April 13, 1998Wie beginnt die Bibel? Ich frage Dich, Leser, wie beginnt die Bibel? Wie! Beginnt! Die! Bibel! Nein! Nicht am Anfang... ! -- Wie! - Beginnt! - Die! - Bibel! ^^^^^ Geld zuerst! ***** Geld zuerst! Ja! Jahh, so beginnt die Bibel! --- So oder zumindest so ähnlich lautet die moral dieses deutschen Biederstücks. Ja!
Aber - aber sie beginnt doch so nicht! &&&&&&&&&& Mit der Bibel hat es immer dieses Aber. Ein derartiges immerhin lassen Regie und Text an uns vorbeigehen und begnügen sich mit Alicechens kleinem aber. Und schon geht sie auf, die Welt der Assoziationen, der geöffneten Wunden, in denen die Furchtbarkeit zur frurchtbaren Schönheit sich klärt. Die Metapher des schönen Arschlochs, dessen Wunden sich beim Lecken blutend öffnen, reizt den Ekel selbst im Nachhinein. Das Messer, das hineinfährt beim Liebesdienst ist für sich Ausdruck des ganzen Grauens unseres Lebens. Auf der Bühne freilich ist dies verpackt in wunderschöne Bilder, der lustvolle Todeskampf letzter Akt in einem Ballett der ausgelebten, vor und gegen sich selber, letztendlich in sich selber hinein, gerichteten Gefühle.
Aus der engen Baracke des deutschen Theaters in der Weite des Theaterhauses Gessnerallee ins Eck gestellt verliert Shoppen und Ficken seinen grausigen Schrecken und die Kapitalismuskritik verharmlost zur erzwungen Farce. Übrig bleibt die Bebilderung kleinbürgerlicher Beschämtheit und persönlicher Schmach. Selbstverständlich wird dabei noch immer gegen das eine oder andere Tabu verstossen: Die oben zitierte Szene pappt völlig unerwartet einen moralischen Schluss auf das vermeintlich nur Fürchterliche und dreht die Perspektive so unglaubwürdig unbegründet willkürlich wie souverän in eine richtung, aus der die intellektuelle Analyse des Bühnengeschehens sich geradezu aufdrängt. En passant und wird dabei das alte deutsche Kabarettzitat 'beim happy-end wird abgeblendt' sinnentleert in Szene gesetzt: Das Paar, das dank dem bezahlten mörderischen Liebesdiensts ihres Wohnungsherrn seine Schulden bezahlen kann, entrinnt nicht nur der angedrohten Verstümmelung, sondern die Schuld wird ihm von ihrem Kreditgeber erlassen, nun da sie gelernt haben, dass zuerst das Geld kommt.
Aber aus dieser zynischen Sicht überzeugt die romantische Handlung nicht. Es sind die naturalistisches Bilder und ihr postmoderner Expressionismus, aus denen sich der Sinn des Dramas fügt, auch auf Kosten eines kleinen Deltas, das sich auftut zwischen der brillianten, künstlichen Echtheit des Spiels der Darsteller und einer psychologischen Glaubwürdigkeit der Handlung. Die Szenen sind stets um jenes (variable) Delta treffender als die Wirklichkei, zugleich aber, so speziell die schwule Handlung auch ist, fast allegorisch universell.
Getragen wird dies von allem Anfang durch das unmittelbare Gefühl, dass hier die Darstellung über dem Gespielten steht, einer verzaubernden Sicherheit mit der Bewegungen, Dialoge und lichtspiele gesetzt werden, die in ihrer Schönheit phasenweise fast physisch schmerzt. Dies ist freilich eine Regieanlage, an der ein grösseres Stück zugrunde gehen müsste. So keimt doch gegen die Pause trotz Handlungsreichtums Desinteresse auf, trotz eines musikalisch unterlegten Rhythmus, mit dem man einfach mit muss oder müsste.
Konsequenterweise folgt dem (sehr realistischen) schlampigen Chaos auf der Bühne vor der Pause - da könnte sich das Theater an der Winkelwiese in Bezug auf ihre Schlussszene ihrer Schwarzenbach-Collage etwas abschauen - nach der Pause die Leere auf der Bühne. War vor der Pause die Welt im Kopf das Thema, so ist sie nun die Bühnensituation. Mit Telefonsex versucht man verzweifelt das geschuldete Geld zusammenzuverdienen - zu zweit auf drei und mehr Telefonen gleichzeitig - und das latente Kleinbürgertum bricht nach aussen durch: Sie versucht sich ein gemeinsames Mittagessen zu ertricksen, er denkt nur vernünftig ans Überleben und flippt dabei fast aus.
Mit minimalistischer Eleganz führt die Regie die Handlung zur tragödischen Kulmination und Katharsis. Vorstellung und Wirklichkeit werden dabei nicht unterschieden, sondern die Vorstellung wird als Wirklichkeit thematisiert und in bunten Lichtbildern untermalt. Der realen Lutschszene in der Umkleidekabine wird eine eingebildete auf der Toilette mit Diana und Furgie gegenübergestellt, die so primitiv witzig ist, dass es einen schier zerreisst vor Lachen. Der entscheidende Regietrick, der dieses sarkastische Konzept funktionieren lässt ist die Mischung aus Maskenspiel und Tanztheater, ein Theaterspielen aus dem Körper heraus, mit Situation und Charakter identifizierenden (dezent) expressiven Bewegungsmustern, die im Laufe des Abends auch zu gelegentlichen Tanzfiguren mutieren. Kulminativer Höhepunkt, vom grösstenteils informierten Publikum lange erwartet, ist der tödliche Fick mit dem Messer, die weitere Steigerung durch die Realisierung des fehlenden Schlusses einer alten Phantasie.
Auf die Frage nach der Motivation für den Freitod gibt die Regie keine Antwort. Sie beschränkt sich darauf die Suche eines Menschen nach dem starken und alles endenden Liebhaber zu zeigen. Das Theater hat hier seine Grenzen, unklar, diffus, unverständlich: antwortlos. Das gleiche gilt, wenn auch scheinbar in geringerem Masse, für die Tat des vollstreckers, der kontrapunktisch nach der gleichen Liebe sucht. Eine Antwort bekommt nur die unausgesprochene Frage nach dem Warum des happy-ends. Weil ihr es jetzt gelernt habt. Aber was?
Diese Gedanken beschreiben freilich nur einen Teil dessen, was auf der Bühne geschieht, oder im Kopf. Vieles bliebe noch zu diskutieren, über eine empfehlung fährt aber jedenfalls die Eisenbahn drüber: Wenn Sie die Gelegenheit haben, die Inszenierung (an einem anderen Ort) zu sehen, nutzen sie sie. die Wirkung mag in ihrer Schattierung anders sein, dunkler, grauenvoller oder noch klarer und schöner als in der Zürcher Gessnerallee, ein verzaubender Abend dürfte es in den meisten Fällen sein.
... diese Kritik ist in Überarbeitung ...