Zuercher Theaterkritiken 1994 - 1996,
der Gemeinheiten vierter Teil
(PAGE 6 of Zurich's Cynical Theatre Guide)
This page is the fourth out of four ZZT-Webpages which with reviews (in German) of theatre shows (including drama, ballet, contemporary dance, children's theatre) performed in Zurich, Switzerland, between January 1994 and June 1996. A list of all reviews may be found below. For further information - both in English and in German - about Zurich's rich theatre scene, go to the starting page of Zurich's Cynical Theatre Guide!
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Sämtliche Kritiken sind Originalkritiken aus den Jahren 1994 - 1996. Sie repräsentieren nicht notwendigerweise die heutige Meinung des Autors !!!
List of German reviews 1994-96 from
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Der Franzos im Ybrig --
platt, platter, am Schauspielhaus
Die Serie der Regieexperimente wird auch mit der fünften Neuinzenierung dieses Jahres, 'Der Franzos im Ybrig' fortgeführt, einer Adaption eines (sommerlichen) Laienstücks mit bekannten Zürcher Publikumslieblingen. Insbesondere Mathias Gnädiger versteht es, das Publikum zu faszinieren. Norbert Schwientek hingegen kann mit seinen gesanglichen Darbietungen seinen diesbezüglich guten Ruf nicht bestätigen. Trotzdem, einschliesslich manchem bekannten weiblichen Untalent bieten alle Darsteller gute Leistungen. Nur schadet dies dem Ganzen, das aus einer simplen Geschichte besteht, und damit kaum zusammenhängenden pseudosurrealistischgen Szenen. Plus einer Musik, die in ihrer Biederkeit schon fast wehtut -- abgesehen von dem einen oder anderen lustigen alpenländischen Moment: das heisst dem einen, wo der Pfarrer zusammen mit seinen militärischen Kameraden in der Bergwinteridylle nach seiner rabiaten Köchin sehnsüchtelt. Obwohl das Stück stellenweise grossen Charme besitzt, gebärdet es sich insgesamt aber pubertär witzig und ebenso schweizkritisch.
Die Frauen prügeln Ihre Männer, die zuviel im Wirtshaus sitzen. Also benutzen diese die Gelegenheit der französischen Invasion um, in Erinnerung an Moorgarten, in die Berge zu fliehen. Ihr Ziel ist es, auf den im Tal ihre Frauen schändenden Feind Schnee und Steine zu schmeissen, von hoch droben im Gebirge. Oberlustiges diesbezügliches Resumee des Generals nach dem kläglichen Rückzug ins Tal zurück zu den warmen Weiberschössen, warum wählt Ihr denn immer den dümmsten zum General! Und selten haben wir so über die Schweizarmee so gelacht.
Die Frauen selber ergreifen die Gelegenheit eines durch die Gegend streifenden einbeinigen Militärmalers, und ficken den armen Kerl zu Tode, ehe der dann doch vom zurückgekehrten General gerettet und erschossen wird. Allein, diese Zusammenfassung ist bereis Übertreibung, denn soviel Bedenkliches erzählt die Geschichte gar nicht, sie verbraucht sich in ficki-ficki Sprüchen und surrealen Gnädigerauftritten. Der Schluss, nämlich der Todesschuss ist brav und anständig, und als solcher nicht einmal bemerkenswert peinlich, nach der vorangegangen Mischung aus deplaziertem Kitsch und schauerlich schönen Theaterpossen.
Die Botschaft, die Männer sind so dumm, ist desillusionierend für jeden echten Mann. Selten wure so hart Gericht gehalten mit uns Männern, und wir müssen es betrübt zur Kenntnis nehmen: Selbstironie ist unsere, das heisst des Autors und des Regisseurs, Stärke nicht. Abrechnungen wie im 'Franzos im Ybrig' sollte man vielleicht doch besser Frauen überlassen, deren Kritik am männlichen Schweiztum ein bisschen sarkastischer ist. Sonst ändert sich nichts, und wir werden weiter zu Hause von den Weibern geschlagen, als Schweizer.
Die Siebente Nacht --- Absturz
in die Langeweile des Chaotischen
Nach der erfolgreichen und künstlerisch starken Produktion 'Liebäugeln' in der Gessnerallee letzten Herbst versucht sich das Vaudevilletheater jetzt an Shakespeare, um die geniale Leichtigkeit der 'Dreikoenigsnacht'\footnote{'Twelfth Night'} -- besser bekannt unter dem Titel 'Was ihr wollt'\footnote{'What You Will'} --, durch flottes Temperament und schönen Gesang zu aufzubessern.
Die Rollen werden oft gewechselt: ihre Verteilung wird vorgeblich on-stage ausgelost, und dem Publikum durch die Verteilung der Hüte signalisiert. Das auf diese Weise entstehende Chaotische wird durch Gesang, der mehr und manchmal auch weniger mit den Motiven des Stücks zu tun hat, aufgeputzt.
Wer den Text nicht kennt, muss sich Mühe geben, die zerhackte Geschichte zumindest teilweise zu verstehen. Wer den Text kennt, erfährt durch diese Darstellung dessen Belanglosigkeit -- und stellt sich vermutlich die Frage, wozu ein derartig nichtsagendes Stück überhaupt geschrieben wurde -- wenn er nicht, wie der Verfasser dieser Zeilen, sich im Kampf mit dem Schlaf verausgabt.
Zu Beginn ist noch manche Pointe unterhaltsam, wenngleich auch die meisten stückfremden Gags in die Hose gehen, im Laufe der Zeit ist die permanente Vergewaltigung des Stücks aber sehr ermüdend, und obwohl die textlich stark gestutzte Aufführung keine 70 Minuten dauert, hatte der Kritiker am Ende das Gefühl, ein grosses Drama überstanden zu haben.
Das Mädel aus der Vorstadt -- Erfreuliches Laientheater
Grosse Theaterschriftsteller sind jene, die Laien- und Volksschauspieler
aushalten. Johann N.N.\footnote{österreichischer Schundschriftsteller, mit einschlägiger Häfenerfahrung} besteht diese (zweit-)schwierigste aller Theaterprüfungen, nämlich die Laienvorführung, im Theater Karl der Grosse\footnote{in einer Produktion des Estrichtheaters} mit Bravour (- was bei einem Schriftsteller, bei dem sogar Otto Schenk ein bisschen glänzt, nicht überrascht).
Nicht dass ein Wunder passieren würde und ein gutes Laientheater zustande käme, immerhin aber wird die Kraft von Nestroys Sprache offenbar, wird ihre skurill überdrehte Logik sinnlich fassbar und an einigen Stellen gähnt sogar unter der Oberfläche der sprachlichen Purzelbäume und menschlichen Lächerlichkeiten der Abgrund unter dem doppelten Boden, über den sich die Charaktere winden.
Das Österreichische an N.'s Sprache überfordert die Laienschauspieler bisweilen. Nur der Darsteller des Schnoferl kommt damit zu Rande, die anderen schwanken unentschlossen zwischen Austriacismen und Schweizerismen. Die Darstellerin der Frau von Erbsenstein glänzt vor allem im schweigenden Teil ihrer Rolle, trotzdem gelingt es ihr, zumindest in Ansätzen überzeugend, ihre Frau zu stehen\footnote{es ist insbesondere ihr Stehen, das imponiert.}. Die Kraft der Inszenierung liegt aber vor allem in den Näherinnen, in ihrer ansteckenden Fröhlichkeit, die den Kontrastgrund gibt für die Gemeinheit der Gutbürgerlichen (freilich ohne die Peinlichkeit von moralischer Überlegenheit). Moralisch integer ist bei dem Zyniker Nestroy und dem Estrichtheater überhaupt nur eine, die über allen (Männern) stehende, oder besser thronende, Witwe Erbsenstein. Neben ihr, Schnoferl (dem ein bisschen die Partner für eine überzeugendere Leistung fehlen -- nur im Angesicht seiner Sonne Erbsenstein macht er sich überzeugend zum Narren), und den Näherinnen bleibt das Liebespaar blass und laienhaft. Thekla schaut zwar hinreissend aus, doch wenn sie den Mund aufmacht hört man es -- zum Glück -- kaum und ihr Anbeter ist allzu lächerlich. Auch dem böse Onkel, der wohl schwierigsten, weil oberflächlichsten Rolle, fehlt es an Echtheit und der Lebenssaft aus dem sich dieses Subjekt nährt bleibt unklar. (Mal versucht er den Wiener Hallodri zu mimen, mal ist er ganz Schweizer Kapitalist -- was natürlich auch (politische ?) Absicht der Regie sein könnte).
Wenn auch oft die Melodie nicht stimmt, und es einen bisweilen graust bei den vokalen Verbrechen der Akteure des Estrichtheaters, so gelingt der Abend trotzdem zur niveauvollen Unterhaltung, weit entfernt vom Frohen Schmutz des Boulevardtheaters der Zeitgenossen Nestroys und unsereiner. Die mögliche alltägliche Tragödie, die im Hintergrund droht, wird mit Witz und Fröhlichkeit unter den Tisch gekehrt, gerade so wie die Teller, die von den Darstellerinnen der Näherinnen in der Hektik der Aufführung, scheinbar unbeabsichtigterweise, zerbrochen werden. Dabei ist vieles laienhafte Unfähigkeit, nicht weniges aber auch beabsichtigtes Theater, Lügen, die nicht die Realität entstellen und das Publikum beteuben wollen, sondern sie mit gewandtem Schwindel in ihrem Sinne gewichten.
Statt mit zwanghafter Pseudoprofessionalität versucht das Estrichtheater das Publikum mit seiner eigenen Begeisterung und Freude am Spielen mitzureissen, mit einigen klugen billigen Theatertricks (ein Teil der Aufführung findet im Garten vor dem grossen Fenster im Theater Karl der Grosse statt, trotz Regen, was das Publikum besonders amüsiert) und letztlich vor allem mit einer der bemerkenswertesten Komödien der deutschen dramatischen Literatur. Der Erfolg bei diesem Versuch ist immerhin durchschnittliches Theater, für Laien etwas Aussergewöhnliches. Und für Zürich ein sehr erfreulicher Theaterimpuls, den sich hoffentlich viele bedeutungsschwangere Zürcher Laien- und Halbprofikünstler zu Gemüte führen.
P.S. Da diese Kritikserie unter fehlendem Niveau leidet, und es mit dem nicht vorhandenen Niveau sogar von Mal zu Mal noch weiter bergab geht, wollen wir uns in Zukunft die Nzz zum Vorbild nehmen -- und zwar nicht nur bei der Haarmode, wir meinen es wirklich ernst und wenn wir die Nzz lesen, müsst es uns schon die Kniescheiben zerschmettern tun, wenn wir dabei nicht auf die Kniefallen oder gar auf dem Bauch liegen vor lauter Ehefurcht \footnote{dem kindlichen Gemüt des Verfassers entsprechender Ausdruck für Ehrfurcht -- vgl. die Predigten des Pfarrers Jakob Romer zu Effretikon} -- und eine Musikkritik anfügen, in italic, damit es Sie Banausen Sie merken\footnote{vgl. die Nzz-Kritik zu Fabulazzo}. Musikalisch überzeugt der Abend gar nicht, denn gerade die Originalmusik entstellt das Gedankengut des Liberalismus.
Abgesehen davon, produziert sie sich in der Manier der Katzenmusik. Sollte sie diese Kritik nicht restlos überzeugt haben, kann dies nur daran liegen, dass der Verfasser seine guten Vorsätze, der Nzz recht nachzueifern, erst nach dem Sehen des Stücks gefass t hat, und ihm beim Abfassen dieser Kritik keine Live-Mitschrift zur Verfügung stand. Aber im Grunde sind das ja lauter Gemeinheiten.
Alte Kritiken --- April/Mai '94
Fabulazzo -- Entschärfter Fo
Dario Fo zu entschärfen sichert einem die gute Kritik der NZZ,
wenn auch das Restrisiko bleibt, das der musikalische Kunstverstand
des NZZ--Kritikers darstellt. Den Theaterabend 'Fabulazzo' im Theater an der
Winkelwiese lobend zu erwähnen ist weiters, dass
der Tagikritiker angstfrei wurde. Empfehlenswert ist die Aufführung auch
deshalb, weil im Publikum (fast) jeder jeden kennt und es viele Bussi
gibt, wenn man davon absieht, dass den Herrn Hummel und mich natürlich
wieder einmal niemand gekannt hat und wir unabgebusselt nach Hause gehen
durften.
E.Scanzi erzählt, begleitet von einer Klavierspielerin,
in Schweizerdeutsch drei Geschichten: eine vom Mann, der von Jesus,
einem schönen, langhaarigen
Subjekt, auf den Mund geküsst wird und so die Gabe des
Erzählens erfährt und zum Geschichtenerzähler wird,
eine über das Lazaruswunder als Jahrmarktveranstaltung auf dem
Friedhof und eine vom Maosoldaten mit faulendem Bein, der
Freundschaft schliesst mit einer Tigerin, die ihre Muttermilch nicht loswird.
Diese Geschichten werden spannend erzählt, wobei sich der Zuschauer selbst
im Spiegel der naiven, bisweilen ein bisschen einfältigen, Begeisterung
der Klavierspielerin betrachten kann (leider, liebe NZZ, bekommen Sie null
Punkte für Ihre Musikkritik -- Thema verfehlt).
Scanzi ist sehr präsent auf der Bühne, und es gelingt ihm, die Zuschauer
mit seinen recht banalen Geschichten zu fesseln. Der Geschichtenerzähler,
den er darstellt, erlebt selbst keine Geschichten, sondern
lebt davon, gehörte Geschichten weiterzuerzählen,
in der Ichform, zugleich als klassischer Aufschneider und als
sicherer und souveräner Handwerker. Er streut dabei
nur wenige Mätzchen ein, muss zwar ab und zu (recht mässig) singen,
kommt aber mit relativ dezenter Gestik und ohne grossen Pathos aus.
Trotzdem beherrscht er stets den ganzen Raum.
Leider fehlen in den (umgeschriebenen) Geschichten und ihrer Darbringung
politischer Aspekte, wie die NZZ zu recht bemerkt hat, fast völlig;
also genau jene Qualitäten, für die Dario Fo berühmt ist.
Ein bisschen Provokation und ein bisschen Witz bleiben trotzdem,
unbemerkt von manchen, zum Beispiel die
Darstellung des in katholischen (und natürlich auch anderen,
insbesondere atheistischen) Kreisen weit verbreiten, an Bildchen hängenden
Kinderglaubens.
Alles in allem ist es ein bisschen bedenklich, aber nicht wirklich
allzusehr. Haben wir, wie manche Zeitungen meinen, dies uns wirklich
verdient ? Sooo besonders amüsant ist Fabulazzo nicht und sooo
toll sein Erzählen auch nicht, dass es uns verzücken könnte, ohne
uns etwas zu erzählen. Vermutlich doch: die einen Scanzi als brüllenden chinesischen
Tiger, die anderen Dario Fo.
Yvonne, die Burgunderprinzessin --
no power, no cry !
Nach ihrer 1maligen künstlerischen Leistung in Antigone (Jänner, Februar
im Depot Hardturm) dümpelt
die heurige Abschlussklasse der SAZ wieder vor sich hin, diesmal
mit einem Stück des Polen W.Gombrowicz aus dem Jahr '38:
'Yvonne, die Burgunderprinzessin',
die Geschichte eines jungen Mädchens, das mit ihrem stumpfsinnigen
Dahinvegetieren zuerst den Thronfolger und dann den ganzen Königshof
so provoziert, dass sie zur Verlobten des Thronfolgers und Prinzessin von
Burgund erhoben wird und schliesslich, nachdem sich der ganze Königshof
als schwachsinnig selbst entlarvt hat, ermordet wird, indem sie
erwartungsgemäss an den kredenzten kretenreichen Karauschen erstickt.
Ausser dem absurden Inhalt und der bei Aufführungen
der SAZ im Depot Hardturm bereits zur guten Tradition gehörenden besonders
intensiven live-Atmosphäre, wird dem Publikum allerdings wenig
bis gar nichts geboten,
abgesehen von darstellerischer Hilflosigkeit und jugendlicher
Temperamentlosigkeit. Schon im ersten Auftritt wird man
peinlich an die den zu spielenden Rollen unangemessene Jugend der
Darsteller erinnert und dieser Schultheatereindruck dominiert bis zum Schluss .
Die klischeehafte, ideen- und vor allem konzeptlose Regie von Barbara Frey
entschärft das Pubertäre an Gombrowicz' skurilem Stück,
ohne ihm aber Logik
und/oder dramatische Konsequenz geben zu können (oder zu wollen). So bleibt
nur saft- und kraftloser, pseudo-origineller, unverständlicher --
und letzten Endes nur fader --
jugendlicher Unfug übrig. Babara Frey versucht brav erprobte
Theaterchiffren und Gags einzusetzen --
das Geschwätz und Gekicher des Hofstaats, das huldvoll-neurotische
Beschwichtigungslachen der Königin, den Rückfall der Königin
in ihre bayrische Muttersprache in mörderischer Erregung,
den Gewinn eines Orgasmus durch
intensive Massage des eigenen Beins, die 2 selbstverständlich
schweizerisches Hochdeutsch redenden Beamten, die das Publikum herrlich
amüsieren (mal was ganz Neues), das Arschkratzen, das ebensounvermittelt
abtritt wie es den Hofstaat befallen hat, ... --
doch was dabei herauskommt
ist nur der Ausdruck der Überforderung der Schauspieler,
nicht aber der dargestellten Charaktere, die hinter ihren
schülerhaften Darstellern kaum jemals zum Vorschein kommen,
wobei auch die Chance, dies zur beabsichtigten, den Inhalt widerspiegelnden
Form zu machen nicht genutzt wird -- jede Form von Penetranz ist der Regie fremd.
Damit gelingt es der Regisseurin freilich, und vielleicht ist dies die
spezifische Qualität dieses Theaterabends, sowohl Inhalt als
auch Stil von Gombrowicz' Stück erfolgreich ad absurdum nullum zu führen.
Die teilnahmslos vor sich hin stumpfende Yvonne reizt bei Barbara Frey
niemanden zur Gewalttat, sondern provoziert nur lahmarschigen Schwachsinn,
vor allem bei der Regisseurin und den Schauspielern.
Angesichts dieses kollektiven Ausbruchs an Temperamentlosigkeit
und Gestaltungsunfähigkeit
kann der Kritiker zu seinem eigenen grössten Bedauern,
unter Vergiessen einiger dicker Krokodilstränen, zum Besuch
dieser Aufführung der von ihm ansonsten sehr geschätzten SAZ
nicht raten. (Hören Sie sich lieber die Gaierwalli II von
Wolfgang Ambros an!)
Wenn dieser ganze Unfug von erwachsenen Schauspielern auf einer grossen Bühne
verbrochen würde, dem süssen Schlummer des Publikums stände
nichts im Wege. So aber rettet sich die SAZ mit Charme der Jugend und der
besonderen Atmosphäre des Depots irgendwie über die Zeit und ergattert
sogar gezählte 3 Klatscher von der (eifrig mitschreibenden) Tagikritikerin.
Yvonne, die Burgunderprinzessin ist ziemlich unbedenklich, aber nicht ganz.
Alte Kritiken --- Jänner '94
Ai lav iu --- 2 Parabeln
Ai lav iu (Theatersaal Rigiblick) erzählt 2 Parabeln:\\ Die erste,
beabsichtigte, Parabel erzählt von der
Liebe - Sie wissen schon, niemand weiss was sie ist, aber trotzdem, sie
erfreut das Herz -, die über den Spott triumphiert: das naive Jungwesen
aus der Welt der Spötter wird von seinen Altwesen aufgeklärt über die
Liebe bei den Menschen und entschliesst sich bezaubernderweise bei den
Menschen zu bleiben.\\
Die zweite, unbeabsichtigte, Parabel demonstriert den Triumph des Spotts
über die Liebe: Im zweiten Teil wird eine Fernsehshow
zum Thema Liebe
so naiv vorgeführt,
dass ihre menschenverachtenden Konzepte, Moral zu heucheln um das Publikum
mit Perversionen aufzugeilen und Selbstironie vorzutäuschen um
schamlos dem Publikum seinen Wunsch nach unmöglichen Preisen
- nämlich der grossen Liebe und dem grossen Glück als Quizpreis- zu
erfüllen, im Theatersaal selbst voll aufgehen.\\ Ein echtes romantisches
Abendessen zu zweit wird verschenkt, nachdem man mit sanfter Penetranz dafür
gesorgt hat dass der männliche Preisträger seine/n Mitgewinner/in auch
wirklich aus dem Hut mit den weiblichen Kandidatinnen zieht, ganz so wie
man es in einer TV-Partnerschaftsshow erwarten würde, freilich
offensichtlich ohne dass sich die Theatermacher dessen bewusst wären;
sie haben ihre moderne Moral "nur auf die Liebe kommt es an und wer das
nicht versteht ist böse" bereits
demonstriert am Beispiel einer mittelalterlichen Frau die Sex mit einem
$12 \frac 12$-jährigen hatte.\\
Das ganze Stück wird in so einer totalen Harmlosigkeit vorgetragen, dass
man gar nicht dazukommt, sich die Frage nach erwachsener
Verantwortung zu stellen. Die Fröhlichkeit der Schauspieler steckt an,
die Darstellung anmutigster weiblicher Dummheit durch das "soft voice TV
Häschen" fasziniert, die musikalischen Einlagen werden mit Witz und
Charme vorgetragen, und doch wird das Publikum desavouiert - freilich
ohne Absicht. Anders als letzten Frühling in der Doppelaufführung
Festung/ Katarakt im Schauspielhauskeller meinen es die Leute von
'Ai lav iu' gut mit dem Publikum. Während man in Festung/ Katarakt das
Publikum Scheisse konsumieren liess und sich dann noch im begeisterten
Applaus suhlte, bleibt 'Ai lav iu' eine belanglose, nette, herzerwärmende
Aufführung, die nur zufällig dem Publikum den Spiegel vors
Gesicht hält. Nichts wird von den Schauspielern riskiert,
nichts wird dem Publikum wirklich geboten, die Kosten
trägt, wenn überhaupt jemand, das Publikum. Schauspielerische
Defizite (die Moderatorin der TV-Show ist
so schlecht, dass sie im Fernsehen keine Chancen hätte zu bestehen) und
textliche Peinlichkeiten - bisweilen wird man an eine Schüleraufführung
erinnert - fallen da kaum ins Gewicht.\\
Fazit, allen die eine nette erfreuliche Unterhaltung gerne haben, die
Single sind oder sich mit ihrem Partner langweilen und eine Kompensation
dafür im Theater suchen, ist der Besuch von 'Ai lav iu' sehr zu empfehlen.
'Ai lav iu' ist Theater so richtig zum Verlieben. Ausserdem hat die
Aufführung zweifelsohne allgemeinen therapeutischen Wert aufgrund
ihrer ansteckenden Fröhlichkeit. Trotzdem gilt der Applaus des Kritikers
jenen beiden Zuschauerinnen, die nach der Pause die
ganze Veranstaltung durch die Bierflasche in der
Hand kommentierten.
Sternstunde --- versäumt
Sternstunde, im Zauber von Circus und Variet\'e (Puppentheater Bleisch im
Zürcher Puppentheater) ist eine Aneinanderreihung von mehr und von weniger
entzückenden Puppennummern, die in einem Zirkus spielen. Die Aufführung
könnte eine Sternstunde des Theaters sein, wenn sie den
Mut aufbrächte, nicht nur in einigen faszinierenden Szenen die Welt
des Circus als teils amüsant skurile, teils monströs grausame
Absurdität vorzuführen, sondern sich völlig von den etablierten,
reizend niedlichen
Gesten des Puppentheaters und des Kinderzeichentrickfilms zu lösen, um ein
Zirkuswelttheater zu spielen. Leider bleibt es nur bei Ansätzen,
und die guten Szenen,
in denen die Puppen sich als erstaunlich präzises Mittel zur Reduktion
auf wesentliche Erscheinungsstrukturen erweisen, vermitteln fast
den Eindruck das Ergebnis des Zufalls und nicht beabsichtigte Wirkung zu sein.
Gemischt werden sie mit konventionellem Puppentheatergestus, der
auf den Kindchenschemaeffekt beim Publikum spekuliert und einer
mässig erzählten Geschichte vom kleinen Clown mit seinem
Traumkoffer, der die schöne Artistin liebt. Die Vorstellung endet mit
einem besinnlichen Märchentraum des kleinen Clowns und dem sanften
Entschlafen des Publikums.
Der Puppenspieler und die Puppenspielerin zeigen sich recht stimmsicher
wenn sie ihre Figuren sprechen lassen, haben aber bisweilen kleinere
Schwierigkeiten mit der technischen Bedienung der Handpuppen.
Die Puppen selbst sind natürlich die Stars des Abends: zum Beispiel der
rosa Elephant, der in genial einfacher Weise den Widerspruch zwischen
natürlicher Elephantenmotorik und angelernten Kunststücken zum
Ausdruck bringt. Allerdings ist die Elephantennummer auch ein typisches
Beispiel dafür, wie die Inszenierung an ihrer Konzeptlosigkeit scheitert:
die Szene endet mit einem nett anzuschauenden Elephantentanz in
Menschenpose
(auf den Hinterbeinen gerade aufgerichtet - so wie es einem
in ähnlicher Weise in Kinderzeichentrickfilmen vorgesetzt wird).
An diesem Widerspruch zwischen gemeinem Realismus (die vom Clown
geliebte Artistin ist nichts anderes als eine Nackttänzerin) und
farbenfrohem poppig flottem Kindertheater scheitert die
Inszenierung - noch bevor sie in der Märchenstunde besinnlich einschläft.
Trotzdem, Sternstunde demonstriert, bisweilen sehr eindrucksvoll, mit
gemeinem, aber nicht menschen- oder tierverachtendem Witz, dass Puppentheater
ein überaus reiches Medium für Theaterkunst sein könnte.
Aber es zeigt auch, dass ohne ein gewisses Mass an Konzept und Regie
die faszinierendsten Einfälle schnell zur netten Unterhaltung verkommen.
Fazit: Sternstunde ist ein interessanter Theaterabend,
der Möglichkeiten aufzeigt, sie aber nicht nützt.
BETON --- Bernhard und Direktor
Als wär's ein Stück von Thomas Bernhard. Mit dem Gastspiel 'Beton',
einer szenischen Aufführung des Prosatexts 'Beton' von Thomas Bernhard durch
Peter Fitz unter der Regie von Hermann Beil, verwirklicht sich das
Neumarkttheater wieder einmal als Kleinösterreich. Diesmal freilich,
anders als bei früheren Gelegenheiten, nicht durch Beschränkung auf
biederste künstlerische Provinzialität, sondern durch eine ganzheitliche
Aufführung österreichischen Welttheaters wie es so oft beschrieben und
vor allem auch inszeniert wurde vom grossen österreichischen Volksdichter.
Das Publikum bietet hierfür willig die Bernhard'sche FKK-Atmosphäre und auch der
liebe Herr Direktor spielt brav mit, als wär alles vom Herrn Thomas persönlich
(oder gar von Peymann) inszeniert. Dabei charmiert's von allen Ecken,
auch dem bekannten Weltwoche-puff hinter der Garderobe - ein echter Wiener
müsste erblassen vor Neid. Der Herr Direktor schleimt
sich an eine Dame, die im Zusammenhang mit der Presse steht, heran, auf die
virtuoseste Art und Weise, so dass man es gar nicht merken würde, wenn man ein
galantes Schwein wäre. In Minutenschnelle schafft er es, der Dame ein
Ganzkörperkondom überzuziehen aus galantestem Wohlwollen für ihre
bildhübsche Tochter, die ihn vor kurzem so klug in die Mangel genommen hat -
des Grausens schreckliche Schöhnheit könnte nicht innerlicher sein im
wirklichen Österreich. Ebenfalls gut ins Bild passt die intellektuelle
Armleuchterei die von all den schönen, fast ausnahmslos dunkel
bis schwarz gekleideten, Menschen geistig zur Veranstaltung beigetragen
wird und uns die besten Hoffnungen machen darf, dass man bald intellektuelle
Computer, zumindest aber Theaterzuschauerautomaten wird bauen können.
Üble Gestalten gibt es vielleicht einige im Publikum, sie gehen aber unter
im Geschwätz eines allernaivsten Gesindels -- wenn der
Österreicher ein Deutscher oder Schweizer wäre, er müsste ein
Zürcher sein.
Bernhard ist unser Verbündeter; aber er ist ein
guter Verbündeter, denn er missbraucht unser Gelächter
als betonerne Nachtkulisse, in die er seine Figur Rudolf hineinstellt, damit Elend
sichtbar wird, unser Elend, personifiziert durch eine komische Figur, die
nichtsdestotrotz vermutlich unser bestes, anständigstes Ich ist. Rudolf
ist ein Versager, unsere Versagen, und er ist ein Überlebender seines
Versagens, unser
Überleben. Seine Geschichte ist so im Oberösterreichischen verhaftet,
wie sie provinzieller nicht sein könnte, und sie ist zugleich universalstes
Welttheater, wie es oberösterreichischer nicht sein könnte.
Peter Fitz ist zu alt für diese Rolle, was bisweilen irritiert, dafür
aber zieht er alle komödiantischen Register um das Elend
überzogener geistiger Ambitionen, deren realistische Möglichkeiten aus
Bequemlichkeit und Faulheit unter vielen verlogenen Ausreden
vertan wurden, und nunmehr scheinbar völlig unerreichbare sind, freizulegen und in
seiner einfachen Furchtbarkeit sichtbar zu machen als Grund über dem sich
Bernhards selbstverachtender Witz spiegelt.
Die Aufführung beginnt wie sie endet, mit einem Rudolf der der Musik
Mendelssohn-Bartholdys lauscht; doch was als Überteiberkomödie, die im Du
Schopenhauers Philosophie verwirklicht sieht, begonnen hat, stellt sich
am Ende als Überleberelend heraus, als Elend eines Mannes dessen Sprache
nicht ohnmächtige Übertreibung, sondern emotional fast überwältigende
Darstellung der Furchtbarkeit an sich ist, die unsere Existenz eignet.
Dazwischen liegt
eine schauspielerisch virtuos vorgetragene Selbstanalyse, allesverachtend
zuerst, die im Verlauf des Abends zur Bejahung der Mitmenschen und damit
des eigenen Überlebens gelangt, was jedoch nicht zum erhofften genussvollen
Urlaub auf Mallorca, sondern im Bernhard'schen Sinn konsequenterweise
nur zur Wahrnehmung des grausigen Elends der
anderen führt.
Beeindruckend sind vor allem
die Darstellung des unbegreiflichen unter aller intellektueller Geistigkeit wirkenden
Lebensprinzips und die daraus resultierenden emotionalen Schwankungen Rudolfs,
dessen konsequent widersprüchliches, nicht wirklich fassbares Ergebnis
Rudolfs Überleben in der Sprache seines Prosatexts ist und die Wahrnehmung
der völligen und realen Trostlosigkeit des Lebens, unseres Betons.
Statt der von Rudolf angestrebten, seit 10 Jahren beabsichtigten,
Arbeit über Mendelssohn-Bartholdy ensteht die Selbst- und
Weltabrechnung 'Beton', Dokument eines Überlebens, das in der variablen
österreichischen Tradition 'Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst',
steht. Die Aufführung endet mit hoffnungsloser nachtschwarzer Kälte,
die nichts umhüllt als eben Beton.
'Beton' ist eine Aufführung, die nicht nur allen sympathischen Menschen
zu empfehlen ist - die Veranstaltung bedarf ihrer Statisten, denn ein Direktor
allein wäre gegen die Furchtbarkeit der Bernhard'schen Sprache verloren -
sondern auch jenen, die sich vom Theater mehr als nur einen
geistigen Verhinderungsgrund für die Erfüllung ehelicher Pflichten erwarten.
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Dipl. Ing. Dr. phil. Reinhard Riedl
Institut für Informatik
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