May 16, 1998Und Theater ist halt, manchmal, schlau, um nichts und Nichtigkeiten, die Tiefes zu erschürfen begehren, mit der lüftigst sublimissesten Poetisiererei, oder wie sie da so sagen.
Mit feinfühligem Zynismus voll zarten Fingerküpplis von Andeutungen stellen Autor Hürlimann und Theater Schauspielhaus dem Publikum einen Pfirsich hin. Oder Regisseur Düggelin. Der schmunzelnde Gag der ersten Szene, Gottfried den Keller die Girlanden für die Jubelfeier zum 70sten im Grandhotel selber aufhängen zu lassen, erweist sich im kurzen, aber langatmigen Lauf des lyrischen Abends als Knebel, an dessen herzlich schmunzelndem Humor alle weiteren Szenen abstinken. Hürlimanns Versuch als Schweizerischer Mamet, der mit abstrakten Transformationsprinzipien arbeitet, endet - dank einfacher und humorloser Gesinnung der Regie - erfolgreich blamabel, vor allem für das Publikum, das mehrheitlich die philosophischen Bravigkeiten mit - fast - begeistertem Applaus bedankt.
Spannend sind an dieser Inszenierung nicht so sehr die zwei Hauptthemen Entfremdung im eigenen Gebiet bzw. vom eigentlichen Leben und Volkskultur als Kitsch der Hochkultur, sondern die zahlreichen kleinen Rätsel, die den ZuschauerInnen aufgegeben werden über die Beziehungen der Bühnencharaktäre untereinander oder den Kontext der Szenerie, in der die Geschichte gerade spielt. Das Fragmentarische der Textvorlage aus 4 unanbhängigen Teilen - Staatsdichtergeburtstagsfeier, Volksliedkomposition im Internierungslager, sechziger Wohnturmwohnwelt, Volkskomponistengeburtstag - multipliziert diese Spannung fürs Publikum und lenkt damit dankenswerterweise von den ein bisschen allzuleicht dahingestreuten, psychologischen Inhalten ab.
Die Aufführung krankt unter anderem an der forcierten Sprunghaftigkeit ihres Diskurses. Der Text skizziert nur, verwendet aber dabei neben groben auch feine Striche - ein Problem das Düggelin zu überspielen versucht - mit pavarottesken Resultaten. Burghart Klaussner weiss nicht, wie er der Rolle des unmusikalischen, vermeintlichen Volksliedkomponisten Indergand charakterliche Identität geben soll und versucht sich dadurch aus der Affäre zu ziehen, dass er die eigene Hilflosigkeit als die Indergands ausgibt. Dies wirkt allenfalls in der letzten Szene glaubwürdig, in der Indergand vor Ärger über die unsichtbaren Widerstände in der Welt stirbt. In der Szene im Internierlungslager aber, in der Indergand eine polnische Insassin zu `überreden' versucht, für ihn ein Volkslied zu schreiben, das er als das seine am Geburtstag seines Vorgesetzten aufführen könnte, fehlt mit Klaussner schlicht die Hauptfigur, woran auch die Nebenfigur, Maren Eggert als Polin, scheitert.
Mangels Widerparts spielt Eggert ähnlich hilflos wie Klaussner, sowohl als (Schönberg künstlerisch verpflichtete) Komponistin jenes einen Liedes, das Indergand Abermillionen einbrachte und als auch als deren Tochter in der Schlussszene. Ihr Verhalten im Internierungslager ist nicht nachvollziehbar, das in der Schlussszene uninteressante und überflüssige Reaktion. Die Erklärung, sie sei durch die Biederkeit des suppenlöffelnden Feldweibels Indergant so fasziniert, das ihr nun Schönberg zum stimmigen Volksempfindungsgut werde, wäre ein brillianter intellektueller Witz, wenn er denn als solcher gebracht würde (und sich vielleicht gar eine Begründung dafür fände), statt dass mit schlupfigen, poetischen Abstrusitäten psychologisierend davon abgelenkt würde. So aber ist es eine intellektuelle Laune einer poetischen Formulierung wegen, der der ästhetische Bezug innerhalb der Aufführung - so meinen wir - fehlt.
Der rote Leitfaden der Inszenierung ist, dass Bühnenbild, Text,
Handlung, visuelle Botschaften der Akteure - und im Fall Eggerts der
Klang der Stimme - nicht zueinander passen und die Assoziationen zu dern
Handlungsteilen auf einer sehr hohen Abstraktionsebene angesiedelt sind.
Daraus resultiert eine für die Pfauenbühne bemerkenswert groteske
Chat-Situation, in der man sich den Sinn selber denken kann aber nicht
muss. Dass am Ende der Schwellwert der Peinlichkeit nicht überschritten
wird, liegt einzig daran, dass der Gag, Indergant an der Stelle sterben
zu lassen, an der Keller in der ersten Szene eingeschlafen ist, gar nicht
mehr lustig, sondern schon wirklich traurig ist. Ob das vom Autor vielleicht
doch ein bisschen anders gemeint war, werden andere Inszenierungen zeigen.
Diese hier ist vorerst einmal der zweite Publikumserfolg der Saison (nach
Brechts Johanna). Trotzdem, das Lied der Vorprüfung ist auf jeden
Fall um Klassen pikanter als jenes der Heimat. Jedes Semester wieder, in
diesem Theater.