Zuercher Theaterkritiken 1994 - 1996,
der Gemeinheiten zweiter Teil:

STEPS DANCE FESTIVALS '94 and '96
(PAGE 4 of Zurich's Cynical Theatre Guide)




This page is the second out of four ZZT-Webpages which with reviews in German of theatre shows (including drama, ballet, contemporary dance, children's theatre) performed in Zurich, Switzerland, between January 1994 and June 1996. A list of all reviews may be found below. For further information - both in English and in German - about Zurich's rich theatre scene, go to the starting page of Zurich's Cynical Theatre Guide!



Sämtliche Kritiken sind Originalkritiken aus den Jahren 1994 - 1996. Sie repräsentieren nicht notwendigerweise die heutige Meinung des Autors !!!



List of all our reviews from 1994 to 1996


  • First Page (not this one)
    Oleanna versus Medea / Gras/ Visions fugitives (Schauspielhaus, Opernhaus), Die Irre von Chaillot (Depot Hardturm Saal II, kitz), Beton (Gastspiel im Theater am Neumarkt), The Seven Streams of the River Ota I and II (Werft, R. Lepage ..., Theaterspektakel '95), Backroom (Theater am Neumarkt);

  • Second Page (THIS PAGE)

  • Third Page (not this one)
    Sunshine (Theater Heddy Maria Wettstein, Schauspielakademie), Trüber Spätherbst '95 , Der Mensch, das Tier und die Tugend (Schauspielhaus), nachtschatten (Theatersaal Rigiblick, compagnie n'est-ce-pas), Driving Miss Daisy (Theater am Hechtplatz), Sommertheaterfest '96 , Der reizende Reigen des reizenden Herrn Schnitzler (Schauspielhauskeller);

  • Fourth Page (not this one)
    Der Franzos im Ybrig (Schauspielhaus), Die Siebente Nacht (Theater am Hechtplatz, Vaudeville Theater), Das Mädel aus der Vorstadt (Theater Karl der Grosse, ...), März 94: Fabulazzo (Theater an der Winkelwiese, E. Scanzi), Burgunderprinzessin (Depot Hardturm Saal II, Schauspielakademie), Jänner 94: Ai lav u (Theatersaal Rigiblick, ...), Sternstunde (Puppentheater, ...), Beton (Theater Neumarkt, Gastspiel ...);





    STEPS '96 -- zwiespältiger Beginn,
    oder das SAZ--Theater, wie es leibt und lebt

    'Kunst und Kitsch' scheint das heurige Motto des MIGROS--Tanzfestivals Steps '96 zu sein, viel Kitsch und wenig Kunst, wie zu befürchten ist. Letzteres wenige bot der 'Othello' des Theaterhauses Stuttgart zum Zürcher Auftakt, mit Ismael Ivo in der Rolle des Othello unter der Regie des Skandalbruders Johann Kresnik aus dem Alpenkulturland Österreich. Wenngleich auch die Geschichte -- eine Adaption von Shakespeares Othello, welche "bis ins Extreme die Begrenzungen einer Gesellschaftsordnung, in der alles Fremde und Abweichende eliminiert wird" zeigen will -- oft unklar bleibt, und die Erotik recht trocken, so ist diese in elisabethanischer Tradition ausschliesslich von Männern getanzte Produktion doch Tanztheater im eigentlichen Sinn des Wortes, mit einigen sehr transparenten politischen Szenen und einem zum Teil wunderschönen, ausdrucksstarken Pas de deux von Othello und Desdemona. Ein noch grösserer Genuss wäre es freilich gewesen, wenn die Sitze nicht so unbequem wären im SAZ-Theater, und die Bühne ein bisschen grösser. Beides bietet der Stadthof 11, wo eine dritte Vorstellung dieser Produktion am 11. Mai zu sehen sein wird.

    Das mehrere boten hingegen die Express Roller Dance Company von Steve Love und Peter Pucci Plus Dancers, beide aus New York. Während Steve Love's Express Roller Dance immerhin noch gewisses Amüsement bot, aus dem Schatzkästlein amerikanischer Unterhaltung, indem er den Zuschauern eine Geisterbahnfahrt durch das Horrorkabinett strahlenden amerikanischen Lächelns offerierte, übergossen Peter Pucci und seine physisch überzeugend, aber spannungslos tanzende Company das Publikum mit durchaus europatauglicher Scheisse kitschigster Art.

    Bei Steve Love lernt der Zuschauer, worauf es ankommt bei den Damen, dass sie ihr süsses Poposcherl recht weit raustrecken, den Entlein gleich. Bei Peter Pucci lernt er noch mehr: erotische Kunst a la Playboy ist out, und ward vom hübschen Publikum nur mit recht mässigem Applaus bedacht, nackte Haxerln an höfische Kostümchen sind in, und wurden begeistert gefeiert. -- Positiv aufgenommen wurde auch peinlicher männlicher religiöser Pathos. -- Den meisten Zuschauern war dies zwar süss, aber vermutlich nichts Besonderes. Der Rezensenten, welchem aufgrund seiner Abenteuer im Zürcher Theatersumpf die Samstagabendunterhaltung im Fernsehen üblicherweise entgeht\footnote{mag der Pfarrer zu St. Martin in Effretikon die fernseherische Verweigerung seiner thumben Thoren noch so verdammen}, musste hingegen diesbezüglichen Nachholbedarf befiedigen. Ein paar Backhenderlhaxerl, oder auch Flügerl, wären ihm freilich lieber gewesen. Und wenn eine Agnes Gebaur ihm über den Weg gelaufen wäre, man hätte mit manchem rechnen müssen -- er war sogar nahe dran, nach längerer Zeit wieder einmal eine seiner öffentlichen Bemerkungen zu machen.\footnote{als Besitzer eines Tanzabos hat er allerdings seine Glaubwürdigkeit verspielt und man sollte seine Wahrhaftigkeit ernsthaft in Frage stellen.}

    Alle bisherigen Zürcher Steps--Vorstellungen -- auch 'Tumbuka', was dem Vernehmen nach ähnlich schrecklich wie die beiden New Yorker Produktionen war -- fanden im Schauspielakademietheater statt, das damit auf eigenwillige Weise seinen Ruf weiter etablierte, derzeit das interessante Zürcher Theater zu sein: Mit 'Das Jagdgewehr', 'Un Tartuffe', 'Ali' und 'Othello', waren ungefähr ein Drittel der interessantesten Theaterproduktionen dieser Saison in Zürich im SAZ--Theater zu sehen\footnote{mit 'Musik für Stimme und Schlagzeug' freilich auch eine der schwächsten} -- der 'Peer Gynt' des Teatro dell'Elfo nicht berücksichtigt, weil ich ihn nicht gesehen habe -- und mit den 'I segni dell'anima' des sehenswerten Behindertentheaters Teatro Kismet OperA und den Vorsprechen der letztjährigen AbsolventInnen zwei weitere bemerkenswerte Theaterereignisse. Dass man das Publikum auch mit amerikanischem Kitsch bedient, scheint mir dabei eine durchaus wertvolle Ergänzung des ansonsten künstlerisch orientierten Programms zu sein.






    Migros Amerikabild
    oder Die Mehrverleider und die Minderhässlichen
    (2. Zwischenbericht nach 8 von 12 Produktionen in Zürich)

    Im zweiten Drittel des Migros--Tanzpokals dominierte die Kunst eindeutig den Kitsch, ohne jedoch vorentscheidende Punkte zu machen. Nach der privaten Statistik des Rezensenten, welche allerdings das nichtgesehene 'Tumbuka' nicht mitberücksichtigt, ist das künstlerische Niveau von STEPS '96 am besseren Ende des 'Harmlosen' angesiedelt, klar besser als der Zürcher Theaterdurchschnitt\footnote{der in der schwächeren Hälfte des 'Harmlosen' liegt}, und sogar besser als das heuer recht erfreuliche Jugendtheaterfestival 'Blickfelder'\footnote{i.e. jene drei Fünftel davon, welche ich gesehen habe}.

    Die Kanadierin Margie Gillis, welche auf der Studiobühne der Oper auftrat, war zwar eher äusserst langweilig, und rettete sich in den freundlichen Schlussapplaus hauptsächlich durch Präsentation ihrer Haarpracht\footnote{wenngleich für den Inhaber eines der Handvoll Zürcher Tanzabos ... es noch schön war}. Dafür bot das Nederlands Dans Theater 2 mit 'Lieder eines fahrenden Gesellen', 'D\'ej\`a vu', 'Skew-whiff' und 'Mellantid' grosse junge Theaterkunst und das Tokyo Ballet triumphierte mit den drei Maurice B\'ejart Choreographien 'Petrouchka', 'Le sacre du printemps' und 'Bolero' -- hauptsächlich mit den beiden letzteren. Schliesslich schenkte The Parsons Dance Company, die auch im Stadthof 11 auftrat, den Zuschauern amerikanische Hochschulidylle zwischen Micky Mouse und Playboy Special -- und erntete damit stehende Ovationen.

    Wenngleich die Choreographien von Maurice Bejart nicht gerade taufrisch sind, so waren sie doch neben dem in seiner Bildersprache machmal schwer verständlichen 'Othello' und dem beflügelnden Abend mit dem Jugendballett des Nederland Dans Theater einer der drei bisherige Höhepunkt des Festivals. 'Le sacre du printemps' ist Ballett, wie der kleine Maxi es sich vorstellt, mit einer Fülle von faszinierenden gut aufeinander abgestimmten Ideen, welche einen Frühlingsbilderbogen malen, der vom dynamischen Männlichen über das sinnliche Weibliche in die gepaarte fruchtbringende Reife und Völle des Sommers führt. Dass auf diese Weise auch dem traditionell orientierten Publikum etwas geboten wird -- und dem jungen Publikum, wie dem Rezensenten, Geschichtsunterricht -- ist ein sehr sympathischer Zug des Festivals.

    Dem steht das ganz und gar unsympathische und bisweilen geradezu grausige Bild der New Yorker Tanzszene gegenüber, das mit Steve Love's Express Roller Dance, Peter Pucci Plus Dancers und The Parsons Dance Company gezeigt wurde: oberflächlich, kitschig, mit starrer Lächelmaske oder grenzdebiler Zufriedenheit, in endloser Monotonie dahinrasend oder eben tänzelnd, so präsentiert uns Migros New York. Warum? Wozu? Weshalb? Der Minderhässlichen wegen, so scheint es, welche schier ausflippen vor Begeisterung ob dieses welken Salats.

    Steps '96 praktiziert das Migros--Kulturprozent auf demokratische Weise, in dem es in erster Linie das Mittelmass anspricht, nicht nur das intellektuelle, sondern vor allem das körperliche. Schöne Menschen brauchen Harmonie nicht im Theater zu suchen, einem an und für sich disharmonischen Ort, und hässliche werden sie kaum dort finden, wo sie von schönen Menschen ohne Wenn und Aber vorgeführt wird. Dem Mittelmass aber, das sich ansonsten in den Nächten, wo alle Katzen grau sind, mangels besserer Konkurrenz und besseren Angebots auf mehr oder weniger befriedigende Art und Weise erfolgreich damit versorgt, dem wird beim Migros--Tanzfestival reichlich davon eingeschenkt.

    Und die Mehrverleider, die schon so manche einheimische Tanzdarbietung ausgesessen haben, sie entziehen sich der Volksvergemeinsamung und stürmen aus dem Stadthof 11, sobald es dunkel geworden ist auf der Bühne und das Tosen des Applauses einsetzt. Nicht alle, freilich. Manche bleiben sitzten, nicht wissend wie sie sich verhalten sollen, schlagen vorsichtig die zarten oder auch andere Händchen zusammen, und man sieht es ihnen weithin an wenn man mit dem Rücken zur Bühne steht, ihr schlechtes Gewissen. Eigentlich war es ja schön. Doch die Moral verdirbt das natürliche Empfinden des Menschen, insbesondere, aber das sind ja wieder einmal nur Gemeinheiten.

    P.S.:
    Im übrigen, auch dies eine Gewöhnlichkeit, konnte der aufmerksame Zuschauer bei Steps '96 lernen, dass selbst einem Herausgeber W.B. einer Tanzzeitschrift manche Tanzproduktionen nicht begeistern. Sapienti sat.

    P.P.S.:
    Aus den Begeisterungen um STEPS '96 kann man mache Schlüsse ziehen, der Rezensent schlägt folgenden vor: Statt Protestschreiben gegen planlose Kürzungen des Universitätsbudgets zu verfassen, stellt der VAUZ sofort eine Tanzgruppe auf -- dabei werden bei der Auswahl der AkteurInnen in erster Linie die schönsten Oberkörper berücksichtigt, soferne sie über genügend untere Laufkondition verfügen -- und tourt mit einem vom Migros--Kulturmanagement zusammengestelltem Programm 'Über die Dörfer', wobei strengstens darauf geachtet wird, dass jeder problematische Inhalt vermieden wird -- über unmissverständliche Aufrufe zum Genozid an kriegstreiberischen Völkern kann man allenfalls reden -- und es alle recht schön haben.

    P.P.P.S.:
    Es ist ohne Zweifel legitim, dass Migros gute erotische Kunst anbietet, oder auch nur mittelmässige -- solange dieses Unterfangen als das verkauft wird, was es ist. Diese Einschränkung, der STEPS '96 nicht genügt, ist nicht so sehr mit dem Vorwurf der Rosstäuscherei verbunden, der allerdings auch besteht, wie sie sich auf das Publikum bezieht. Hätte man als Zuschauer das Gefühl, das jene, die begeistert applaudieren zum grössten Teil im wirklichen Leben im Wesentlichen tolerant und grundsätzlich positiv eingestellt sind sowohl gegenüber dem 'Erotischen' wie auch gegenüber dem 'Absonderlichem', wie der 'Kunst' und der 'Philosophie', oder gar der 'Formalen Philosophie', dann wären einige der verrissenen Produktionen für primitive Subjekte wie den Schreiber dieser Zeilen vielleicht ein Genuss .

    Hätte -- wäre. Vielleicht auch unbegründetes Misstrauen. Dem aber könnte ein grosses bisschem Mehr an Transparenz, um es höflich auszudrücken, Abhilfe schaffen. Das Migros--Programmheft, das Transparenz wenn überhaupt im Sinne der Informatik versteht, erzählt lediglich Märchen und Sagen, und fördert so den Selbstbetrug von Darstellern und Publikum. Der Zynismus der Choreographen, welche dem Volk geben, was es sehen will, wird dadurch zur hohen Kunst geschrieben, die wunderbarerweise fast allen gefällt.






    Ach Europa, ja, Migros !
    STEPS '96 -- 3. Zwischen- und Schlussbericht

    Ausserhalb Europas fanden die Tanztheatermanager von $\goth{Migros}$, abgesehen von einer japanischen Wiederaufbereitung dreier alter europäischer Choreographien, offensichtlich nur Menschtümelei, welche gemeinhin als Kunst erkannt wird. Und so tümelte der Rezensent sich auch durch den dritten Teil des Tanzfestivals, zwischen Kampf gegen den Schlaf und Ärger über euphorisiertes Zwischengejohle, eine neben dem Takt mitklopfende Zuschauerin oder die Vorstellung an sich.

    Gemäss dem Prinzip die Form der Kritik solle dem Inhalt des Aufführung entsprechen, sei hier erwähnt, dassein Bier in der Pause ihm den zweiten Teil des Abends der {\it 'Grupo Corpo, Companhia de Danca do Brasil} angenehm erleben liess : eingeschläfert von 'Nazareth', einer endlos langweiligen Harmonie aus solitären Ringelreihen, träumte es sich nicht schlecht durch '21', auch wenn das Ende abrupt kam, und zwischendurch der Kitsch das Mass des genussvoll Konsumierbaren fast überschritt. Am Schluss toste demgemäss dann auch der Applaus. Allerdings gab es, man muss die betrüblicherweise vermerken, auch Frauen die kritischer waren als der gemeine männliche Kritiker, und die Kunst der {\it 'Grupo Corpo'} bedingungslos harmlos fanden.

    Überhaupt und sowieso war {\bf Steps '96} fest in weiblichen Zuschauerhänden, und in deren Begeisterung gut aufgehoben. Mit manchen Produktionen konnte freilich auch das Publikum wenig anfangen, beispielsweise mit den 'Random Thoughts on an Acient Theme' der {\it Guangdong Modern Dance Company}, einer recht durchschnittlichen Produktion, die leider die Ideologie des modernen westlichen Tanzes zu gut sich zu eigen gemacht hat, inklusive intellektueller Asienesoterik und pubertärem Humor, und ohne Gefühl für Bilder--, Bewegungs-- und Theaterlogik einfach langweilte.

    Die von $\goth{Migros}$ versprochene phantastistische Körperbeherrschung war leider auf der Bühne nicht beobachtbar. Soferne man die ChinesInnen nicht gerade an den Zürcher Trampeltieren misst, oder sich für politische Turnschuhdemonstrationen begeistern kann, beeindruckten sie weder physisch noch durch ihren angekündigten politischen Mut. Ein kleines bisschen chinesischen (?) Witz besass lediglich die Erotikshow mit sanft angedeutetem Schuhfetischismus, welche vermutlich sonst künstlerisch interessierte kapitalistische Manager und Politiker als Beweis für die Toleranz gegenüber der Opposition im eigenen Land zu sehen bekommen. Dass die $\goth{Migros}$--Kulturmanager dieses zweifelhafte Vergnügen mit uns allen teilen wollten, spricht für sie.

    Mit der vorletzen in Zürich zu sehenden Produktion, 'Les enfants terribles', einem gemeinsamen Projekt des Komponisten {\it Philipp Glass} und der Choreographien {\it Susan Marshall}, demonstrierten sie dann, dass den New Yorkern auch die heiligsten Prinzipien europäischen Theaters, die der Einheit, nicht heilig sind, oder sie einfach dafür zu unfähig sind. Schon die Ankündigung im Programm war ein Meisterwerk der Denunziation, beabsichtigterweise oder nicht. Man lobte den Komponisten, indem man ihn als lebenslänglich Suchenden darstellte, nach dem eigenen Stil, den er nie in anderen -- meist exotischen -- Stilen gefunden hat. Ausserdem kündigte man eine Diskussion mit Komponist und Choreographien im $\goth{Migros}$--Hochhaus an, sapienti sat. Und, damit es auch wirklich alle mitbekommen, betonte man, dass es um die Vertonung einer Geschichte von Cocteau ging, dassder Inhalt der Produktion das Erzählen einer Geschichte sei.

    Den Rest des Beweises erbrachten die Aufführung überzeugendst. Damit man die Geschichte verstehe, ward sie als Text auf die Bühne projektizitiert, als integrierter Bestandteil der Inszenierung! Das musikalische Urteil sollten andere als der Rezensent fällen. Das Bühnebild erinnerte an Wilson -- oder war es eine Anleihe bei Lepage? -- und passte nur in Nebensächlichkeiten zur Geschichte. Diese stellte sich nicht skurill--absurd, sondern schlicht blöd dar. Statt erläutert zu werden durch das Bühnenbild, wurde ihre Unglaubwürdigkeit unterstrichen.

    Insbesondere der genius loci der Geschichte war schlicht nicht nachvollziehbar. Die dramaturgische Strategie, in Details und Nebensächlichkeiten zu erzählen, scheiterte an der daraus entstehenden Unlogik des zeitlichen Ablaufs, zumal Belangloses breit ausgewalzt wurden. Der Tanz waäre für sich genommen unbeschreiblich langweilig gewesen --- im Gesamtzusammenhang ging aber das amerikanischen Wandertheater an der Geschichte vorbei direkt in die Herzen des Publikums. Nach opernhaftem Schluss -- den der taktlos von seiner Hinterfrau gestörte Rezensent nur bedingt mitbekam -- konnten sich deshalb die Protagonisten vom abermals euphorisierten Publikum feiern lassen, womit der vom Tagi vorausgeahnte Höhepunkt stattfand, und das $\goth{Migros}$--Gesamtkunstwerk seinen vorletzten Schritt zur Vollendung tat.

    Als diese war ursprünglich der Auftritt der {\it Gus Giordani Jazz Dance Company} aus Chicago vorgesehen. Letztere ward\footnote{am ersten Zürcher Abend} das Opfer der Begeisterung des Publikums, das zwischen und in den Sätzen klatschte, und wohl alles mit gefeiert hätte, was ihm auch immer vorgesetzt worden wäre. Trotz anfänglicher tänzerischer Mängel war der Abend wesentlich weniger schlimm als befürchtet und stückweise durchaus interessant, zumindest für einmal. Die einzige echte Grausigkeit an diesem Abend war die Beleuchtung, deren grelle meist unpassende Farben dem Klischee von den Amerikanern, die die Dosenlimonade giftgrün färben Genüge tat.

    Nach diesem farbigen Schlusspunkt war allerdings am letzten Tag noch einmal die verschobene 'Othello'--Vorstellung im Stadthof 11 zu sehen, gutes altes pubertärvisionäres eropäisches Theater, dem man in jeder Szene den Anspruch nach dem ansieht, was ein Grieche einmal als 'integritas, consonantia' und 'claritas' bezeichnet hat.

    Ach $\goth{Europa}$, was wäre die Welt ohne Deine dummen Ideale! Kitsch as Catch can!

    Ach Migros, was wären wir ohne Dich: Unwissende ob unserer eigenen Wurzeln! Auch wenn Deine Programmhefte kein Staubkörnchen eines Zweifels schwärzt, wir haben verstanden wie es gemeint war. Du auch?






    STEPS '94

    (BEMERKUNGEN DES ELEFANTEN VOR DEM PORZELANLADEN)


    Kommentar (zu den Vorstellungen von):
    Cie Marie Anne Thiel (Theaterhaus Gessnerallee)
    Lewitzky Dance Company Theaterhaus Gessnerallee)
    Kibbutz Contemporary Dance (Theaterhaus Gessnerallee)
    Francis Bacon (Theaterhaus Gessnerallee)
    Palindrome (Theater Westend)
    Norddeutsches Tanztheater (Theater Westend)



    Naturwissenschaften und Schöne Künste sind natürliche Widerparte menschliche Lebens, auch wenn die ästhetischen Prinzipien, die ihnen innewohnen ähnlich sind. Peinlich ist manches wissenschaftliche Statement zum Thema Kunst, peinigender noch für den Elephanten als Wissenschafter die -- und zwar fast ausnahmslos alle -- Abhandlungen des Themas Wissenschaft in der Kunst. Es scheint unmöglich, Wissenschaft und Kunst zusammenzubringen ausserhalb von Cocktailparties, Ministerempfängen und Talkshows, wo der die Gemeinsamkeit im Schwachsinn gefeiert wird.

    Wissenschaft wird in der Kunstszene (als tanzen die meisten notorischen Zürcher Tanzkünstler so, wie sie sich die Mathematik vorstellen: mit einem Brett vorm Hirn (und mehreren an den Beinen), unnatürlich, gewaltsam gekünstelt, daf/"ur mit umso weniger Power, verkrampft und im Widerspruch zur menschlichen Mechanik. Motorisch untalentiert und intelektuell mit einer ausserordentlich disziplinierten Phantasie ausgestattet versuchen viele, die Feindseligkeit, die die Natur ihnen bei der Vergabe der Talente entgegengebracht hat, durch ideologischen Inhalt zu konterkarieren. Dabei wäre für die meisten ein bisschen Haltungsgymnastik wesentlich bekömmlicher, die im übrigen auch einigen (ausländischen) international sehr erfolgreiche TänzerInnen nicht schaden würde.

    Absicht der Veranstalter von Steps '94 ist die "Plazierung des Tanzes als elementare Form szenischen Ausdrucks". Was die elementare Quantität der Tanztheateraufführungen in Zürich betrifft, ist dies überflüssig, denn das Angebot ist (zahlenmässig) noch immer recht gross . Freilich ist das Publikum bei diesen Veranstaltungen ein ewig gleiches, ebenso wie der Applaus, denn klatscht ihr bei unseren Freunden nicht, klatschen wir bei euren nicht. Steps `94 hat diesem Mangel an kritischer Rezeption des künstlerischen Tanzschaffens nicht abgeholfen, sondern im Gegenteil ihn zelebriert. Die 3 langweiligsten Produktionen ernteten begeisterte Bravorufe; die beste nur recht mässigen Applaus, und das obwohl der Grossteil des hiesigen Publikums zu dieser gar nicht erst kam.

    Dem Elephanten, der diesen im folgenden bisweilen unflätigen Kommentar verfasst, ist Leichtigkeit -- leider -- Unmöglichkeit. Umso mehr hat er die Vorstellung der Cie Marie Anne Thiel genossen, vor allem den 2.Teil, der ihm jenes Erlebnis bescherte, das die Kritiker oft als "da war es da" beschreiben, jene Veränderung der Wirklichkeit während einer Tanzperformance, die die alten Griechen(!) als claritas(??) bezeichneten. Ablehnung und Begeisterung in der Züricher Tanzszene werden, wie vermutlich in allen (Tanz)-Szenen, fastreligiös praktiziert, weshalb die Frage nach der Rolle der religiösen Überzeugungen des Publikums eine natürliche und, wie mir scheint gerade in Zürich wesentliche ist. Die Begeisterung für Arkadien, das, unter uns gesagt, schlimmer als Mäusescheisse war, und die kühle Aufnahme der Cie Marie Anne Thiel scheinen mir zwei Seiten des selben theatralischen Anspruchs zu sein. Scheinbar ähnlich sind die beiden diesen Veranstaltungen zugrunde liegenden Konzepte grundverschieden: Die Cie Thiel will, und tuts tatsächlich auch, den Raum verändern und gestalten, jenseits aller wortreichen Hirnwichserei. Arkadien aber will geistreich schwätzen über die mathematischen Gestalten der Dinge. Um ihr Ziel zu erreichen, muss die Cie Thiel in die Tiefe gehen, denn durch Kratzen an Oberflächen lässt sich die Geometrie des Raums und das Wesen der Dinge nicht dingen, pardon, nicht verändern. Genau dies aber ist das Konzept von Arkadien, sowohl vom Stück als auch von der Schauspielhausinszenierung, mit leichtfüssigem Geplauder über Nichtbegriffenes den Gehalt der Wissenschaft zu fassen. Würde der verfassende Elephant nun eine mathemathische Theorie des Tanzes präsentieren oder gar beweisen, jede/r, auch die dümmste LeserIn, würde -- hoffentlich -- begreifen, dass dies dämlichster Unfug ist, denn das menschliche Tanzen ist wesentlich komplexer als unsere (heutigen) mathematischen Modelle; umgekehrt hingegen wird für viele ein Schuh daraus, worin sich nichts anderes als die überzeugung äussert, dass die Wissenschaften, insbesondere die Mathematik und Die Theoretische Physik, viel, viel einfacher sind als die Künste, insbesondere der Tanz. Die Begründung hierfür ist schlicht, dass man die Wissenschaft nicht versteht und dass einer viele Jahre arbeiten muss , um ein guter Wissenschafter zu werden, während tanzen jeder kann oder jeder mit Begabung. Leider verstehen die meisten praktizierenden Zürcher Tänzer und Zuschauer auch das Tanzen nicht. Sie tanzen und schauen mit dem Kopf, aber mit einem sehr schweren, und empfinden nicht mit dem Bauch -- dies wäre bei vielen Ballettdämchen auch schwierig -- sondern mit schleimabsondernden Organen darunter. Die Cie Thiel überfordert die Bereitschaft vieler Tanzbegeisterter, sich einzulassen mit dem Tanz, Erotik im Kopf widerspricht der Anspruchshaltung des Publikums.

    Eigenartigerweise ist es gerade der Mangel an Konsumhaltung, an dem Steps `94 gescheitert ist. Das Zürcher Publikum will keinen bedingungslosen Konsum, es will nippen an zarten Häppchen und es will vor allem das Gemeinschaftserlebnis. Fremde Welten aber sind, glücklicherweise, einsam; nur die Blinden können sie sehen; nur die Gierigen können sie fühlen; und nur die Schweine können sie begreifen. Ein Theater für Voyeure aber, wie es die Compagnie Marie Anne Thiel anbietet, das die Menschen fassen will, um mit ihnen durch Neues zu reisen, verlangt kategorischen Tugendverzicht, was vermutlich gerade für das alternative Zürich nur sehr schwer möglich ist. Dafür liessen sich die Vorstellungen der Lewitzky Dance Company, das war ja so schön (und wenns so schön ist, ist Musikalität wirklich überflüssig, und Taktgefühl Sache der Kritiker), und das Norddeutsche Tanztheater mit dieser Wow-Inhaltlichkeit (so herrlich langweilig, so richtig zum Kuscheln, wenn auch manchmal ein bi\sschen beängstigend), und Francis Bacon, so inhaltlich dynamisch zum Thema Tod, das einem die Langeweile notwendig ist (obwohl vielleicht ein bisschen zu wenig schön und ab und zu fast zu spannend), und die Kibbutz Contemporary Dance, mit ihren schönen Bilder, die schön zweidimensional waren und nicht ekelhaft vierdimensional, (obwohl schon ein bisschen seltsam, aber glücklicherweise nicht zu oft, und dann gabs ja diesen tollen geometrischen ersten Teil), und Palindrome, wunderbar der Versuch Mathematik und Tanz zusammenzubringen (die viel erklärt haben und doch das Wesentliche nicht, zum Verlieben, obwohl tanzen konnten die fast ein bisschen -- haben Sie gewusst, dass $(x+1)(x-1) = x^2-1$ ?), genug Zeit für wahre Liebe. Es kann einem beim Gedanken daran wirklich warm werden ums Herz -- naja, vielleicht nicht bei Palindrome.

    Aber so ist eben der Elephant, er trampelt alle wertvollen zarten (zärtlichen) Pflänzchen nieder, und gafft blöde, wenn da ein paar Unverständige durch die Luft schweben, obwohl das doch jeder könnte. Darum gehts doch gar nicht beim Tanzen, es geht um die Positionierung als elementare Kunstform!! Wir Elephanten werden das nie begreifen. Pfui! -- Pfui!Pfui!Pfui! Zur Strafe habe ich mir Coincidences in der Gessnerallee angesehen, aber die waren auch gut (wenngleich sie nicht tanzen konnten). Was mache ich nur falsch? Ich würde mich so gerne langweilen, wenns die anderen tun. Buhuhuuu! Warum gefallen mir immer nur die Falschen? Warum?






    EDITOR:

    Dipl. Ing. Dr. phil. Reinhard Riedl
    Institut für Informatik
    Universität Zürich
    Winterthurerstrasse 190
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