Zuercher Theaterkritiken 1996/97,
der Gemeinheiten vierter Teil
(PAGE 14 of Zurich's Cynical Theatre Guide)
(from the point of view of content) June 23, 1997
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We shall not elaborate on the meaning of the icons used on this page, as you will easily deduce it yourself (and anyhow, they have been chosen arbitrarily.) We just note that neither `cool' nor `hot' relate to physical temperature, while the red square indeed does relate to physical (though not poltical) colour.
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LIST OF ALL 39 REVIEWS - (somewhat) ordered by date:
FIRST PAGE:
Heinrich, der Fuenfte, im kitz -- wie im Bernhardtheater 

Version zur Originalproduktion: 30. 9., abends,
eine Kritik zur Wiederaufnahme erfolgt noch, oder auch nicht (
)
Der graue Engel im SHZ-Keller -- keine Diva 
in Überarbeitung, 3.10. mittags;
Mephisto im SHZ -- Tatsachentheater 

vorläufige Version 2.10., abends;
Das letzte Band im Neumarkt -- Beckettschwientek 

Version 6.10., abends
-
Saisonbeginn im September -- Kinderglück
(Kommentar zu den ersten vom Rezensenten gesehenen 11 Premieren) Version 3.10. mittags;
Polenliebchen in der Gessnerallee -- Magic Summer 
Version 6.10., abends;
Die Blinden in der SAZ -- identitätsstiftend 

Version, 10.10. abends
SECOND PAGE:
THIRD PAGE:

Engel, Wohnung Sex, 3. Stock, Hohlstrasse 30 -- lehrreich 



in Arbeit, 8.1. morgens;

Ausser Kontrolle -- eine billige Sexkomödie im SHZ 
in Arbeit, 8.1. abends;
Rote Schuhe -- ZDF-Theater im kitz 

in Arbeit, 14.1. abends;

Lilas Ungeheuer -- eine aufgekochte Masturbationsphantasie im Keller an der Winkelwiese 

in Arbeit, 23.1. abends;
Leoce und Lena -- Disneyland im Bernhardtheater 
Skizze, 31.1. mittags;
Der grosse B in der Gessnereallee -- ein bisschen feig, trotz oder wegen der Geheimprobe 

in Arbeit, 30.1. mittags;

Playstation smells like teen spirit -- Unbedarftes in der SAZ 

in Arbeit, 29.1. abends;
Es läuft der Frühlingswind durch kahle Alleen ... im SAZ-Podium -- esoterische Menschenfeindlichkeit, oder wie ein erfahrenes Grunzli sich als Karamelkrapferl verkaufte, und dabei manches aus einem altbekannten Schatzköfferchen hervorkam ... 


erster zorniger Kommentar, 15.2. nachmittags;
Herzland in der Herzbaracke -- kleine grüne Weibchen mit verführerisch schwellenden Dekolletes 

Skizze, 15.2. nachmittags;
LAST PAGE: (this one)
Hamlet im SHZ -- eine wirtschaftskritische Provinzposse 

erste Version, 14.2. morgens;
Defekt - ein Versuch über das Böse -- kalter Kaffee im Steinfelsareal 

unvollendete Skizze, 11.3.97;
Im Lichtermeer im SHZ-Keller -- Bernhard in Amerika, halbtrocken 

erste Version, 11.3.97, kleine Korrektur 24.3. abends;

kopf oder zahl im Theatersaal Rigiblick -- heiss oder kalt 

17.3.;
Szenen einer Ehe -- virtuose Eheleier im Schauspielhaus 
Skizze, 25.3.;
Mein Herz - niemandem -- ein aufschlussreiches Outing 

in Vorbereitung, 22.4.;
Gorom Gorom! -- ein Halali 

Skizze in Arbeit, 22.4.;
Faust II im Neumarkttheater -- oder das Ewigweibliche, oder 

Version, 27.5.;
Janisis -- das Stuttgarter Staatstheater zelebriert deprimierende Langeweile im Zürcher Neumarkt 

Kurzkritik 29.4.;
Wölfe und Schafe -- in langer Sitzung 
Kurzkritik, 2.5.97;
Heiraten -- degoutant Österreichisches im Kammertheater Stok 

erste Version, 13.5.97;
Ein Abend mit zeitgenössischem Tanz und Musik im Theatersaal Rigiblick 

erste Version, 13.5.97;
Romanzen und Affären in der SAZ -- immerhin 5 Sekunden spannend 

vorläufige Version, 27.5.97;
Der Menschenfeind im SHZ -- eine glatte Angelegenheit 

unfertige Version, 26.5.97;
Indien im Schauspielhauskelller -- ein beeindruckendes Sterben 

in Vorbereitung, 29.5.97;
`Unsinn', eine Performance im Rahmen der `7 Sinne' im tanzhaus wasserwerk -- mit lehrreichen Konzeptfehlern 

eine erste Skizze, 32. Juni 97;
Hamlet im SHZ -- eine wirtschaftskritische Provinzposse

erste Version: 14.2. morgens;
Das geisterhaft weiss gepuderte Trugbild von Hamlets Vater als schlechter Schauspieler lässt die Katastrophe schon früh ahnen. Symbolhaft wird sie in Form von roten Herzerln der stets auf Contenance bedachten Mutter beim Spiel im Spiel ins Gesicht geschleudert und tritt die ZuschauerIn am dichtesten auf der Metaebene der ässeren Form, nämlich der Textpräsentation, an - in der berühmten Seinsfrage. Hamlets Sterben schliesslich bringt sie, unter fröhlichem Publikumsgelächter, zum dramatischen Abschluss im Widerspruch von Zuercher Herzlosigkeit und Shakespearescher Poesie, der sang- und klanglos, die moderne Frau nennt es unsensibel, in der dünnen Suppe vierstündigen braven, modernen Klassikerherunterspielens absäuft.
Fast zum Trotz ergreift der schweigende Rest dann doch, zum ersten und einzigen Mal in diesem Schauspiel ohne Tragik, doch ist dies mehr zufälliger, wenn auch unvermeidlicher Kontrast zur inszenierten Lustigkeit, denn Konsequenz derselben, heilsamer Schock. Das Drama endet, ein - wenig - überraschend, mit einer sich - für Zürcher Schauspielverhältnisse - in Bravo-Rufen schwer verausgabenden Publikumsbegeisterung, sei es, dass die zum Selbstzweck gewordene Posse gefeiert wird, oder im Gegenteil Shakespeares finale Durchkreuzung von Laufenbergs Regie, sei es, dass das Klassische an sich bejubelt wird, oder die moderne Interpretation desgleichen, oder sei es, dass frau schlicht stolz auf sich selber ist, 250 Minuten lang die schwer auf der Spannung lastende schwarze Atmosphäre des Schlosses Elsinore ausgestanden, respektive -gesessen zu haben. In Erinnerung bleibt von all dem freilich wenig.
Sein oder Nichtsein, ist in Laufenbergs Inszenierung, ungwollt oder gewollt, als die Frage Allegorie des modernen Managementwesens: ausführlich platitüd in der Abstraktion und unklar beispielhaft im technischen Detail, den Menschenschicksalen. Naturgemäss wäre eine derartige Idee, Absicht scheint dem Rezensenten allerdings unwahrscheinlich, in Shakespeares Sprache nicht einfach zu verwirklichen, und so karikiert Laufenberg vor allem sein eigenes Metaphernwerfen. Zentral ausgewaltzt in einer Theaterprobenszene, gestaltet er, nicht weniger als schlau, die Frage mit provinziellem Geschick zu einem Janusgesicht aus primitiver dramatischer Aufkl&aum;rung und herzlich belachter, pubertärer Textkritik, und offenbart so dem faszinierten Publikum, dass Shakespeare auch recht dämlich klingen kann, und dies sogar auf die verschiedenste Art und Weise die gleiche Textpassage.
Weniger einfach zu verstehen ist die Darstellung des Onkelkönigs, der, ganz moderner Manager als Wohlwollensmaschine, die heimtückische Ermordung Hamlets ebenso souverän plant, wie er emotionslos den Tod seiner Frau hinnimmt. Er lässt sich am Ende phlegmatisch widerstandlos von Hamlet zum Nichtsein verabschieden, als wärs ihm selbstverständlich gemordet zu werden. Mit sehr kurzem Erstaunen, solange Zeit ihr gegeben wird, nimmt die ZuschauerIn diese managerielle, unrauhe Ausgewogenheit zur Kenntnis, auch wenn Claudius' abgegangen Werden eher dem Schassen eines `Top Dog'-Vizedirektors entspricht, denn einem beleidigt sich aufplusternden scheidenden CEO oder Aufsichtsratsvorsitzenden, wie man ihn aus dem Reality TV kennt.
Mehr unverständlich bleibt auch Ophelias Weg in den Tod. Für einmal noch modernes, verständnisvolles Mädel, ist sie in der nächsten Szene schon - zur Belustigung des Publikums - wahnsinnstodentschlossen. Zwar offenbart sie der geübten TheaterkonsumentIn ihre schwankende Geisteshaltung schon in ihrem ersten (und auch in ihrem letzten) Auftritt durch ihre Art eine Couch zum Verschwinden zu benutzen - statt darauf zu sitzen, kuschelt sie sich so hinein, dass sie hinter der Seiten-, respektive Rückemlehne sich vor den Augen des Publikums verbirgt - doch ihre Empfindungen sind im Nachhinein ähnlich misteriös, wie das Denken eines Mannes (oder einer WissenschafterIn oder einer ManagerIn). Inwieweit ihre Sichtfluchten zu interpretieren sind gegenüber denn Spiel im Spiel-Szenen, in denen sich Hamlet an ihre Knie, beziehungsweise in ihren Schoss lehnt, und welche Rolle Ophelia in und zu der Managerkaste spielt, wurde vom Rezensenten leider nicht begriffen.
Wirklich geheimnisvoll ist die - shakespearegetreue - Verelendung des von Polonius nach Laertes ausgeschickten Spitzels und Aufpassers Reynaldo. Nachdem dieser des langen und breiten für seine Aufgabe von Polonius instruiert worden ist, verschwindet er im dramatischen Nichtsein, ohne dass die ZuschauerInnen etwas weiteres zur Sache erfahren. Da unklar bleibt, inwieweit der Vater Grund hat für das Aussenden seines Dieners, trägt die Szene wenig zur Charakterisierung Laertes bei.
Während Polonius als biederer, korrekter traditioneller Manager aus der zweiten Führungshierachie von vor zwanzig Jahren sehr anschaulich dargestellt wird, und seine Beseitigung durch Hamlet durchaus als beispielhaft verstehbar ist, gewinnt sein Sohn (ebenso wie seine Tochter) kaum Gestalt. Altmodisch einem Königsdrama entlehnt, erweist er sich als leicht manipulierbar für den Managerkönig - den Verdacht, dass er nicht lesen kann zuässeren wäre allzu boshafte Kritik - und trifft dabei einen durchaus interessanten Ton dosierter Weinerlichkeit. Seine Niederlage im Duell ist so erklärlich, die ihm unterstellten Eigenschaften, hohe Fechtkunst, Bügelleidenschaft, oder gar der vom Vater befürchtete tolle Kerl, sind demgegenüber aber unglaubwürdig, und seine, in der vernunftorientierten Belehrung der Schwester angedeutete Nachahmung des Vaters, bleibt nicht mehr als vage dahingestellt.
Hamlet im Zürcher Schauspielhaus ist die Tragödie eines alten Kindes besten Elternhauses (ein wenig an Prinz Charles einnernd), das den Aufstand gegen seine Beschützer, das Königspaar, und deren pragmatische Moral nie ernsthaft unternimmt und so schon früh am Abend auf der Verliererstrasse landet. Er ist ein Langweiler und Theaterliebhaber, dem es wichtiger ist das Unsein auf den Punkt zu bringen, die Mutter aus dem Ehebett mit dem dem Onkel zu schmeissen, als sich seiner politisch zu bemächtigen, ein Charakter mit zugleich faszinierenden und ermüdenden Ausstrahlung, der in der 4 Minuten Eier-, Fick- und Managementgesellschaft es nicht schafft seine Gedanken zu kommunizieren. Die Buhrufen, die er verdient hätte, sie hätten uns selber gegellt, wenn es sie denn gegeben hätte, eine solche Katharsis.
Da die gute Kritik eine konstruktive ist, und eine leichte, welche keinesfalls ihre Leser einer Pointe opfert, möchte der hier schreibende Rezensent einige Vorschläge und Verklärungen anbringen: Ein geschwisterlicher Rollentausch zwischen Ophelias Darstellerin Laertes Darsteller wäre einen Versuch wert. Maude, die Magd von Dame Edna, welche in Laufenbergs Inszenierung das Privileg hat, Edna Polonius ins Grab zu treten, ist als surrealistisches Element durchaus vertretbar. Im übrigen und überhaupt ist die Produktion ziemlich langweilig - beim zweiten Besuch ist der Rezensent fast eingeschlafen - die einen meinen der Anfang, die anderen der Schluss.
.......
Defekt - ein Versuch über das Böse -- kalter Kaffee im Steinfelsareal

Skizze, nicht zu vollenden, 11.3.97 abends;
{Trotz eines gewissen Hangs zu unpassenden Klischees und vorhersehbaren Pointen , (und einer unglücklichen Bühnenkonzeption, welche den ZuschauerInnen zu ausgiebiger Halsgymnastik verhilft), eine vor allem nach der Pause gehaltvolle und dann auch intellektuell spannende Auseinandersetzung mit dem Thema des Bösen in Gestalt des motivlosen Serienmordens in Opposition zu unserer Anschauung desselbigen.}
Und dieser ist österreichisch, also falsch betont, zu verstehen. Die von Maria Krassnigg ins Szene gesetzte Textcollage verkommt oft im kabarettistisch überzogenen Typischen, vor allem in den im Fernsehstudio spielenden Szenen, und verausgabt sich in vorhersehbarem Zynismus. Überdies ist manches gezeigte Klischee recht unglaubwürdig und entspricht nur auf einer recht oberflächlichen Metaebene der dramaturgischen Logik. Spannend wird `Defekt' in den Gerichtsszenen, wenn die Frage nach dem Wesen des Bösen, das heisst des bösen, gestellten wird. Dass das Publikum gerade dabei wesentlich mehr erfährt - auch in der Dialektik mit der eigenen Wahrnehmung und Argumentation, bzw. der des Staatsanwalts - über den Mörder, als in der vorhergegangen Darstellung des Vorlebens und des Mordens, ist die eigentliche Merkwürdigkeit des Abends. ...............................................
Im Lichtermeer im SHZ-Keller -- Bernhard in Amerika, halbtrocken

vorläufige Version, 12.3.97 mittags, kleine Änderungen 21.3. abends;
Howard Korders Stück `Im Lichtermeer' lässt, so vermittelt es zumindest Rüdiger Burbachs Inszenierung im Schauspielhauskeller, den SchauspielerInnen keine Wahl, als zu spielen, New Yorks unbedingten Traum vom Leben, sich hinzugeben dem Spiel, dem Leben, dem Sein ohne tieferen Sinn, um zu überleben - zu überspielen, trivial pursuit, die permanente Verfolgung des Unglücks.
Eine Szene nicht auszufüllen, der Verzweiflung nicht Echtheit und Raum geben, heisst untergehen - als gäbe es eines nicht, Kritiklosigkeit im Publikum. Und so schafft man, auf des Teufels süsses Schwitzen, Atmosphäre, oder scheitert in der Leere des Raums. Vergessen wird, wer glücklos bleibt. Atemlos noch in der Verbeugung am Schluss, die glücklich tränenaufgelöste Verkäuferin "Lilian", die erfolgreich den Freund gegen einen Liebhaber plus eine Freundin getauscht hat, gewinnt sie erst dann die Gestalt der Illusion, welche über die Alltäglichkeit eines spannenden Krimis hinausgeht. Denn selber Distanz zu schaffen, Reflexion zu üben, dies gilt nicht für die im Lichtermeer, davor sind vieles: Nachtrausch und Geschäftsmoral, Rollensadismus und chauvinistische Aggression, die Angst vor der Wirklichkeit der Charaktäre und das hemmungslose Recycling des Autors, der schamlos die billigsten Klischees verkauft.
Der gute Mensch ist (vermutlich) ein Katalogehemann, wider Drogenmissbrauch käpft scheinbar als einzig sensibler der genussvoll prügelnde Geldverleiher. Geschickt vermittelt die Regie den Eindruck, keine Geschichte, nälich die der Trennung eines Liebespaares und des Zusammenfinden eines Freundinnenpaares, zu erzählen, sondern Episoden, beliebig aus der Mottenkiste des Grosstadtlebens gegriffen, und lässt uns so langsam tiefer in die Geschehnisse eindringen. Sie schafft Spannung mit den banalen Erlebnissen ihrer mehr oder weniger kriminellen Durchschnittsmenschen indem sie die SchauspielerInnen ausstellt in einer Kulisse, welche viel karger nicht sein könnte: ein Betonraum, eine Minitiaturausgabe des 3. Untergeschoss' im Hauptbahnhof. Durch die alles in allem überzeugenden schauspielerischen Leistungen - von einzelnen Szenen abgesehen, etwa dem allzu wildenauerhaften `König' im Lehnstuhl auf der Gosse, welcher zwischen Charisma und Erbärmlichkeit in einer theatermässigen Schwebe bleibt, oder der zu Beginn zu subtil dosierten Verzweiflung Andreas Kräers als bei einem Geldverleiher verschuldeter, arbeitsloser, drogennehmender "Frederic" - und einigen wenigen Eizelrequisiten wird dieser Allzweckraum, zu einem düsteren schwarzen Stadtkosmos gestaltet aus Innenrämen, Hässerschluchten und Kellern, ausgehöhlten Fassaden, neonbeleuchteten Kaufhäusern, Hinterhöfen, Nachtbars, Tunnels und Aussichtsterasse. Wesentliches, von der ZuschauerIn kaum bemerktes Gestaltungselement, sind dabei die Erzählungen der Charaktäre, welche Details dieser Stadtarchitektur schildern.
In der Phantasie des Zuschauers setzt sich dann diese so geschaffene Szenerie a posteriori zu einem Schachtelraum fort, dessen ässerste Schachtel, der nächtliche Blick auf die Stadt, nur die grosse Perspektive der inneren Stadtwelt ist, wie sie von der Nachtschwärmerin "Rose" geschildert wird, die im Lichtermeer ihre einsamen Singlenächte in ihrer hellhörigen Wohnparzelle erkennt, umgeben von einem pissenden und furzenden unbekannten Meer von Klospülungen. "Nie sieht man Leute ficken und doch geschieht es" ist die oppositionelle Strassenmeinung, der Gegensichtpunkt des bezahlten Schlägers in dieser komplexen imaginierten Stadtarchitektur, deren Illusion von den zahlreichen Ortswechseln der Handlung in der zeitlichen Einheit von 5 bis 9 unterstützt wird. Gemeinsam ist allen Szenen, auch jenen unter freiem Himmel, das Fehlen des Sonnenlichts, eine prinzipielle Einschräkung, welche in Korders Stück als Grundidee des grossen amerikanischen Traums von New York erscheint und bigott in der Metapher des Lichtermeers ihren Ausdruck findet.
Die physisch jeweils kaum veränderten Einheit dieses so recht eigentlich Bernhardschen Theaterorts lässt - neben der Unstätte einer von Gewalt und Korruption geprägten Grosstadt - eine zweite Interpretation der Handlung von allegorischer Bedeutung zu: Die moderne Stadt als moderner Theaterort, heisst heute als Computer, bestehend aus Hardware - Beton - und Software - Menschen, deren Leben in virtuellen auf die Hardware aufgesetzten von ihnen selbst definierten und gestalteten Rämen läft. Zumindest cum grano salis ist dies ein Ort, dessen Wesen nicht von der Gebädearchitektur, sondern von deren individueller menschlicher Gestaltung und Verunstaltung bestimmt wird, welche freilich nichts anderes gebiert als eine andere ebenso fest gebaute Stadt aus den billigsten Klischees.
Denn nichts, fast nichts ist originell, sondern bestenfalls Original, in Korders Stück: sei es das Schwärmen des Baulöwen von der guten alten Zeit im Theater, sei es der beiden VerkäferInnen gekrächzte Hymne and Die Stadt, die nicht fehlen darf. Der alte Mann, der sein Gesicht verloren hat, und es aus der Enzyklopädie zurückfordert, ist ein abgeschmacktes deja-vu, geklaut, vielleicht, bei Rilke ebenso wie der selbstgekrönte König im Sofa, der allenfalls besonders ist in seinem echten Interesse für die beobachteten Mitmenschen. Und das angebotenes Taschentuch des jungen Profischlägers, es ist nicht mehr als ein Klischee einer - den eigenen Gewinn nicht aus den Augen verlierenden - menschlichen Geste als unverzichtbarer Motor der kriminellen Schattenwirtschaft. Zwar erfüllen die Durschschnittsklischees in Burbachs Inszenierung die beschriebene architektonische Funktion, doch die Sonderlinge wirken wie hinzugegebene Verzierungsstückchen, die letzlich bei den ZuschauerInnen den primären Eindruck verstärken, eine Second-Hand-Plattitüde vorgesetzt zu bekommen. Die Bernhardsche Nacht offenbart sich im Lichtermeer, kritisch betrachtet, amerikanisch als ein Theaterstadtmuseum voll altbekannter Kunstfiguren, ohne neue Ideen.
Die Handlung selber passiert in obiger HW/SW-Metapher auf einer höheren Abstraktionsebene, in der Verarbeitung der Wahrnehmung des Geschehens in den einzelnen Rämen. Ihr mangelt es leider, ganz der schlechten Schauspielhaussubtilität und -dezenz verpflichtet, an entschiedenener Deutung - vielleicht natürliche Konsequenz obigen (von uns freilich nicht ganz ernst gemeinten) Stadtbilds - und es mangelt ihr vor allem an plakativem Zynismus. Wenn zu guter letzt Katharinae Abt & Schmözer, die beiden Verkäuferinnen, fröhlich ob der durchstandenen Fährnisse der Nacht in ein Schokoladebild der Stadt beissen, so ist dies mehr süsser Mythos, denn kritischer Zynismus trotzdem der vorraussehbare Abstieg von "Lilian"s abgelegtem Exfreunds "Frederic" einen zumindest halbtrockenen Geschmack hinterlässt. `Happy Go Lucky', die vorher zitierte mittelmässige Erfolgsshow, sie steht nicht wirklich im Raum, das GLück ist dürftig und echt.
Die Sanftheit des Zürcher Happy-Ends ignoriert "Frederic", der verzweifelt die Zeit befrieden möchte, um nur einen Augenblick frei zu atmen, aber sie verleiht auch der beginnenden Freundschaft der beiden jungen Verkäuferinnen kein bewegendes Schlussmoment. Die Handlung ist gerade in der Schlussszene so sehr an der Oberfläche wie es das Leben dem Mythos nach sein soll. Und intellektuell genauso wenig anspruchsvoll: Wenn auch der Beginn der Freundschaft der beiden Frauen erst a posteriori sich als zentrales Handlungsmotiv herausstellt, so bietet dies keinen Schlüssel zum Verständnis der Struktur des Stücks, das nachgerade das unbefriedigte Gefühl einer grundlosen Erregung hinterlässt.
Jedwede Vision wird, Einheit von Darstellung und Dargestelltem, auf nette positive Harmlosigkeit reduziert, wie sie den beiden netten jungen Frauen in ihren braven Büstenhaltern entspricht: Die Landmaus "Lilian", die die Augen verdreht oder stumpf werden lässt, um nicht hinschauen zu müssen, und noch im Abgang sich eigentlich lieber nicht verbeugen möchte (verheult wie sie ausschaut) und die Stadtmaus "Rose", die sich dem Nachtleben bis zum Kotzen hingibt, sind schlicht zwei Gestalten aus dem wirklichen Leben: zwei Mädels, wie Mann sie aus der Bar abschleppt - wenn auch ein bisschen weniger indischer Augengymnastik bei Frau Abt und eine im Fall ein bisschen schwankendere Physik bei Frau Schmözer dem sonstigen Spielstil besser entsprochen hätten. Am Ende war der - vermeintliche - Lärm um nichts manchmal nicht einmal realistisch.
Die Tiefe der Produktion liegt in der dramatischen Vorstellung der Stadtgeometrie. Und mit diesem abrupten Ende passen wir uns dem Objekt unserer Präsentation an.
kopf oder zahl im Theatersaal Rigiblick -- heiss oder kalt

erste Version, 17.3. abends;
Trotz gewisser Diziplinlosigkeit und stellenweise fehlendem Einsatz der DarstellerInnen im Solo, Trio und Quartett, bringt die Inszenierung immerhin einige wenige zwingende Muster zum Publikum rüber. Darüber hinaus lässt sie beim zauberischen Gesellschafts-pas-de-deux und dem nachfolgendem Wasserpritscheln so richtig die Post abgehen. Da werden nicht nur die Höschen nass, sondern ein geiler Männerarsch rettet auch prominent die ansonsten etwas flache Hosenbodenehre der Truppe.
Wenn das Stürmchen auf der Rigisaalbühne sich legt, bleibt ein stimmungsvoller rotgelber Apfelregen zurück und fast vermeint man auf eine küstlerische Idee hoffen zu dürfen. Doch letztendlich scheitert die Produktion mit Bettina Holzhausens femininer Sicherheit, indem sie zur grossen Geste in Orange - solches Kleidchen, rote Haare und rosa Höschen an Sylvia Steven - ansetzt und nur einen vernuschelten Fadenzauber gebiert. "kopf oder zahl", bei der cie n'est-ce pas klingt es wie heiss oder kalt, und ist doch eine rechte Qual.
Szenen einer Ehe -- virtuose Eheleier im Schauspielhaus

Skizze, 25.3. mittags;
Noch ausser Kontrolle, gezeichnet vom Totenschädel, inszeniert das Schauspielhaus eine weitere normale Ehe und defiliert dabei Ingmar Bergmans Klischeenararium (aus seinem als Vorlage dienenden Film) mit bravouröser, fader Dezenz bis in die finalen Zärtlichkeiten: Der Mann verkommt und trennt sich zu seinem grösseren Unglück, die Frau kommt zur sexuellen Lust und zum eigenen Leben; und am Tag vor der Scheidung findet der Vergewaltigungsversuch statt, provoziert von ihr, verschnupft von ihm (wie manches männliche Desaster).
Doch alles hat einen Orgasmus, nur die Wurst hat keinen, und so öffnet sich zu guter letzt bewährter Scheidungsmuster der moralische Zeigefinger, und die Liebe triumphiert mit der Wucht klassischer Katharsis. Die Minutenbotschaft liegt in der einfachen, bescheidenen Ruhe väterlicher Umarmung von Exmann zu Exfrau, wohl Agape genannt. Und frau bedankt sich artig, transparent und ehrlich, fürwahr, so scheint es, gelätert und doch dem leben nicht entrissen, die Ehebrecherin.
Mein Herz - niemandem -- ein aufschlussreiches Outing

Kurzkritik, 29.4.97;
Der grosse Angsthase Katharina Abt mit der raumgreifenden Stimme im Theater Heddy Maria Wettstein ...... er erzählte uns von seinen Neigungen ... der Abneigung für Gottfried, den Benn, der Begeisterung für die Maskerade (wenn er sich denn nur trauen würde), der Zuneigung für den Vater, demzufolge vorletzter doch ein grosser Küstler sei (obwohl der Hase selber ihn nicht versteht und ein eigenes Verständnis erst in 20 Jahren erwartet), letztendlich also vom Glauben an das Männliche, dem Weiblichen unverständlich, und von der unbestimmbaren Neigung zu Männern mit tiefer vibrierender Stimme. Obs solche gab, im Publikum, weiss der Rezensent nicht. Immerhin das halbe Dutzend einzelner Männer fiel auf (und hätte im Neumarkt wegen perverser Publikumsumtriebe vermutlich zur Absage gereicht), ebenso wie die Angst der Frau Abt, dem Publikum, sei es Frau, Freund oder Rezensent, ins Auge zu schauen.
Im Hauptprogramm wurden Texte von Else Lasker-Schüer und eine Nachrede von Gottfried Benn gelesen, selbstausgewählt, ohne dramaturgische Bearbeitung, wie Frau Abt selbst beklagte (so sie denn mit Dramaturgie nicht die Regie meinte, deren Fehlen zu dem erstaunlichen Effekt führte, dass sie, je weiter sie im Leben Lasker-Schülers fortschritt, um so j&uunger selber erschien). Die Angst der Grossbühnenschauspielerin vor dem nahen Publikum bescherte letzterem einen Schnellsprechauffassungs- und merktest, welcher noch verschärft wurde durch die Minimalistik der Pausen zwischen den verschiedensten Textteilen und die nicht unvorhandene Präsenz Katharina Abts auf der Bühne. Erst im Schlussteil des einstündigen Vortrags milderte - zumindest subjektiv - ihre sichtbare Ergriffenheit das Tempo ihrer Vorwärtsflucht, ohne freilich ein reflektierendes Zuhören zu ermöglichen. Dass Else Lasker Schüer diese Tour de Force relativ unbeschadet überstand und der Rezensent alles in allem spannend unterhalten wurde, spricht, spricht dennoch für beide, Autorin und Schauspielerin, und deutet an, dass dieses Gespann in einer seriösen Vorstellung tatsächlich faszinieren könnte.
P.S.: Alle Leser(sic!) dieser Zeilen mit unkontrollierter Basstimme und Verständnis von Benn und für Else Lasker Schüler sind aufgefordert Frau Abt zu kontaktieren ...-)
Gorom Gorom! -- ein Halali

Kurzkritik 22.4.97/12.5.97;
Und der ist ein Bauer aus Burkina Faso und wird deshalb von den Schweizer Behörden nach Zentralafrika ausgeschafft. Mit einfachem Witz erzählt Daniel Ludwig alias Halali seine Schweizer Erfahrungen, trocken, rhythmisch, lustig, ohne Zynismus.
Dabei badet er in den Klischees und spielt - als echter (angefärbter) Schwarzer - europäische intellektuelle Redlichkeit gegen europäische Musik aus, höhere wie volkstüliche, schamlos und sicher, weil präzise und genau, und nur im finalen moralischen Zeigefinger ein wenig überkandidelt intellektuell - Euripides' Medea rechtfertigts wohl für alle Zeiten.
Man schreit bisweilen vor Lachen, doch die ursächliche Komik ist weder willkürlich noch vermeidbar, geschweige denn banal. Wohin soll man einen Unwillkommenen abschieben, der nur einen falschen Pass besitzt? Lösung gibt es keine, und wer sie versucht, der hat den schwarzen Peter - Halali!
"Zürcher Kantonspolizei! Ausschaffung!!" - "?? Alle verhaften!!!"
Janisis -- das Stuttgart Staatstheater zelebriert deprimierende Langeweile im Zürcher Neumarkt

Kurzkritik, 29.4.97;
Die deutsche Presse wusste nicht, wem sie zum Schluss zujubelte, Janis Joplin oder ihrer Darstellerin Yvonne Devrient. Der züritip pries den Facettenreichtum. Und ein in der Neumarkttheaterbar of anzutreffender Theaterdirektor gewann die Erkenntnis, dass glaubwürdige Darstellungen historischer Persönlichkeiten nicht notwendigerweise dramatisch spannend sind. Der Rezensent kann kein detailliertes Urteil zur Aufführung abgeben, weil er sich am Anfang schwer konzentrieren konnte und gegen Ende weite Teile verschlief. Wenngleich er so wenig über das Leiden, die Tragik und den Grund des frühen Todes von Janis Joplin erfuhr - obgleich ihm die Darstellung recht natürlich und frei von Klischees schien - so wurde sein Unterbewusstsein vermutlich doch ziemlich deprimiert, sei es durch die Langeweile des Samstagabends oder auch den küstlerischen Inhalt der Produktion.
Urspr&uunglich, so erzählte Frau Devrient, sei Janisis als Sprechdrama geplant gewesen, doch im Laufe der Probenarbeit habe sie die eigenen Möglichkeiten entdeckt, durch Joplins Lieder deren Leben zu kommunizieren (oder so ähnlich). Auch darin liegen, neben der lebensechten Darstellung, ihre Qualitäten. Auch darin ist das Scheitern der Produktion begründet. Vielleicht ist jetzt wo die die intellektuellen Sexgurus von einst wohl bald aus dem Gefängnis entlassen werden die Zeit der Flower-Power vorbei. Vielleicht wirkt die Aufführung auch erst im Nachhinein. Gewiss ist sie aber ein lehrreicher Anachronismus, der das Wirken der `Gesetze' des Theaters exemplarisch vorführt, und sich als Ausgangsthema einer theaterwissenschaftlichen Arbeit geradezu anbietet.
Man kanns auch anders formulieren: das Theaterklima ist in Zürich halt doch ein bisschen rauher, als anderswo. Hier finden ja WWW-Publikationen sogar am neuen `Salzburg'-Star Marthaler etwas auszusetzen.
Wölfe und Schafe -- in langer Sitzung im SHZ

Kurzkritik in Arbeit, 2.5.97;
`Who is who?', das fragte sich allen Ernstes der geschlauchte Rezensent beim nachdenklichen Espresso danach im Bellevue-Cafe samt seinen spätabendlichen Gestalten. Letztlich hatte ihn in der (ansonsten) mässig witzigen Komödie Ostrovskis die finale Klassifizierung nach Raubtieren und Rasenfressern doch recht beeindruckt - im Gegensatz zum mehrheitlich enttäschten Publikum.
Unangefochtener Star des auch im übrigen schauspielerisch überzeugenden Ensembles ist Maria Becker, die mit ihrer souveränen Bühenpräsenz freilich mehr Schaden als Nutzen anrichtet, weil sie eine Produktion rettet, deren Langeweile und Billigkeit man sich lieber ersparen würde.
.
Manche ZuschauerInnen brachten es trotzdem übers Herz der Erschöpfungsstrategie des regieführenden ehemaligen Burgtheater- und Schauspielhausdirektors Achim Benning zu verweigern. Sie verliessen vorzeitig die Vorstellung - wohl vor allem aufgrund der zähen ersten Akts, oder weil sie in der in den ungeraden Akten wirklich finsteren Untergangsstudie des russischen Adels - an Sehproblemen litten. Deshalb raten wir ihnen zum Besuch der insgesamt leicht bedenklichen Vorstellung nur, wenn Sie sich auch einen guten Platz leisten können und wollen.
...-)
Faust II im Neumarkt -- des Ewig Weibliche, oder?!

vorläufige Version, 27.5.97;
Oder die Hype des Zürcher Neumarkts. Wovor wir uns fürchten, seit wir begriffen haben, dass wir die Kunst, die sogenannte und hohe, nicht begreifen, es passiert exemplarisch und gleich in mehreren Facetten in der Faust II Produktion des Neumarkttheaters: Man stellt uns die Frage nach dem dramatisch-küstlerischen Wert von Faust II.
Wie oft bei Eigenproduktionen in den letzten Jahren langweilten sich der Rezensent und anderes Fussvolk bei einer von der Presse und gut informierten Kreisen hoch erhobenen Mattglanzproduktion. Frau Wrage, das mittlerweilen bekannte, modernste und zeitloseste Gretchen seit langem, es persifliert sich selbst als Helena am überzeugendsten und überhöht damit, Ton in honiglich nichtigem Ton, die Produktion zu jener Harmlosigkeit welche man als Ikonenhaftigkeit preist - und nebenbei als kostengünstigen Ersatz für Wichsvorlagen (für professionelle KritikerInnen) bewirtschaftet.
Der Theaterzauber ist ein zweifelsfreier, so wunderbar wie unsere eigenen ZuschauerInnenprojektionen sich in der zentralen von den drei Helenen Gesicht widerspiegeln. In einem frappanten Farbenspiel verschiedener Blässen, der des jungen der beiden Fäste mit allen dreien der Helenengestalten, wird Faust selber zum Sinnbild für das angestrengte Publikum, und lässt dieses - somit auch überflüssige Gestalt, wenn nicht homunkulöser Lichtblick - tief erblassen bis der zweite, alte Faust ihm den Spiegel zeigt, und Mephisto im amüsanten Veitstanz des ob seiner Verliebtheit Verzweifelten die allgemeine Rat- und Zwecklosigkeit vergessen lässt.
So wurden wir verführt, und manch andere zu mehr. In Wirklichkeit freilich bedarf, das Ewig Weibliche, der ewig jungen männlichen Belanglosigkeit. Ein recht zynischer, frauenfeindlicher Spass, wenn er denn so beabsichtigt ist. Immerhin aber eine neue Version eines ..., ja schreiben wir, postmodernen sinnlich sinnentleerten, Dadaismus.
Die tragische Gestalt in diesem Neumarktspiel ist Mephisto: ein Netter, ein armer, machtloser Siech. Nicht einmal gegen den frühnächtlichen Rausschmiss aus der Neumarktbar hilft sein Einfluss. So betrachtet er das Faustische Treiben (auf der Bühne) distanziert, aber mit Interesse. (Immerhin hierbei hat dem Publikum etwas voraus.) Wird er wohl zurückkommen von den Müttern? Leider, er tuts, und bringt die Leere von dort mit, auf das darin das Weibliche zum Vorschein komme.
Mephistos Pech sind sein Anstand und seine altgewordne Hässlichkeit. Er möchte halt doch ein bisschen, und lässt sich blenden, und lernt doch nichts daraus. Doch Milde ist sein Wesen, und kaumt empört ihn selbst Faustens verbrecherischer Missbrauch seiner Zauberkräfte zur Flurbereinigung im letzten Akt vor dessen schöstem Augenblick.
Diesem letztem, leeren Augenblick freilich, setzt die holde Weiblichkeit eins drauf, indem sie den Verständigen verführt, ihm seiner Beute beraubt, und den Unverständigen, billigen Faust hinanzieht.
..... So rettet Mephisto zwar nicht die Welt, aber ein Stück grosses Theater. Da im Schlussteil der alte Faust immerhin eine gewisse Nichttrivialität erlangt, mag er es sich selber verzeihen. Und da die Inszenierung immerhin eine konsequente Desillusionierung aller Moralisten ist, weshalb wir sie ja oben verrissen haben, wir ihm auch. Tröstlich ists doch zu wissen, das grosses Theater auch künstlerischen Gehalt hat bisweilen, oder.
Heiraten -- degoutant österreichische Wirbelmacherei im Kammertheater Stok

Vorversion, 13.5.97;
Mit grosser Spielfreude zeigt das Spiegeltheater eine sehr österreichische, realistische Untertreibung der küstlerischen Verhätnisse, welche dortzulande gerne durch das folkloristische Null-Eins-Gesetz - entweder nymphoman oder homosexuell - beschrieben werden. Letzteres ist das ungleichseitige Dreieck, in dem zwei &Oum;sterreicher einer kleinen Schweizerin die Schenkel bis zum süssen roten Slip spreizen, zum sanften, aber kaum lustvollen Ekel des weiblichen Publikums, ganz und gar nicht. Um so mehr lebt es seine Lebenslust und -verzweiflung im Lügen, Verführen, Demütigen oder sich Demütigen lassen aus. Schliesslich endet die stiere weiblichen Verweigerung mit anschliessend erduldeter Vergewaltigung, die mehr primitive als intrigante männliche Sprach- und Pfeiferziehung des Kanarienvogels und das (von Details abgesehen) glaubw¨rdige Durchziehen pädagogischer Massnahmen in der Verlobung des unglücklichen Lebenspaares (als Folge der reumütigen Rückkehr des Verführers in die eigene Ehe) -- Eine Happyend-Geschichte, deren Spannung freilich restrosprektiv betrachtet durch einen Verzicht an Transparenz erspielt wird und der es in ihrer überzeugenden Alltäglichkeit and gepfeffertem Zynismus mangelt.
RS- und Esoterikbestimmten hät dies keinen Spiegel vor, sondern es ist schlicht ein lautes unlauteres überflüssiges Spektakel, in dem sich eine kleine Schauspieltruppe dem Egotrip hingibt, für wenige und wieder nichts. Da es trotzdem eine verständlich - wennauch deplazierte - Form konsequenten Verhaltens ist, zieht auch sein Exotikappeal kaum hiesiges Publikum an. So ist es auch nur ein geringer Schaden, dass ein Mehr an Belehrung, in diesem fall auch ein Mehr an Kunst gewesen wäre.
Ein Abend mit zeitgenössischem Tanz und Musik im Theatersaal Rigiblick -- vom 17. bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts

in Vorbereitung, 13.5.;
Mindestens eines dürften Kasparov und Velazquez gemeinsam haben: Sie hätten das durch "Las Meninas" inspirierte Tanztheater "Jaque Mate al Rey" der Ventura Dance Company sich wohl ebenso wie der Rezensent gelangweilte und seinen vorgeblichen Bezug zu dem bekannten Gemäde kaum verstanden, obwohl das nur unsere (ägerliche) Spekulation ist.
Den Bogen vom Hofzeremoniell des damaligen Spanien zur postmodernen Interpretation des expressionischten Musiktheaters der ersten Häfte des 20. Jahrhunderts spannten die "Miniatures" der Pariser Cie Thel Danse mit ihrer heutigen Version der Figürchen, wie sie lange Zeit das gutbürgerliche Wohnzimmer verschönerten, ein pubertäres Biedermayer der 80'er, dessen Wirkung nur gelegentlich durch Unkonzentriertheiten der beiden TäzerInnen gestört wurde, beim Publikum aber schon bald allgemeines Geräspere provozierte.
Fast eigentlich zum triumphalen Finale wäre schliesslich "Traumjäger" geraten, eine vielleicht von Robert Wilsons Inszenierung zu Herzog Blaubarts Burg motiviertes einfaches expressionistisches Tanzschauspiel zu Musik von Gerard Zinsstag, wenn nicht bei der Premiere der männliche Part des Pas-de-deux gegen Ende erschöpft vom hohen Tempo erhebliche Takt- und Synchronisationsschwierigkeiten gehabt hätte. Die daraus entstehende Verwirrung des Tanzpaares störte den Rezensenten empfindlich, war wohl aber nicht der Grund für die mässige Begeisterung des Publikums, das grösstenteils den Eindruck machte, in seinen kulturellen Erwartungen enttäuscht worden zu sein.
Romanzen und Affären -- eine deutschsprachige Erstaufführung eines Lavencroft in der SAZ und immerhin 5 Sekunden spannend

vorläfige Version, 27.5.97;
Wir sehen es voraus, wir hoffen und glauben es doch nicht, dann wird es doch 5 Sekunden lang Wirklichkeit, das Schicksal der ungeraden Zahlen im Paarungsspiel. Die Tragik freilich ist weder vorbereitet noch von Dauer. Männlein und Weiblein verlassen das Theater ohne Seelenkratzer. Wozu, so fragt sich der Rezensent, hat er dafür 2 1/2 Stundem im Theater verbracht?
&Umml;ber Regieabsichten im Detail zu spekulieren ist schwierig und müssig, ebenso wie die Diskussion einzelner Szenen, weil diese sich in der fünften Vorstellung ganz anders ausnehmen mögen wie in der vierten. Den jungen DarstellerInnen der heurigen Schauspieldiplomklasse der Schauspiel Akademie Zürich mangelt es noch an Konstanz und ihrer Ausdruckskraft fehlt es an schauspielerischer Tiefe. Ein Umgehen derartiger Schwächen durch die Regie diente kaum dem Zweck der Produktion, der Ausbildung der angehenden Profis. Aber auch ein Ausspielen des Stücks ist problematisch.
Der von Regisseur Mani Wintsch gewählte Kompromiss ist pädagogisch vielleicht sinnvoll, für den Zuschauer aber nur bedingt glücklich. Die diversen Beziehungsdreiecke, beispielsweise Vater-Tochter-verwaiste Nichte, geben wenig dramatische Spannung her. Einzelne Charaktäre bleiben nur in Umrissen vage erkennbare komödiantische Repertoirefiguren. Denkbare Grabenkämpfe finden keine Austragung. Das Kapital der Aufführung besteht lediglich in der positiven Gesinnung des Publikums gegenüber den jungen DartsellerInnen, von denen die meisten im Grossen und Ganzen ihre Rollen recht echt geben, solange sie nicht versuchen, mit ambitionierterem Spiel die Produktion vor dem Abgleiten ins Banale zu retten. Ein Gefühl für Nuancen ist leider noch kaum vorhanden, und man hat den Eindruck, dass ein Verständnis für die Möglichkeiten der jeweiligen Rollen nicht mit dem (für junge, sich selbst überschätzende SchauspielerInnen ohne Theatererfahrung) notwendigen Nachdruck erarbeitet wurde.
So wie er erzählt wird, ist Lavencrofts Käse aus dem 17. Jahrhundert ein welker und kein rezenter. Serviert wird er mit erläternden Worten zu Beginn, dass früher die Liebe eine Angelegenheit von Vorträgen war, garniert mit Sex. Schlimmes schon ahnt da der Katholik. Was danach aufgetischt wird erfüllt alle Erwartungen. Ein Lord will sich eine Frau kaufen und wird deshalb ausgetrickst und am Ende sogar ausgelacht. Deshalb sitzt man 2 1/2 Stunden im Theater.
Immerhin aber erwirbt sich die Produktiomn das Verdienst, darauf aufmerksam zu machen, dass Lavencrofts `The Careless Loves' bei entsprechend konsequenter Regie und Darstellung eine zeitgeistige Antwort auf die Qualen des Fernsehserienkonsumenten sein könnte, wenn es denn darin einen Konflikt gäbe. Freilich blieb dies den Zuschauerinnen am Samstagabend wohl grösstenteils verborgen. Und auch der allzuleise Versuch einiger Zuschauer, einer frauenfeindlicher Liedstrophe zu applaudieren, und damit dramaturgisch von aussen zu retten, was vielleicht an diesem Abend noch zu retten gewesen wäre, scheiterte spiegelbildlich kläglich wie die Inszenierung selber. Ob des Schmarrens glücklich strahlende Frauenaugen straften die Weltverbesserer entsprechend und zu Recht.
Eigentlich wäre Lavencrofts heutige Botschaft in dem von der SAZ angebotenen Extrakt eine recht transparente: Es gibt keine Lösung des Heiratsproblems, die alle glücklich macht. Zur Exemplation führt er ein naheliegendes Opfer vor, den eingebildeten Lord de Bastardo, und ein logisches, den Diener Toby - die Nutten nicht berücksichtigt. Doch, oh Cassius möchte man ins Geschehen hineinseufzen, es finden sich keine Opferungswillige, und schon gar keine Schlächter.
Lord De Bastardo, der zu Demütigende, ist kaum penetrant genug, als dass er uns empören würde. Mag er sich noch so bereitwillig unter die Rute bücken, und hörten Frauen einen Schrei nach Strafe (was weiss man schon), für Männer bleibt es nur die Geste eines netten Jungen. Diener Toby gibt schon von Beginn an als Darsteller mehr Rätsel auf, als es einem persönlichen Unglück auf der Bühne nützt. Und auch der gutgemeinte Versuch, die Stimmung mit einem besonders grausamen Schlagwerkzeug aus der SM-Szene aufzuheizen, reicht angesichts dieser lieben, jungen, gutbekleideten DarstellerInnen nur für kurze Erheiterung.
Und die Frauen im Stück: Man kann nicht wirklich sagen, sie seien böse oder unschuldig, höchstens ein bisschen sehr seltsam, vielleicht nicht beabsichtigt, ziemlich uninteressant.
Der Hass des am Schluss ohne Braut dastehenden Dieners Toby, er wolle lieber 100 000 Frauen in eine Kanonenkugel stopfen als, ist eine liebe, dezente, schwyzerische Entrüstung. Eine deutsche Geschmacklosigkeit hätte aber die allgemeine gute Laune besser ausgestellt, als der Versuch, sich mit einer Kerze zu erstechen, der naturgemäss in der unambitionierten Spielatmosphäre in vollständiger Unbedenklichkeit sich zum Weiterleben aufrappelt. Die abschliessende Regieidee, den Happy-End-Tanz als Karrussel vorzuführen, das anhät bis man applaudiert, setzt noch einen bemühte Gag drauf mit beliebiger Interpretation.
Alles in allem, ein harmlos bis unbedenklicher Versuch einer deutschsprachigen Erstaufführung. Und wir sind natürlich nicht ohne Applaus nach Hause gegangen.
Der Menschenfeind im SHZ -- eine glatte Angelegenheit


unfertige Version, 26.5.97;
Endlich ist er da, der Schauspielzwilling zum Balletterfolg Goldberg-Variationen!
Zu loben gibt es viel an diesem schneidig glatten Theaterabend, dessen küstlerische Bedeutung endlich einmal so ausser jeder Diskussion steht, dass er vom Zürcher Publikum geradewegs ins kulturelle Herz geschlossen wird.
Moliere ist an sich ja immer ein Garant für volle Häser und ein zufriedenes Publikum. Doch für die Schauspielhausinszenierung hat Regisseur Düggelin den Publikumsgeschmack wirklich ernst genommen und stellt ein frühsommerliches, durch und durch ästhetisches, flottes Reimspiel auf eine kühle, weite, marmorne(?) Bühne, auf der, wie im St¨ck, die Proportionen stimmen.
In gekonntem Schnellsprech absolviert das Ensemble souverän und hurtig den an sich nicht einfachen Text, mit einer einzigen Ausnahme. Der Moralistin, Frau Kuster, will die Verslerei nicht so recht uuml;ber die Lippen kommen, was dem beim Anhören einige Qualen bereitet. (Bei der Wiederaufnahme in der Saison 97/98 galt dies nicht mehr, Anm. d. Red.) Burghart Klaussner hingegen, der Menschenfeind Alceste, formuliert sich trotz einem Übermass an Moral mühelos in den eigenen, finalen Anschied von der billigen Gesellschaft, die ihn umgibt. Er legt viel Leidenschaft in seine Aufführung, bleibt damit aber allein in der lebesecht glatten Typenschar - und damit auch ohne Tragik.
Es fehlt bei aller Weiträmigkeit der Bühne am Raum für Schmerz, Wut oder Selbstreflexion. Und so wird die Inszenierung zum Kontrapunkt der modernen Publikumsseelen, der Ton in Ton mit deren kultureller Dialektik ein Schauspiel aufführt von zwei Protagonisten, die ihnen nicht ferner stehen könnten: Alceste und seine Geliebte sind trotz aller Glätte und Geschliffenheit der Inszenierung ein klares Janusgesicht eines sprachverliebten Dichters, zwei Grossmeister des bösen Worts, der Weltverachtung und der Gemeinheit, und einer sarkastischen Analyse, welche in ihrer Schnelligkeit die Bühnenadressaten wie das Publikum hoch überfliegt.
Freilich, er bleibt ihr in seiner hinterwädlerischen Machoart unterlegen, und ist der Dümmere der beiden, so scheint es. Deshalb ist ein Stück abstrakter Kunst dem Stück vorausgesetzt, eine kurze Sprechoper, die symbolisch Alcestes Welt darstellt, ein konventionell verlogener Small Talk Verein, dessen Wellenausscheidungen Alceste hindern an der Wahrnehmung einer leisen, vielleicht wahren Musik. Vor diesem Vorspiel erscheint seine Analyse der Gesellschaft eine berechtigte, und seine scheinbar absurde Liebe zu einer durch und durch Verdorbenen wird zur Suche nach der Melodie ihres Geists.
Oder könnte es werden, wenn sich die Regie nicht ihrem Sprachrhythmus verschrieben hätte, der ihr nicht einmal Andeutungen der Liebesursachen auf beiden Seiten zu bieten erlaubt. Düggelin enthät sich überhaupt jedweder Interpretation, insbesondere der naheliegenden Geschlechterinterpration, und verzichtet, wenn das glatte Spiel dem traurigen, aber schreckenlosen Ende zusteuert, konsequenterweise auch fast völlig auf tragische Sekunden.
Im ästhetischen Stress noch vor 22.00 zum Ende zu kommen bleibt kaum Zeit für Nuancen. Lediglich Katharina von Bock darf als Al;cestes Geliebte mit ihrer schauspielerische Spezialität, ihrem recht eigenen emotionalen Stehen, emotionaler über die B7uuml;hne kommen, diesmal freilich subtiler als in ihrer rotohrigen Olivia in der `Zwöften Nacht'). Noch mehr Gefühl wäre auf den schnellen, glatten Sprach(achter)bahnen ein Wagnis, und würde vielleicht sogar die Gunst des Publikums aufs Spiel setzen.
Ob diese Verweigerung jedweder Reflexion im Spiel kompromisslose Qua;lität oder stilistischer Oppurtunismus ist, oder schlicht ein dramatischer Mangel, dies zu entscheiden überlässt der Rezensent den LeserInnen, denen er im übrigen und überhaupt den Besuch des Menschenfeinden im Schauspielhaus sehr empfiehlt.
Indien im Schauspielhauskeller -- ein beindruckendes Sterben

in Vorbereitung, 27.5.;
Das Sterben des halbgebildeten jungen Mannes. Ein absurdes Machtspiel. Böse Frauen. Schmutzige Hände einmal anders. Echter Humor. Die Erbeeren und die NZZ.
`Unsinn', eine Performance im Rahmen der `7 Sinne' im tanzhaus wasserwerk -- mit lehrreichen Konzeptfehlern


erste unfertige Kommentarskizze, 23. Juni;
Zum Auftakt gab es Baldriantropfen auf Zucker - grundlos, denn das grösstenteils tanzaffilierte Publikum erwies sich als lernfähig und nach 40 Minuten kam der ihm unterstellte einfache Humor zum Durchbruch, so dass nach 5 Minuten Publikumstheater die Veranstaltung in fröhlichem Gelächter ausklingen konnte.
Davor passierte so viel wie nichts: auf der Bühne ruhten mehr oder weniger bewegungslos 4 Gestalten, ein Fernseher zeigte Nachrichten, Sport und eine Erotikplaudershow, ein zweiter Fernseher gab Videoaufnahmen vom Publikumsgeschehen life wieder. Und damit bewies die Produktion immerhin eines, ihre falsche Konzeption.
Erfolgreiches Sexualverhalten setzt die Bereitschaft zur Belästigung anderer voraus, das heisst im Sinne bestimmter moderner feministischer Rechtssprechungspraktiken eine kriminelle Energie. Ohne kommt erfolgreiches Sexualverhalten im allgemeinen nicht aus, von speziellen Situation mit starken Einschräkungen der individuellen Freiheit abgesehen. Die einzige konsequente Alternative zur sexuellen Belästigung (von Abstinenz, Taschenspielertricks, ... abgesehen) ist der gesellschaftlich in der Deutschschweiz geächtete (explizite) Kauf von sexuellen Services.
Ähnlich sind die Ranbedingungen für das Publikumstheater: Die Alternativen sind betrügerischer Schein und kriminelle Publikumsbel&aumstigung: das eine mit echten, `bezahlten' SchauspielerInnen, die ZuschauerInnen spielen, das andere durch die Nötigung von möglichst naivem, ehrlichem Publikum.
Hätte die Performance versucht, das echte Publikum zu suchen und zu malträtieren, dann hätte sie vielleicht erotisches und theatralisches Verhalten so wie oben angedeutet in ihrer Verschiedenheit gegenüberstellen und daraus spannende Assoziationsfäden spinnen können. Hätte, hätte, freilich nur hätte, denn derartige Ambitionen fehlten ihr.
Unvermeidlicherweise gehörten auch die meisten ZuschauerInnen der unpassenden goldenen Mitte an zwischen echten Zuschauern und echten Schauspielern. Viele von den wenigen waren weder Theaterlaien noch Theaterprofis, sondern Theateramateure. Und so war fast zwangsläfig (wenn auch ohne Gegenwehr von den nichtdarstellenden Performanceveranstalterinnen) das primäre Ergebnis der Performance die Realisation eines Bilds der Amateurhure als Amateurdarsteller; und zwar - durchaus im Einklang mit der `ein bissl was geht immer, richtig was geht nie'-Produktion - ein liebes, nettes Bild mit lauter sympathischen Menschen.
Die hielten sich brav die auf die Stühle gelegten Zettel mit so originellen Aufschriften wie `Sind sie gebildet?' oder `Haben sie gut geschlafen?' oder `Betrügen sie ihren Partner?' entgegen und wollten gerne tauschen, ehe sie entdeckten, dass man sie zusammenknüllen und auf die Darstellerinnen werfen kann - und sich darob köstlich amüsierten. (Umsomehr als davor ihre Papierfliegerversuche kläglich scheiterten.) Schliesslicher Tiefpunkt der küstlichen Entwicklung von Theaterintelligenz war das Verhängen der beiden Fernseher mit Jacken durch zwei besonders umtriebige Probanden.
Die einzige Entschädigung für die ganze Unbedenklichkeit war für den Rezensenten die Anregung zur Reflexion des gescheiterten Konzepts (was der Veranstaltung die zweifelhafte Ehre einbringt, hier rezensiert zu werden). Im übrigen war es sicherlich ein Glück f¨ur das unzusammenhägende Laienpärchen, das die Menge von horizontalen Pärchen und einzelnen Individuen vertikal in der Mitte trennte, er fett in der untersten, sie dürr in der obersten der drei oder vier gröstenteils unbesetzten Zuschauerreihen, dass er nicht (adaptiv dynamisch!!) Regie führte. Die beiden meist parallel verbogenen schwarz Fragenzeichen im Zuschauerraum wären unter seiner Kamera wohl zum ästhetischen Menetekel reduziert worden, wenn nicht gar experimentell erforscht.
Oder waren die zwei keine echten Zuschauer sondern falsche SchauspielerInnen? Vermutlich war dies das eigentliche Konzept - doch für einmal meint sogar der Rezensent, dass man das schon kennt.
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Reinhard Riedl