Zuercher Theaterkritiken 1997/98,
der Gemeinheiten dritter Teil (Sektion a)
(PAGE 25_A of Zurich's Cynical Theatre Guide)
June 4, 1998
 
 
 
 
 

Die heilige Johanna der Schlachthöfe - nix Sentiment,

oder warum verständlich, wenns auch anders schön ist 

da die Kritik anfänglich als Gedankensammlung rezeptiert , einige Erweiterungen im Frühling beigefügt :-)

Fern postpostmoderner Zeiten zelebriert Regisseur Luc Besson Hochgeschwindigkeitsbrecht, i.e. episch-dialektische Hochgeschwindigkeitskultur. Im blutgefärbten, lederwändigem Königssaal führt Mauler den Liberalismus vor als die Praxis der unvollständigen Märkte, in denen das Glück entscheidet und einer fast sicher gewinnt, er. Artistisch artifiziell eilt das PtotagonistInnenpaar durch den lukullisch zitatreichen Text Brechts: Johanna tritt mit überzeugender Bühnenpräsenz auf im Bezirke, heraus aus der Schar derer, die in den Diensten von Heilsarmee und Gesellschaft ein wohltätig gutes, belangloses Leben führen,  Mauler dräut seine Zerrissenheit zu wirtschaftlichen Leistungen im Verein der Geschäftemacher vodergründig zu Lasten dessen Mitglieder.

Zeit für Reflexion oder sentimentelle Erregung wird dem Publikum hierbei keine gewährt. Wer ist Mauler? Aus welchem Weltverständnis nährt sich seine Künstlichkeit? Die Regie verweigert, fordert das technische Können Samuel Fintzis ein, erlaubt ihm aber keine psychologisch nachvollziehbare Interpretation, die ihn aus dem Kontext des Chicagos Anfang der 30-er Jahre lösen würde. Der Ansatz zur zeitgeistigen horrible date story ist der Verweis auf den Text, den so recht wohl keiner im Publikum zu fassen vermag. Mehr nicht. Zu Beginn darf man zwar noch schauen, wenn der Johanna die Schlechtigkeit der Welt, die menschliche Bereitschaft im Warmen zu überleben, vor Augen geführt wird, danach bleiben aber die Ansätze zum Theaterspiel Makulatur: das Marionettenpuppenspiel mit den Derivativhändlern auf der Podeststiege, Ort von Handel und Wandel, die Vordertür-Hintertür-Szene in der Zimmerschachtel, Widerspruch zwischen visueller und politischer Geometrie, die Sofaszene zwischen Mauler und Johanna, nicht heiss, nicht kalt, ... . Und Johanna? Stirbt am Ende. in der text- und fahnenschwingenden allgemeinen theatralischen Geschäftigkeit. Die Bühne am Ende doch ein Schlachthaus.

Mauler ist zwei Comicfiguren, kapitalistischer Geschäftemacher und Bildungsbürger, aussergewöhnlich in beidem, von hoher Begabung und glücklichstem Stern. Die Inszenierung bringt dies auf den Punkt fast und legt die Spannung in das kleine Delta an Psychologie, das die Figur als Mittelmass von der Verwirklichung im doppletem Extrem trennt. Oder sie greift ebendort ins Leere. Der Regisseur setzt dem ein Zeichen, in den mühlradartigen Schaufelbewegungen, das dem Mauler die Welt symbolisieren soll - und doch ein Graben ist, ein Schürfen. Mauler geht nicht nur den Weg des Erfolgs, sondern auch den der Erkenntnis.

Erklärung seines Verhaltens gibt dies nicht: sein Reiben der Sprache, sein cooles Entgegekommen gen Johanna sind sein Charakter. Johanna ist nur ein Objekt in seinem eigenschaftslosen Zoo. Wenn es nicht so ernst wäre, man nennte es eine typisch männliche Tragödie, der es freilich nicht an Geld- und Machtgier mangelte.

Rhetorisch so weit so gut geschlagen. Zumindest ein weiterer Text der Weltliteratur zum Lesen empfohlen. Und im übrigen eine Show, die kulturinteressierte man/frau  gesehen haben muss - eine wichtige Produktion, oder wie sie da so sagen - allerdings mit hoher Konzentration, gell, sonst rolpert die Aufführung über Sie drüber.
 
Brecht hatte, übrigens und überhaupt, mehr recht, als er verdiente. Mauler ist heute Exempel des modernen Managers, wie es zeitgeistige Theaterumtriebe sonst selten hinzustellen vermögen. Sein Schweben über dem Abgrund zu noch und noch höherem Aufstieg, der Schein der Kónigstreppe, auf derer casual herumspaziert ... nur die Bildung ist halt so unrealistisch. yep.



dieser Text befindet sich noch in Arbeit

einige zusätzliche Bemerkungen:

Mauler ist zwei Comicfiguren, kapitalistischer Geschäftemacher
 

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