Zuercher Theaterkritiken 1997/98,
der Gemeinheiten dritter Teil (Sektion c)
(PAGE 25_C of Zurich's Cynical Theatre Guide)
April 12, 1998
 
Ein gefallener Engel im Hotel Schweiz alias Villa Tobler -
die Besichtigung einer schönen alten Villa
 erste Kritikskizze, 12.4.98;

Kurz vor dem Umbau bietet das Theater an der Winkelwiese die Besichtigung ihrer bisherigen Herberge, der Villa Tobler an. Halb verfallen und doch wunderschön zieht sie uns mit ihrem Charm und Jugenstil-Dekor ein vielleicht letztes Mal in ihre Atmosphäre: Wie eigenartig muss es gewesen sein, darin zu leben, und wie mühsam, das Treppensteigen. Das Theater darin in ihrer ersten eigentlichen Zeit war wohl ein anderes als jenes, das an diesem Abend den Leidensweg der Annemarie-Schwarzenbach nachzeichnen soll (und dem man es ansieht, dass es schnell, nur hudri-wudri zusammengekleistert worden ist). Wieder einmal scheitert ein Zürcher Theaterabend an der Billigkeit und Obeflächlichkeit der intellektuellen Analyse. Als wär es ein Studentenstück haben Peter Kelting und sein umfangreiches Regieteam (nebst ihm selber Siegfried E. Mayer, Enzo Scanzi, Birgit Kempker, Ulrike Hofmann, Johanna Lier, André Becker, Heidi Mumenthaler und Martin Gantenbein) wesentlichenteils dramatisch kaum behauene Texte von Schwarzenbach und anderen in die verschiedensten Räume gestellt, durch die zwei parallele Fúhrungen gehen, die (nach der ersten Szene geteilt) sich nur in der Mitte um am Ende überschneiden.

Hauptattraktionen sind neben einem Old-timer, der Villa selber und unmotivierten Kletteraktionen ihm Hof, deren Vorführungszweck schon jenseits der Peinlichkeit offensichtlich ist, eine Inkarnation des Pfeffermühle-Kabaretts, der die emotional packende Diskussion der Primats der Familienzugehörigkeit über Freundschaft, Moral und Gesetz folgt. Leider bleibt diese Szene zwischen Tochter und Mutter nebst Beiwagen die einzige, in der die Tragik der Annemarie-Schwarzenbach fühlbar wird. Allenfalls noch in den Reportagetexten Schwarzenbachs gewinnt der eigentliche Gegenstand des Abends schwermütige Faszination. Meistr abe verhindern der Dilettantismus von Regie, Einrichtung und Spiel jedwede Annäherung an die an sich schon zweifelhafte Textdramaturgie. Die angeblich wesentliche Frage nach dem Talent und die Frage nach der Ausbildung Schwarzenbachs sind Maestro Kelting leider nur Bon-Mots wert, die zwar ansatzweise die damalige, uns heute von ihrem Wesen her fremd erscheinende, Gesellschaft (mit Literatur in der Wolle gefärbt) skizzieren, aber nur bis zu dem Punkt, da es heisst invipit tragoedia - von nun an nur mehr teilweise für intellektuelles Begreifen bestimmt.

Ohne Programm wohl völlig unverständlich ist manches mit der im Programm mitgelieferten Lebensgeschichte assoziierbar, doch statt dem Schicksal Schwarzenbachs bleibt nur die Erinnerung an eine mit naiven Mitteln angefertigte Collage - dies genau freilich verspricht der Untertitel.