der Geschichte her, das vierte mit Föteli an den Wänden illustriert und das fünfte mit dem Haupttheatersaal des Neumarkts als Wohnraum für die Grossfamile der Zürcher Kulturinteressierten.
Vor allzutiefer philosophischer Analyse hat dabei die Theatermacher anscheinend ihre Jugend bewahrt. Ziel der Übung war, parallel zur "schwarzen Spinne" des Neumarkt-Theaters "ein Festival mit lauter jungen oder allenfallas noch nicht etablierten, also weitgehend noch unberühmten, aber selbstverständlich unheimlich zukunftsträchtigen Bühnenschaffenden" (Richard Reich, Mitglied der Auswahls-Jury) zu veranstalten. Es ergab sich dabei, dass die Form der fünf ausgewählten Produktionen jeweils eine Variation der Gattung 'kompositorisch durchgestaltetes Fragment' war der Inhalt die ironische Präsentation der eigenen Welt (so man vermuten darf).
Zynismus oder gemeiner Sarkasmus sind, so insinuiert das Festival, den Theatermachern von morgen fremd. In Zeiten, in denen Peymann die Führerschaft in der politischen Aufarbeitung der Zeitgeschichte für die Theater reklamiert, rufen Gessneralle und Neumarkt uns "Back to the Roots" zu - zurück in den Eigengeruch. Und dieser duftet lieblich, weil jugendlich frisch und ironisch knackig zugleich.
In dieser Weise setzen Theaterhaus Gessnerallee und Theater Neumarkt einen wichtigen Akzent, denn sie geben den Jungen Gelegenheit, ihre apolitische, selbstbezogene Kunst der Öffentlichkeit zu zeigen. Für einen Fortschritt beim kulturellen Wandel sind solche Gelegenheiten wichtig. Demokratie lebt, mit welcher Regiesform auch immer, von künstlerischen Stellungnahmen.
Das "aber", das Sie, geschätzte LeserIn, zwischen den Zeilen hier
vielleicht wahrnehmen, gibt es nicht - es sei denn, Sie setzen es in die
Welt. Wem das Gezeigte zu wenig bot, der möge für immer schweigen,
bis er etwas zu reden hat. Und alle andern dürfen für die Veranstaltungsreihe
dankbar sein.
Gelangweilt steht und schwitzt man, oder kämpft gegen den aufkeimenden Sommerschnupfen an, mal auf dem einen, mal auf dem andern Fuss. ... erster Versuch einer Kritik.
Nicht dass wir sie dem verdienten städtischen Herrn mit den kurzen
weissmelierten Haaren nicht gönnen würden, aber sein Interesse
für die Gürkelchen (und das Verschmähen der Käsestückchen)
die dargeboten wurden, war zumindest nicht weniger interessant als der
Rest des Schmarrens, den uns das Theaterhaus Gessnerallee als Aperetiv
für das gemeinsam mit dem Theater Neumarkt veranstaltete Nachwuchsfestival
HOPE AND GLORY servierte. ... dies war der zweite Versuch, doch
Die Theorien waren richtig und nichttrivial, die uns zum Thema Wohnen
angeboten wurden, aber allzu platt. So klappte denn der Übergang zu
Dummschwatz oder zu theatralen Mini-Becketscherzchen an Marthaler bruchlos.
Eine Analyse des Phänomens, das wir in der einen oder anderen Form,
dem Wohnen und seinen Utensilien so viel Aufmerksamkeit schenken, fehlte.
Und da Geschehen und Gegenstände beim Rezensenten auch keinerlei Assoziationen
hervorriefen, blieb ihm schlicht gar nichts von dieser Produktion: nur
der Verdacht, hier haben junge Menschen ihre eigene Welt auf die Bühne
ehrlich gestellt ....... und dies war der letzte Versuch
Teater wie wir es heute machen würden, wenn wir uns nicht aufs Kritisieren beschränkten. Furchtbar.
Drei Frauenlebengeschichten im selben Apparment - bunt gemischt und ohne Begleittext unentwirrbar.
Rezept: Man nehme 3 propere, junge Schauspielerinnen ... und fertig ist das intellektuelle Theater. Das heisst: der rezensente ZuschauerIn sitzt nicht nur die schmalen, harten Sitzpolster auf Holzunterlage wie nichts weg, findet sich zwischen Textcollageschnipseln dreier oder mehr Geschichten zurecht, nimmt die multimedialen, lyrischen (Licht und Laute) Konstrukte analysierend war, erfreut sich am Nebeneinander von Inhalt und Bewegung, sondern er klatscht am Ende auch noch beheistert.
Doch leider, jene Ärsche, die alle obigen Verhaltensmuster zeigten, den tieferen Sinn erschürfend, mit der fehlenden Atmosphäre im Kopf, wären am Ende grantig. Doch keine Theaterkunst? Ja,ja, ich weiss, hehehe.
Mangels Klarheit können die Geschichten ihre Wirkung nicht entfalten und liegen im Widerstreit mit dem `soundscape' der dargestellten Örtlichkeit und miteinander. Der manieristisch ausgestaltete Kontrapunkt aus kleinen Bewegungen der DarstellerInnen zieht die Aufmerksamkeit mehr ab, denn sie auf Stimmungen zu fokusieren. Dem Thema Wohnen kam man damit zwar nebenbei näher als beiim Auftakt Home Sweet Home, ein sinnliches Wohnerlebnis der jeweiligen Szenarien der Geschichten wurde aber nur ansatzweise vermittelt und eine Reflexion des Zusammenhangs kaum animiert.
Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden, wenn es je verstanden werden kann. Das ist die einfache Grundlage des Geschichtenerzählens ... (G.Perec) - Aber da fängt das schon an komplex zu werden, mit diesen Geschichten.
Im Separee, da gibt es dolle Sachen und auch Kaffee. Diesmal nur 1 Geschichte, der Komplex dafür zerfleddert in noch mehr Fetzelchen - Regie André Becker
Man sitzt gemütlich im Wohnzimmer, die Sesseln zum Dösen bequem. Die 2 mal 2 DarstellerInnen leben ihre Neuroserln aus, das heisst sie sprechen kurze Passagen aus dem titelgebenden Monolog von Tom Jansen. Sie führen sich dazu auf, meist schauend, grinsend. Damit gewinnt der Text im Einzelnen Leben, doch das Ergebnis steht in keinerlei Verhältnis zum zeitlichen Aufwand. Und das anfängliche Getue um die Findung eines persönlichen Platzes für jeden Gast, das zuerst mit lächelnder, wohlwollenster Sympathie von den meisten ZuschauerInnen wahr genommen wird, verkehrt im Laufe des Spiels seine Wirkung ins Gegenteil, verstärkt mit der Enttäuschung der geweckten Erwartungen die Wahrnehmung des Missverhältnisses zwischen Dauer und Inhalt.
So merkt man den meisten irgendwann die Mühsal an, die Augen offenzuhalten. Doch der live gebraute Kaffee rettet die Inszenierung. Zurück bleibt freilich wenig. Die dargestellten Beziehungen der 4 Darstellewr ein und derselben Erzählerfigur haben den Inhalt des Monologs verwischt und uns nur die Erinnerung zurückgelassen, dass Theater im Wohnzimmer nicht funktioniert.
Mit anderen Worten, der Tisch ist gedeckt. Die Familie ist wieder beisammen...alles
scheint wie früher ....
Der Regisseur kommt aus der BWL. Noch aus Hamburg. (Doch unbestätigten Gerüchten zufolge, will die Univ. St.Gallen in die Theaterbranche einsteigen, mit dem Virtual Software House ....:-)) Theater als virtuelle Weichware - manchmal; und mittelfristig wird es wohl so seinen Bestand sichern. Nur implementiert muss es bisher immer noch werden. Das ist das Restrisiko, dem man nur mit harten Visionen beikäme ...
War es im übrigen nicht schlecht, vom einen oder anderen Ablauf abgesehen. Draussen an der Bar gibt grüne Spinne, picksüss. 5 Leute, die in den 80'ern ihre Pubertät erlebten, erzählen drinnen davon und von ihrer nachfolgenden Jugend. Das Publikum darf dabei auf den Drehsesselchen routieren und goutiert es mit blinkenden Augen im strahlenden Wasserglanz, oder mit trübsinniger Langeweile. Entscheidend hierfür wohl primär die Musik, wieviel eine kennt.- und die Veranlagung, wie einer den Anblick an properer, erwachsener Jugend im Publikum geniessen mag.
Freilich - wo den TheatermacherInnen die intellektuellen Ambitionen fehlen und der Zeitgeist zu erbarmungslos zuschlägt, muss sich der Zuschauer selber fragen, was seine Jugend war - und was aus seinen Zielen wurde.
Die Antwort ist dumpfe Lähmung, Enttäuschung über die Oberflächlichkeit der Aufführung, der Vorgeführten, die einen nichtsdestotrotz oder deswegen gerade noch beflügelten. Entsetzliches totales Fehlen eigener Ziele und Visionen, damals und heute. Hat man jemals welche gehabt? Irgendwann? Irgendwelche?? Nie keine? Wirklich.
Spät kommt sie dann doch, die Melodie der Lieder, die man als Fünfzenhnjähriger den zukünftiges Klischee der eigenen Jugend definierte. Und gleichzeitig die üble Erinnerung an damals, die andere Seite der logic, Clarissa war ihr Spitznamen. Und später dann an der Universität - grauenhafter Kitsch - 50 Jahre und 3 Monate danach: wer zuspät kommt, der bestraft die Aussitzer.
Wenn wir alt genug sind, haben wir damals gesagt, werden wir schon die
Positionen bekommen, die wir verdienen. Ein schwerer Irrtum. Bleibt wirklich
nur Rosie und die Herztropfen! Auf! Auf!! Nimm Deine Welt, schöne
LeserIn und geh! Dein Theater hat sich für dich verwendet! Die Show
ist eine Primitivität sondergleichen, Dein Leben sicher auch. Küsse
süsser als Wein - wie das VOR unserer Zeit geheissen hat.
Die Aufführung besticht durch ihre investigatorischen Fragen - wer bin ich, was bin ich, was macht so eine Sextelefonistin, überwacht uns die Polizei, wie schaut es historisch aus? - und durch ihr schönes Publikum, das man beim freien Herumspazieren im halbdunklen Vorstellungsraum in Musse anschauen kann - lauter Leute, die sich Mühe geben zuzuhören und mit Ernst und Fröhlichkeit nach einem Gehalt Ausschau halten.
Mit Perücke in der Telefonzelle erzählt die coole Mona von den Utensilien ihres Telefonistinnenberufs und dem tropfenden Kerzenwachs am anderen Ende der Leitung,. Über das gewonnene Schoggi-Handy freut sich ein anderer live am Telefon. Wie im Radio. Und am Ende warnt der endliche moralische Zeigefinger vor dem Schicksal von Pyramus und Thisbe.
Dazwischen werden wir zeithistorisch aufgeklärt über die früheren, ersten Ängste, erleben zeitgeistiges Theater und schauen zu, wie einer wirklich ein Telefonbuch aufisst, Nummer für Nummer, gesundheitlich unbedenklich. - Viel um nichts. Im wirklichen Leben, so darf man/frau zufrieden nach Hause gehen, rauscht, säuselt und brüllt es existentiell spannender. Dort versuchen Lust und Verzweiflung mit Macht zuzugreifen über die Leitung. Wenn eine Stimme kommunizieren muss und eine andere telefonieren ...
Auf was für wirkliche dumme Ideen einen das Theater immer wieder bringt - seufz!
Übungsfragen zum Selberlösen:
coyright by Reinhard Riedl