Zuercher Theaterkritiken 1997/98,
der Gemeinheiten dritter Teil (Sektion b)
(PAGE 25_B of Zurich's Cynical Theatre Guide)
April 12, 1998
 
 
 
 
 

Zyrikon - vergebliche Eiersuche
oder doch nur der Versuch zählt am Schluss

 

zweiter Entwurf einer Kritik, 12.April '98;

Das Schauspielhaus versucht sich romantisch praemarthalerant in der Liga Vagueli und nennt dies, frei nach Zürich, Zyrikon. Dabei macht man sich über alles lustig, was einem so einfällt - vermutlich sogar über die Schweiz, so wie es halt Russen und Deutsche verstehen. Derartiger Unverschämtheit applaudierte das animierte unverständige Kritikervolk einhellig mit lblutigen Blumen aus Spott und philosophischem Tiefsinn. Kühn ward gar der Vergleich mit der Burg im Osten gewagt - auf Freikosten eines Erkenntnisgewinns von fast tragödischer Trivialität: Jeder Theaterabend ist anders! (Kreisch!) Von soviel gescheitem Zynismus ermutigt schmäht nun das Volksvolk seinerseits das Bühnengeschehen mit Livekommentaren (quasi als transrelativistische a posteriori Überholung  der Kritikumtriebe des Fernsehens im Osten). Einziger Wermutstropfen in dieser derart inspirierenden, allerseits hohnvollen, subsubtil inspirierten Veranstaltung ist nur, dass das Urteil der KritikerInnen, so minim sein jeweiliger aufführungsbezogener Kern auch wäre, diesmal sachlich richtig ist.

Manch geschwätzig glatten Mannes hohle Leere erkennt man erst beim Anblick seiner vulgären Partnerin. Umgekehrt gilt es freilich auch. Spielfreudige Inszenierung sind (hoho NZZ, wir könnens auch!) dort am besten, wo nicht gespielt wird auf der Bühne. Die besten Augenblicke hat - wir müssen dies hier leider schreiben um unseren Zynismus gegen die Konkurrenz zu verteidigen - demgemäss naturgemäss die Inszenierung mit den Videoappearances der Frau Dörte als Dada-Geisha: Ein Blick vom Lindenhof auf Zürich, oder vom Bürkliplatz auf den See, so hellsichtig, so klar und herrlich praktisch nichtssagend - und dann noch mit einer Geisha! In den wenigen off-line Sequenzen gewinnt die Sprache des Stücks Form und Ziel, und es deutet sich Grösseres an, ..., Unfug zu nennend, vor der Pause.

Nach der Pause sucht sich die Regie wieder ausserfamiläre Vorbilder, bei Bühne, Film und Fernsehen, denn: hier soll verarscht werden die zeitgemässe Kunst. Doch diese besteht (da legts Du Dich nieder, geschätzte Leserin!) und demonstriert, dass sie zu spotten zuerst verlangen würde, es besser zu machen.  Geboten wir leider nur ein ganzabendliches Rätselprogramm: Wo waren die Pointen versteckt?

Gewiss ist nur, dass es viele davon gegeben hat. Recht nett beispielsweise war das Spiel mit Kamerperspektiven in den Livevideobildern zu Beginn, mehr witzig gemeint denn tatsächlich dramatisch spannend hingegen erschien das diagonale, langsame über die Bühne Schreiten des Berglers, eine Szene an der nur die Frage nach dem tieferen Sinn der dilettantischen Lichtkegelführung die Aufmerksamkeit beschäftigte. Die Regie schafft es nicht, oder will nicht, der Handlung mit ausgewählten Ideen Struktur geben, sondern sie stellt viele der zahlreichen Ideen des Texts echt-schwyzerisch demokratisch gleichwertig nebeneinander, weshalb letztendlich das Spiel auf der Bühne sich nie entfalten kann: so absurd die Spielsituation der Erarbeitung einer Theateraufführung von Dornröschen mit den Gefolgsleuten des Mafiabosses Zyriko, so kurios die Proben auf der Alm, so wenig wird von Autor und Regie insgesamt daraus gemacht.

Am Ende bleibt nur die (immerhin interessante) exemplarische Erkenntnis, dass in der hochsophistizierten Atmosphäre eines liberalen Plüschtheaters selbst der biedere Wunsch, eine Zuschauerin zu melken, nicht von selber seine triviale Perversion offenbart. Und so fährt nach einem fröhlichen Morden der bösen Buben die Mafiabraut Bagira mit dem Regisseurliebhaber Stanislawski im Panzersarg in den Zürichsee, wo sie auf Wladimir Iljitsch  und all die anderen bunten Fische Zürichs treffen, ein Phantasiebild, so selbstverständlich, dass die Inszenierung doch nicht ganz so schlecht sein kann, oder.