Zuercher Theaterkritiken 1994 - 1996,
der Gemeinheiten erster Teil
(PAGE 3 of Zurich's Cynical Theatre Guide)




This page and the following 3 webpages of Zurich's Cynical Theatre Guide present reviews of theatre shows performed in Zurich, Switzerland, between January 1994 and June 1996. A list of all reviews may be found below. For further information - both in English and in German - about Zurich's rich theatre scene, go to the starting page of Zurich's Cynical Theatre Guide!







List of all German reviews 1994-96 from to



FIRST PAGE (this one):

SECOND PAGE: STEPS Dance Festivals 1994 and 1996:

THIRD PAGE:
FOURTH PAGE:





Wiiberköp:
Schauspilhuus - Opernhuus 64:5



Oleanna -- ein philosophischer Dialog


Oleanna zeigt das Scheitern eines Universitätsdozenten, der sich über die Gesetze stellt, weil er sie inhaltlich begreift, und infolgedessen die ihm vom universitären Establishment, das er als verblödet begreift, bereits versprochene Professur nicht bekommt.

Zu Recht empört er sich über den Vorwurf, er habe seine Studentin vergewaltigen wollen, als er sie am Verlassen des Zimmers hinderte und dabei unglücklich über sie fiel, trotzdem ist gerade diese Empörung seine tragische Schuld, für die er mit seiner Karriere und dem Verlust des damit verbundene Wohlstands bezahlt. Sein naiver Glaube an (seine eigenen) Rechtsbegriffe ist ein eindrückliches -- verglichen mit der Wirklichkeit freilich recht harmloses -- Beispiel für die (pseudointelektuelle) Dummheit an Universitäten: er begeht ein Verbrechen, indem er die Bildung (von der er sich unter anderem ein Haus kaufen will) als verwerflichen Blödsinn bezeichnet, und erwartet dafür von der von ihm verarschten Gesellschaft Dank; er verletzt Gesetze, indem er einer Studentin die Manipulation ihrer Note verspricht, tut dies zum eigenen Nutzen, um ihr von seinem eigenen Problemen erzählen zu können, und ist unfähig zu verstehen, warum er dafür bestraft wird. Selbst als er von der Berufungskomission verurteilt wird, begreift er die Vorgänge nicht, denn sie sind anders als seine elitären Vorstellungen von der Welt. So wird er zu einem klassischen Opfer der Weisheit: seine Ablehnung formaler Rechtsprinzipien unter Berufung auf inhaltliches Recht ruiniert ihn, weil er unfähig ist zur Abstraktion, sein Denken, wiewohl intelektuell durchaus phantasievoll und ausserordentlich gescheit, bleibt in Ichbezogenen Inhalten stecken und erstickt so seine Umwelt, sowohl die virtuelle als auch die reale, weshalb er schliesslich von letzterer in Form der Studentin Oleanna liquidiert wird. Oleanna selbst bleibt dabei als Charakter unklar. Sie spielt eine Rolle, bewusst, und tritt als Gerechtigkeitsengel auf, ohne eigene Ansprüche. Die Regie lässt die Frage nach Oleannas Motivation, nach ihrer Selbstständigkeit und nach ihrem intelektuellen (oder feministischen) Durchblick offen.

Die Aufführung des Schauspielhauses ist bösartig, und kennt keine Guten und keine Bösen, weder auf der Bühne noch im Publikum. Sie präsentiert ihre Untertreibungen in Bezug auf den Unibetrieb -- ein zwar kleiner, aber nicht unwesentlicher, Teil der wissenschaftlichen Elite missbraucht seine Privilegien in wesentlich drastischerer Weise, als dies im Schauspielhaus gezeigt wird \newpage -- als scheinbar unwirkliche (bestenfalls künstlerische) Übertreibungen, um die Eskalation der Gewalt am Ende, in Form von körperlichen Misshandlungen, welche nun tatsächlich im wirklichen Leben sehr unwahrscheinlich ist -- sieht man von Prügeleien der Professoren untereinander, wie sie bisweilen an Kunsthochschulen passieren, ab -- als glaubwürdige Konsequenz des vorhergegangenen Geschehens darzustellen.

Die Botschaft wird von der Studentin Oleanna ausgesprochen. Nachdem sie zusammengeschlagen und zusammengetreten worden ist von ihrem Dozenten und Exprofessor in spe, meint sie -- und natürlich lehnt der Kritiker als Mann dies ab -- "Was mir heute passiert ist, ist nicht schlimmer als was sonst (uns Frauen) passiert !" Ab und zu hat auch das Schauspielhaus etwas zu sagen, diesmal, gegen seine Tradition, ganz ohne belehrenden Tonfall, dafür fast ein bisschen zynisch. Take it or fake it, liebe Studenten und Wissenschafter !

Oleannas philosophierender Dozent und blindes Opfer meint, er sei Wissenschafter geworden, weil er als Kind immer dumm und ungebildet geschimpft wurde, weil ihm vorgeworfen wurde, er könnte viel besser sein mit seinen Talenten. Die Regie erzählt derartiges en passant, ohne Penetranz, aber mit diamantener Schärfe. Der Abend gelingt so zum zeitgemässen platonischen Dialog, dessen sarkastische Klarheit, frei von allen Erziehungsidealen, als gutes harmloses Provinztheater daherplaudert.

P.S. Es geht in Oleanna um die Unterdrückung der Frauen in unserer patriarchalischen und insbesondere in der wissenschaftlichen Welt. Aber die emanzipierten Frauen kennen das eh, und werden es sich wohl kaum ansehen, und die anderen werden sicher von ihren Männern aufgeklärt, weshalb der Kritiker davon Abstand genommen hat, diesen Aspekt zu diskutieren. Irgendwie geht es eigentlich, freilich nur eigentlich, in dieser Aufführung auch gar nicht so darum, sofern man natürlich nicht zu der Schar aufrechter Männern gehört, die für die Gleichberechtigung kämpfen, aber diese Männer haben dieses Stück sicher schon mit Begeisterung ihren Partnerinnen gezeigt, zu Recht.




Medea / Gras / Visions Fugitives --
Des Wahnsinns fette Beute


Dies ist gilt auch durchaus wörtlich für Bienerts Truppe. Ein Verriss ist bei so viel langweiligstem Unfug, wie er im Medeafragment beim II.Ballettabend im Opernhaus geboten wird, vermutlich um das Publikum Medeas Wahnsinn besonders realistisch erleben zu lassen, mir unmöglich. Was danach kommt ist allerdings ganz nett, Grashüpfer und eine neue Gymnastikmodelinie.







Die Irre von Chaillot -- Sinnliche Geometrie


Wieviel Platz ist im Raum ? Der Beitrag des 'Kitz, Junges Theater Zürich' zu diesem klassischen Problem der Geometrie ist die Aufführung des Stücks 'Die Irre von Chaillot' von Jean Giradeaux: Im kleinsten Theaterzimmer (z.B. Depot Hardturm -- kleiner Saal) ist genug Platz, um darin Burgtheater zu spielen.

Erzählt wird ein Paradoxon: die Erscheinung eines Bezirksoriginals, einer scheinbar sanft verrückten älteren Dame, die man leicht für einen Engel der Armen von Chaillot verwechseln könnte. Sie ist a ganz a liabe, die Irre von Chaillot. Ihr erster Auftritt, aber, ist voll unangenehmem Imperativ, Bote einer Gewalt die der Sanftmut dieser Person und des Stücks eignet und in Gewalttätigkeit ihr Ziel finden wird, kategorisch, kompromisslos und brutal. Die Antisymmetrie zwischen ihren Trippelschrittchen und dem hin und herwackelndem Körper einerseits, und dem dazu im entgegengestzendem Sinn kreisenden Hut andererseits irritiert auf die widerlichste Weise und verleitet dazu, sie den Hut in die Kategorie 'originell' einzureihen und die ganze Erscheinung noch herzig zu finden, oder oberaffentittengeil. Und dies zurecht, denn dieses Theater ist Kindertheater, und zwar, getreu dem Prinzip 'Auf dem Theater sind alle Mittel erlaubt, auf die schamloseste Art und Weise: um die Spannung im rechten Augenblick unterbrechen zu können wird Slapstick geboten, was sich kein Burgtheater natürlich nicht erlauben könnte. Doch herzig geht die Welt nur scheinbar zu Grunde und dieser genial konstruierte Hut ist nicht nur Requisit einer netten Aufführung, sondern er ist auch geometrische Abstraktion des Charakters der Irren, der sich nicht nur klischeehafter Interpretation und Inbesitznahme verweigert, sondern ganz und gar real von höchster Gefährlichkeit ist, so wie es mancher Politiker in der Wirklichkeit es auch ausdrücken würde. Die Inszenierung Serena Saratori analysiert und erklärt die Irretation der antisymmetrischer Erscheinung, ohne zu überzeugen: statt den Widerspruch zwischen Sanftmut, den die Irre sehr wohl, trotz ihrer Brutalität ausstrahlt, und eben dieser Brutalität und Gewaltätigkeit, mit konsensfähigen glücklichen Fügungen aufzulösen, zeigen das Stück und die Regie das Verbrechen als heldenhafte Tat, nämlich das Verbrechen der Ermordung von Spekulanten, in alttestamentarischer Scheidung zwischen Gottgefällig und Böse.

Die opulente Fülle an Handlung, die dem Zuschauer das Erlebnis des 'mitten im Geschehen stehens' beschert, wird zu einer klaren, fast minimalistischen Darstellung der Charaktäre benützt. Die visuelle Völlerei, die dem Zuschauer nahegelegt wird, enthält konturierte geometrische Strukturen und schafft es trotzdem, sich kindlich naiv und voller Sinnlichkeit dem Zuschauer anzubieten. Das Theater fürt Krieg gegen die Zuschauer und tut dies mit der Bedachtsamkeit und List einer erfahrenen Nutte, die um ihre Macht weiss.







Hiroshima
The Seven Streams of the River Ota Part I & Part II ---
Sex, Sex, Sex


Weil Hiroshima ist die Stadt der Überlebenden. Die Botschaft von Robert Lepage und Ex Machinaist einfach: Wer keinen Sex hat, hat Probleme, wer oder was schnakselt, überlebt -- in der Erinnerung und der Wiederholung der Natur.

Ob vom Regisseur beabsichtigt oder nicht, 'The Seven Streams of the River Ota' ist eine Liebesaffäre für den Zuschauer. Der Beginn ist mühsam. Der Prolog erzählt die Intention des Nachfolgenden (und untermalt sie mit einer ausdrucksschwachen Schwertzeremonie). Die Handlung im ersten Bild, das eine Liebesgeschichte in Hiroshima zwischen einem amerikanischen Fotografen und einer durch den Bombenabwurf entstellten Japanerin erzählt, schleppt sich dahin, und die Konzentration darauf erfordert viel guten Willen. Danach aber erleben die Zuschauer spannendes Theater, Lebens- und Liebes- und Todesgeschichten, die ineinander und mit der Handlung des ersten Bildes verwoben sind, und im letzten Bild in einer sehr unterhaltsamen Farce mit dem Motiv Theater enden. Doch wenn am Ende des letzten Bildes die 'Masken' fallen, ist das einzige Thema Sex. Der Epilog, zwei Frauen sind tief verletzt worden, weiss der Zuschauer aus der verteilten Inhaltsangabe, ist pubertär weise und kitschig, de Sade und die Hiroshimabombe glänzen im Abendhimmel auf, nachdem die verletzten Damen beschlossen haben, dass sie es überstehen werden, denn Hiroshima ist die Stadt der Überlebenden. Und der Zuschauer verlässt das Theater unbeeindruckt, als wäre es die letzte Liebesnacht einer schönen, oberflächlichen Affäre gewesen.

Drei Szenen vor allem werden in dem sechstündigen Theaterabend (mit vier grossen Pausen) faszinierend dargestellt: die Selbstötung durch Sterbehilfe des an Aids erkrankten Fotografen Jeffrey, der Frucht der Liebesgeschichte des ersten Bildes; ein Puppenspiel, das von der Erfindung des Schiesspulvers auf der Suche nach einem Aphrodisiakum für einen altersschwachen verliebten chinesischen Kaiser handelt; und die sadomasochistische Liebesszene zwischen der sechzigjährigen Fotografin Jana und dem jungen kanadischen Kalligraphiestudenten Pierre während einer Fotosession im Haus der Handlung des ersten Bildes.

Diese Faszinationen des Augenblicks sind die beeindruckende Qualität des Stücks. Hinter ihnen steht ein banal-intellektueller Überbau. Der Aufbau des Abends und auch der Aufführungsstil erinnern an Heimito von Doderers Romane, die Zusammenhänge zwischen den Figuren werden aber nur oberflächlich gezeichnet. Der Versuch Handlung und ideologischer Intention -- Hiroshima als Stadt des Überlebens darzustellen -- zusammenzuführen, führt zu einem peinlichen Finale. Was bleibt, ist die Erinnerung an einen genussvollen, spannenden Theaterabend ohne tiefere Bedeutung -- nicht mehr und nicht weniger. %; soferne man nicht, wie der Nachbar des Kritikers, die Botschaft von Lepage ernst nimmt, und mit einer Kritikerin ein Gespräch -- wo nehmen wir den Kaffee -- beginnt darüber, was denn bleibt, und (vermutlich) wie man (Mann? neuer Mann? frau?) ..., aber im Grunde sind das lauter Gemeinheiten. Schauen Sie sich die Produktion an! Weiter Aufführungen von 'The Seven Streams of the River Ota Part' sind beim Theaterspektakel vom 25.8. bis zum 27.8. (jeweils Part I \& Part II), am 28.8. (Part I) und am 29.8. (Part II) zu sehen.







Backroom - Geili Spieli


Eine weibliche Person tritt auf und verhunzt eine Textpassage aus den Bakchen des Euripides, mit dadaistischem Geschick, sprachlich durchaus professionell. Während dieser ersten Minuten ist die Vorstellung `Backroom` im Neumarkttheater auf dem Weg zum Theater -- und auf einer intelektuellen Ebene geht sie diesen Weg bis zum Ende an der Theaterbar des Neumarkttheaters, Sie wissen, dieser berühmten Bar, wo die Weltwochekritiker gemeinschaftswichsen praktizieren, die Bar vor den Ecken der Garderobe des Neumarktteaters, wo die Weltwochekritiker uns ein noch ganz anderes Wichsen verheissen -- aber ich schweife ab und überspringe das Unwesentliche, die Vorstellung im Neumarkttheater. Diese nämlich biegt, kurz nach ihrem ersten a posteriori verheissungsvollen sprachzerstörerischem Auftritt, ab vom geistigen Weg ins Sinnliche, um nicht zu sagen Kärntnerische, eine geile Welt, in der die Frauen einen Sprachfehler haben und nicht nein sagen können. Das Bizarre an Backroom ist dabei nicht die Darstellung sexueller Perversionen, nicht in einer so liberalen Stadt wie Zürich (der Stadt der NZZ), sondern das Ambiente, das dabei lustvoll lustig dem Zuschauer geboten wird.

Köstlich -- die Sprache des Kritikers muss sich hier dem Professionellen anpassen, sonst wäre es eine Untertreibung -- köstlich, wie der Herr Direktor den jungen Germanistikstudenten als Dichter nach der Vorstellung abfängt und dem, nein ein Arschkriecher ist dieser bei ausser Rand und Band geratenden Podiumsdiskussionen so würdig, vernünftig und verantwortungsbewusst auftretende junge Mann ganz gewiss nicht, Neumarktdichter in spe, der im Publikumsraum sehr mässige Begeisterung demonstrierte, begeistert erzählt, wie toll die Vorstellung war, und besonders nett, wie der junge Mann dem alten Mann nicht widerspricht, und ihm brav zuhört (so würde man sich alle jungen Künstler wünschen). Herzerfrischend, wie die Domina vor Glück strahlt, weil es so viel Applaus gibt. Wunderbar das hübsche, sympathische Publikum, ganz zu schweigen von den herrlich elitären Neumarktserviertöchtern. Das Motto der ganzen Veranstaltung ist das bekannte Haidersche Erfolgsrezept für Akademiker: Hauptsache, es kommt etwas in Bewegung und die alten verkrusteten Strukturen brechen auf, dann wird es besser (oder zumindest Heller?). Weniger prosaisch ausgedrückt, die Wüste muss zu beben beginnen, vor allem die geistige Wüste der Weltwoche, in der solche Ausdrücke (wir haben ihn dort aus einer Neumarkttheaterkritik gestohlen) kreiert werden. Zum Spriessen gebracht wird die angebliche Zürcher Wüste mit einem Stricher, einer (oben angesprochenen) Profi-Domina, einer (Normal-)Hure, deren Sprachzerstörung am Anfang offensichtlich nicht beabsichtigt, sondern unfreiwillig war, und vor allem durch sehr viel Sex. (Wieso meint der Tagi, dass das den mitwirkenden professionellen Schauspielern peinlich ist. Gibts bessere Shows in Zürich, und wenn ja, warum berichtert der Tagi nie darüber?) Inhaltlich ist das Thema dieser Aufführung im eigentlichen Sinne des Worts die engen Bindungen zwischen Eros und Thanatos. Allerdings wird darauf kein grösseres Gewicht gelegt, wichtig sind der Regie vor allem Power und Action.

Der Abend könnte damit durchaus etwas bieten. Wenn die Realität Fiktion wäre, wenn die echten Huren falsche Schauspieler und die echten Schauspieler falsche Huren wären, wenn der Aufbruch, die Bewegung im Kopf stattfände, statt zwischen den Beinen, könnte Backroom zu einem schwer bedenklichen Theaterabend werden. Tatsächlich aber unterwirft sich die Regie den pseudopsychologischen Weisheiten des wirklichen (Theater-)Lebens: Premierenkarten werden nach Wichtigkeit des Reservierenden vergeben (bestellen sie nur mit Doktortitel und besorgen sie sich am besten einen gefälschten Presseausweis, Modell: für kostenlosen Eintritt bei Sexmessen); die Aufführung, die nur in einem sehr abstrakten Sinn etwas mit den Bakchen des Euripides zu tun hat, zitiert immer wieder ebendiesen -- in schwachsinnigster Art und Weise -- und schafft damit eine kulturelle Rechtfertigung für ihren Konsum, womit die alternative Gutbürgerlichkeit gewahrt bleibt; und Regieansätze, die als Kritik des Publikums, ja überhaupt als irgendeine kritische Haltung missverstanden werden könnten, gibt es schlechterdings nicht. Das klare Ziel dieses Theaters ist die Einheit zwischen Konsumierenden und Schaffenden: ein Publikum, ein Theater, ein Direktor! Dass dies im Stile einer Provinz-High-Society zu angestrebt wird, ist die besondere, nunmehr bereits zur schlechten Neumarkt-Tradition gehörende, Qualität des Abends, und es ist auch das einzig Böse, das den Organisatoren zu Eros und Thanatos eingefallen ist.

Ehrlicherweise muss man schreiben, dass die Vorstellung recht schön und spannend ist, und sie wird auch von dem sehr aufgeschlossenen Publikum interessiert obzwar indifferent aufgenommen. In einem bunten Reigen wechseln sich -- im Detail wird dies wohl jeder je nach Geschmack und Neigungen verschieden auffassen -- grausige, blöde, exotische und erotische Szenen ab. Aussagen und Stellungnahmen aber fehlen. Leider fehlt auch dieses Fehlen. So gelingt Backroom zum unterhaltsamen, profund harmlosen, wenn auch nicht völlig unbedenklichen Theaterabend mit viel Power. Wenn i a net was, wos i ma oschau, dafüa is es früa aus. Und am Ausgang wartet der Direktor. Und in Österreich der Haider. Und alle haben Spass . Und billig ist es auch noch.









BETON --- Bernhard und Direktor
(eine szenische Lesung mit Vorspiel in der Neumarktbar)


Als wär's ein Stück von Thomas Bernhard. Mit dem Gastspiel 'Beton', einer szenischen Aufführung des Prosatexts 'Beton' von Thomas Bernhard durch Peter Fitz unter der Regie von Hermann Beil, verwirklicht sich das Neumarkttheater wieder einmal als Kleinösterreich. Diesmal freilich, anders als bei früheren Gelegenheiten, nicht durch Beschränkung auf biederste künstlerische Provinzialität, sondern durch eine ganzheitliche Aufführung österreichischen Welttheaters wie es so oft beschrieben und vor allem auch inszeniert wurde vom grossen österreichischen Volksdichter. Das Publikum bietet hierfür willig die Bernhard'sche FKK-Atmosphäre und auch der liebe Herr Direktor spielt brav mit, als wär alles vom Herrn Thomas persönlich (oder gar von Peymann) inszeniert. Dabei charmiert's von allen Ecken, auch dem bekannten Weltwoche-puff hinter der Garderobe - ein echter Wiener müsste erblassen vor Neid. Der Herr Direktor schleimt sich an eine Dame, die im Zusammenhang mit der Presse steht, heran, auf die virtuoseste Art und Weise, so dass man es gar nicht merken würde, wenn man ein galantes Schwein wäre. In Minutenschnelle schafft er es, der Dame ein Ganzkörperkondom überzuziehen aus galantestem Wohlwollen für ihre bildhübsche Tochter, die ihn vor kurzem so klug in die Mangel genommen hat - des Grausens schreckliche Schöhnheit könnte nicht innerlicher sein im wirklichen Österreich. Ebenfalls gut ins Bild passt die intellektuelle Armleuchterei die von all den schönen, fast ausnahmslos dunkel bis schwarz gekleideten, Menschen geistig zur Veranstaltung beigetragen wird und uns die besten Hoffnungen machen darf, dass man bald intellektuelle Computer, zumindest aber Theaterzuschauerautomaten wird bauen können. Üble Gestalten gibt es vielleicht einige im Publikum, sie gehen aber unter im Geschwätz eines allernaivsten Gesindels -- wenn der Österreicher ein Deutscher oder Schweizer wäre, er müsste ein Zürcher sein.

Bernhard ist unser Verbündeter; aber er ist ein guter Verbündeter, denn er missbraucht unser Gelächter als betonerne Nachtkulisse, in die er seine Figur Rudolf hineinstellt, damit Elend sichtbar wird, unser Elend, personifiziert durch eine komische Figur, die nichtsdestotrotz vermutlich unser bestes, anständigstes Ich ist. Rudolf ist ein Versager, unsere Versagen, und er ist ein Überlebender seines Versagens, unser Überleben. Seine Geschichte ist so im Oberösterreichischen verhaftet, wie sie provinzieller nicht sein könnte, und sie ist zugleich universalstes Welttheater, wie es oberösterreichischer nicht sein könnte.

Peter Fitz ist zu alt für diese Rolle, was bisweilen irritiert, dafür aber zieht er alle komödiantischen Register um das Elend überzogener geistiger Ambitionen, deren realistische Möglichkeiten aus Bequemlichkeit und Faulheit unter vielen verlogenen Ausreden vertan wurden, und nunmehr scheinbar völlig unerreichbare sind, freizulegen und in seiner einfachen Furchtbarkeit sichtbar zu machen als Grund über dem sich Bernhards selbstverachtender Witz spiegelt. Die Aufführung beginnt wie sie endet, mit einem Rudolf der der Musik Mendelssohn-Bartholdys lauscht; doch was als Überteiberkomödie, die im Du Schopenhauers Philosophie verwirklicht sieht, begonnen hat, stellt sich am Ende als Überleberelend heraus, als Elend eines Mannes dessen Sprache nicht ohnmächtige Übertreibung, sondern emotional fast überwältigende Darstellung der Furchtbarkeit an sich ist, die unsere Existenz eignet. Dazwischen liegt eine schauspielerisch virtuos vorgetragene Selbstanalyse, allesverachtend zuerst, die im Verlauf des Abends zur Bejahung der Mitmenschen und damit des eigenen Überlebens gelangt, was jedoch nicht zum erhofften genussvollen Urlaub auf Mallorca, sondern im Bernhard'schen Sinn konsequenterweise nur zur Wahrnehmung des grausigen Elends der anderen führt. Beeindruckend sind vor allem die Darstellung des unbegreiflichen unter aller intellektueller Geistigkeit wirkenden Lebensprinzips und die daraus resultierenden emotionalen Schwankungen Rudolfs, dessen konsequent widersprüchliches, nicht wirklich fassbares Ergebnis Rudolfs Überleben in der Sprache seines Prosatexts ist und die Wahrnehmung der völligen und realen Trostlosigkeit des Lebens, unseres Betons. Statt der von Rudolf angestrebten, seit 10 Jahren beabsichtigten, Arbeit über Mendelssohn-Bartholdy ensteht die Selbst- und Weltabrechnung 'Beton', Dokument eines Überlebens, das in der variablen österreichischen Tradition 'Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst', steht. Die Aufführung endet mit hoffnungsloser nachtschwarzer Kälte, die nichts umhüllt als eben Beton.

'Beton' ist eine Aufführung, die nicht nur allen sympathischen Menschen zu empfehlen ist - die Veranstaltung bedarf ihrer Statisten, denn ein Direktor allein wäre gegen die Furchtbarkeit der Bernhard'schen Sprache verloren - sondern auch jenen, die sich vom Theater mehr als nur einen geistigen Verhinderungsgrund für die Erfüllung ehelicher Pflichten erwarten.








EDITOR :

Dipl. Ing. Dr. phil. Reinhard Riedl
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